Overshoot

Flutkatastrophe Ahrtal Eine Woche nach dem tausendfachen Verlust von Haus und Hof wurde der Earth Overshoot Day errechnet , lässt sich der Zusammenhang noch wegdiskutieren?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es ist alles weg. Das Haus, der gesamte Hausstand meines Lebensgefährten und damit mein 2. Zuhause hat die Flutwelle im Ahrtal mit sich gerissen. Mein Lebensgefährte befand sich mit seinem Sohn im Wohnzimmer, als das Haus seltsame Geräusche machte und knirschte und knackte und dann mit einem gewaltigen Schlag die Scheibe zerplatzte und die Wassermassen hereinstürzten. Zum Glück konnten sie sich in die obere Etage retten, im Gegensatz zu drei Menschen seiner unmittelbaren Nachbarschaft, die in ihrem Keller bzw. ihrer Garage ertrunken sind.

Die nächsten Tage waren von einem wilden Aktionismus geprägt. Ganz Ahrweiler schippte Schlamm. Wir auch. Über der Stadt hing der Geruch von Erdöl, ab dem dritten Tag begann der Schlamm zu stinken. Wir schippten, was das Zeug hielt, die riesigen Müllberge vor jedem Haus waren Zeuge dieses Ameisenfleißes.

Inzwischen stehen Dixi-Klos in den Straßen, in einigen Stadtteilen gibt es schon wieder Wasser und Strom, die Müllberge sind weggeräumt und die Tausende zerquetschte Autos türmen sich auf einigen Parkplätzen.

Aktivismus war gestern, jetzt kommt die Depri-Phase. Der Verlust von so vielem, was einem wichtig war, macht etwas mit einem. Mit mir. Obwohl mein Lebensgefährte weitaus mehr verloren hat als ich, nämlich alles, spreche ich hier ausschließlich aus meiner Perspektive. Die alten Möbelstücke von meinen Eltern, die ihre eigene Geschichte hatten – das Verfrachten des gesamten großelterlichen Hausstandes über die grüne Grenze von Naumburg nach Lüneburg in einem Eisenbahnwaggon, den meine Oma väterlicherseits irgendwie einem Eisenbahner abgeluchst hatte – die im Lüneburger Haus meiner Großeltern standen und dann plötzlich bei meinen Eltern in Kamen, mit denen ich aufgewachsen bin, deren Schönheit mich erwärmt hat und die nun aufgequollen und in Stücke gehauen irgendwo auf der Giga-Mülldeponie von Ahrweiler/Bad Neuenahr liegen, das löst etwas in mir aus, verdammt!, ob ich das nun will oder nicht.

Ich kann es noch nicht beschreiben. Mag die Worte dafür nicht suchen. Empfinde gegenüber denen, die in Ahrweiler immer noch ohne Strom und Wasser und von den Spenden der Bevölkerung leben, Scham. Es ist eine Leere, die nicht inspiriert, sondern unangenehm und bedrückend ist. So ähnlich wie im ersten Lockdown. Als Corona noch als konkrete Bedrohung empfunden wurde.

Was bedroht dich denn?, spöttelt das stets dialektische Ich. Der Kaffeepott steht neben mir, die Sonne lacht durch die auf Halbschatten gestellten Lamellen ins Küchenfenster rein.

Am 29. Juli, also gestern, war Erdüberlastungstag! Ab jetzt lebt die Menschheit auf Pump. Die Ressourcen sind für dieses Jahr schon erschöpft, ab sofort verbrauchen wir mehr, als die Ökosysteme der Erde erneuern können. Der kritische Punkt ist überschritten, wenn die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Ressourcen sowie zur Aufnahme von Müll und Emissionen (!!!!!!) nicht länger unserem Wahnsinnsverbrauch an Wäldern, Flächen, Wasser, Ackerland und Fischgründen standhalten kann.

Der Denkfabrik Global Footprint Networkin Kalifornien ist die Berechnung dieses apokalyptischen Moments – dem

Overshoot

Es ist alles weg. Das Haus, der gesamte Hausstand meines Lebensgefährten und damit mein 2. Zuhause hat die Flutwelle im Ahrtal mit sich gerissen. Mein Lebensgefährte befand sich mit seinem Sohn im Wohnzimmer, als das Haus seltsame Geräusche machte und knirschte und knackte und dann mit einem gewaltigen Schlag die Scheibe zerplatzte und die Wassermassen hereinstürzten. Zum Glück konnten sie sich in die obere Etage retten, im Gegensatz zu drei Menschen seiner unmittelbaren Nachbarschaft, die in ihrem Keller bzw. ihrer Garage ertrunken sind.

Die nächsten Tage waren von einem wilden Aktionismus geprägt. Ganz Ahrweiler schippte Schlamm. Wir auch. Über der Stadt hing der Geruch von Erdöl, ab dem dritten Tag begann der Schlamm zu stinken. Wir schippten, was das Zeug hielt, die riesigen Müllberge vor jedem Haus waren Zeuge dieses Ameisenfleißes.

Inzwischen stehen Dixi-Klos in den Straßen, in einigen Stadtteilen gibt es schon wieder Wasser und Strom, die Müllberge sind weggeräumt und die Tausende zerquetschte Autos türmen sich auf einigen Parkplätzen.

