Selenskij will mehr und Sascha will das auch

Pazifismus im Sinkflug Wie die Uminterpretation der deutsch-russischen Entspannungspolitik in unser Wertesystem eingreift

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Während deutsche Politiker*innen sich in der Ukraine die Klinke in die Hand geben, um ihren Diener / Knicks vor Selenskij zu machen – und während ein in die Enge getriebener Kanzler per Fernsehansprache seine Strategie erklärt (Schaden vom Volk abwenden, keine deutschen Alleingänge, die deutsche Verteidigungsfähigkeit verbessern, die NATO darf nicht Kriegspartei werden) -, verlangt es den König von Kiew nach viel mehr:
Reue, Buße und Lossagung will er aus den Mündern der deutschen Politiker*innen-Riege hören: Hundertfaches Sühne-Bekenntnis, hundertfache Bitte um Vergebung für 50 Jahre erfolgreiche Entspannungspolitik.
Als da wären: Internationale Rüstungskontrolle, Stärkung der Menschenrechte, deutsch-deutsche Wiedervereinigung.
Und das soll auf einmal alles Verrat gewesen sein?
Ja, darunter mache es Selenskij nicht – die Geschichte muss uminterpretiert werden, und zwar von den Akteuren selbst!
Entspannung, Wandel durch Handel, Diplomatie und Pazifismus sind die neuen Antiwerte. Selbsternennungsvordenker Sascha Lobo hat denn auch gleich den passenden Begriff dafür: Lumpenpazifisten tituliert er Persönlichkeiten wie die Theologin und ehemalige Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer, die Philosophin Dr. Svenja Flaßpöhler, den Sozialpsychologen Prof. Dr. Harald Welzer, die Schriftstellerkolleg*innen Martin Walser und Julie Zeh, den Politikwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Merkel, den Kabarettisten Gerhard Polt u.v.a., die den ihnen von Kiew zugewiesenen Weg partout nicht gehen wollen.
Der Berserker unter den neudeutschen Wortführern hängt sein Fähnlein stets nach dem Wind – erinnert sei hier nur an seine frühere Position zum ungeregelten Internet, bis auch er, oups!, reichlich spät, nämlich 2014, die Gefahr des Missbrauchs im weltweiten Netz erkannte und heulte: “Das Internet ist kaputt!”
Lobo kann sich auf das transatlantische Sprachrohr Spiegel verlassen: Der hat nichts Besseres zu tun, als sein Geschwurbel ("Gandhi ... war eine sagenhafte Knalltüte") der Öffentlichkeit zu präsentieren, als handle es sich um eine nie dagewesene Denkrichtung. Nee, es ist nur Kriegsgeilheit. Die feuchten Träume von einer Revanche, 80 Jahre nach Hitlers gescheitertem Unternehmen Barbarossa. Das einzig Neue: Die Grünen rasseln mit den Säbeln, als hielten sie die Langeweile des langen Friedens nicht länger aus. Es ist Futter für die Corona-müde Presse. Es ist das neudeutsche Hurra, es ist Krieg!, und alle gehen hin.
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

C. Juliane Vieregge

Autorin, Bloggerin. Am 13. März 2019 ist ihr neues erzählendes Sachbuch "Lass uns über den Tod reden" im Ch. Links Verlag, Berlin, erschienen.
C. Juliane Vieregge

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