Aktivismus war gestern, jetzt kommt die Depri-Phase. Der Verlust von so vielem, was einem wichtig war, macht etwas mit einem. Mit mir. Obwohl mein Lebensgefährte weitaus mehr verloren hat als ich, nämlich alles, spreche ich hier ausschließlich aus meiner Perspektive. Die alten Möbel von meinen Eltern, die ihre eigene Geschichte hatten – das Verfrachten des gesamten großelterlichen Hausstandes über die grüne Grenze von Naumburg nach Lüneburg in einem Eisenbahnwaggon, den meine Oma väterlicherseits irgendwie einem Eisenbahner abgeluchst hatte – die im Lüneburger Haus meiner Großeltern standen und dann plötzlich bei meinen Eltern in Kamen, mit denen ich aufgewachsen bin, deren Schönheit mich erwärmt hat und die nun aufgequollen und in Stücke gehauen irgendwo auf der Giga-Mülldeponie von Ahrweiler/Bad Neuenahr liegen, das löst etwas in mir aus, verdammt!, ob ich das nun will oder nicht.

Ich kann es noch nicht beschreiben. Mag die Worte dafür nicht suchen. Empfinde gegenüber denen, die in Ahrweiler immer noch ohne Strom und Wasser und von den Spenden der Bevölkerung leben, Scham. Es ist eine Leere, die nicht inspiriert, sondern unangenehm und bedrückend ist. So ähnlich wie im ersten Lockdown. Als Corona noch als konkrete Bedrohung empfunden wurde.

Was bedroht dich denn?, spöttelt mein stets dialektisches Ich. Der Kaffeepott steht neben mir, die Sonne lacht durch die auf Halbschatten gestellten Lamellen ins Küchenfenster rein.

Am 29. Juli, also gestern, war Erdüberlastungstag! Ab jetzt lebt die Menschheit auf Pump. Die Ressourcen sind für dieses Jahr schon erschöpft, ab sofort verbrauchen wir mehr, als die Ökosysteme der Erde erneuern können. Der kritische Punkt ist überschritten, wenn die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Ressourcen sowie zur Aufnahme von Müll und Emissionen (!!!!!!) nicht länger unserem Wahnsinnsverbrauch an Wäldern, Flächen, Wasser, Ackerland und Fischgründen standhalten kann.

Der Denkfabrik Global Footprint Networkin Kalifornien ist die Berechnung dieses apokalyptischen Moments – dem Earth Overshoot Day – zu verdanken; Gründer und Präsident ist der Schweizer Nachhaltigkeits-Experte Mathis Wackernagel (zum Bericht). Wir Deutschen mit unserem hohen Konsum und entsprechendem Ressourcenverbrauch haben keinen geringen Anteil daran. Die einschlägigen (aber leider nicht einschlagenden) Infos kamen gestern Abend in der Tagesschau: Jeder weiß Bescheid. Jeder labert darüber, meine Nachbarin hält mir gestern heulend ihr Handy mit Bildern von den brennenden Wäldern in der Türkei unter die Nase. Ich brauche aber mein Auto, fügt sie an, ich muss ja zur Arbeit kommen …

Die Flutkatastrophe in Ahrweiler sehe ich als direkte Antwort auf den verheerenden Zustand, in den jede und jeder Einzelne von uns unseren Lebensraum Erde gebracht hat. Ich möchte sicher leben, wie wahrscheinlich jedes Lebewesen auf der Welt. Alte Sachen aus der Familie – sie stehen für Sicherheit. Für Beständigkeit. Sie sind schon immer dagewesen, lange bevor es mich gab, und der Weg führt über mich, damit sie eines Tages sicher bei meinen Kindern und noch später meinen Enkeln stehen.
Jetzt steht da nichts mehr. Diese alten, sorgsam gepflegten und behüteten Dinge – sie waren ein Stück von mir. Sie waren Vergangenheit und Zukunft in einem. Es geht um viel mehr als den Verlust von Tisch und Stuhl. Es geht um die Frage: Wo ist heute sicheres Leben?

– zu verdanken; Gründer und Präsident ist der Schweizer Nachhaltigkeits-Experte Mathis Wackernagel (zum Bericht). Wir Deutschen mit unserem hohen Konsum und entsprechendem Ressourcenverbrauch haben keinen geringen Anteil daran. Die einschlägigen (aber leider nicht einschlagenden) Infos kamen gestern Abend in der Tagesschau: Jeder weiß Bescheid. Jeder labert darüber, meine Nachbarin hält mir gestern heulend ihr Handy mit Bildern von den brennenden Wäldern in der Türkei unter die Nase. Ich brauche aber mein Auto, fügt sie an, ich muss ja zur Arbeit kommen …

Die Flutkatastrophe in Ahrweiler sehe ich als direkte Antwort auf den verheerenden Zustand, in den jede und jeder Einzelne von uns unseren Lebensraum Erde gebracht hat. Ich möchte sicher leben, wie wahrscheinlich jedes Lebewesen auf der Welt. Alte Sachen aus der Familie – sie stehen für Sicherheit. Für Beständigkeit. Sie sind schon immer dagewesen, lange bevor es mich gab, und der Weg führt über mich, damit sie eines Tages sicher bei meinen Kindern und noch später meinen Enkeln stehen.

Jetzt steht da nichts mehr. Diese alten, sorgsam gepflegten und behüteten Dinge – sie waren ein Stück von mir. Sie waren Vergangenheit und Zukunft in einem. Es geht um viel mehr als den Verlust von Tisch und Stuhl. Es geht um die Frage: Wo ist heute sicheres Leben?

17:10 02.08.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

C. Juliane Vieregge

Autorin, Bloggerin. Am 13. März 2019 ist ihr neues erzählendes Sachbuch "Lass uns über den Tod reden" im Ch. Links Verlag, Berlin, erschienen.
C. Juliane Vieregge

Kommentare 1