C. Juliane Vieregge
18.06.2017 | 14:21 9

Schwimmen, schwamm, geschwommen

Lebenslang Albträume im Pool

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied C. Juliane Vieregge

Ich schwimme jetzt jeden Tag eine halbe Stunde, das ist einfacher als Runden zählen. Und dabei fällt mir doch tatsächlich mal wieder ein, dass ich den Freischwimmer, also das Zertifikat, also das runde Stück Stoff mit der einen Welle, das dann später auf meinen Mädchenbadeanzug draufgenäht wurde, unrechtmäßig erworben habe, weil ich da, wo das Kamener Schwimmbad flach wurde, auf dem Boden langgelaufen bin. Wie die blauen Kacheln sich unter den Füßen angefühlt haben, weiß ich noch wie heute, das ist ja Über-Ich-mäßig schon ein bisschen daneben.

Der Bademeister hatte Besseres zu tun als am Beckenrand mein Heldenstück zu beobachten. Er verkrümelte sich in sein Kabuff und kam mir nicht auf die Schliche. Jahrelang habe ich gemutmaßt, gar keine viertel Stunde durchzuhalten und demnach auch keinen Freischwimmer zu besitzen. Das sind solche Sachen wie das Mathe-Abi, von dem du zig Mal, vorzugsweise in Stresssituationen, träumst, irgendjemand würde es dir wegen Betrugsversuch nachträglich aberkennen. Aber ich habe mein Abi und den Freischwimmer und auch sonst noch einiges. Schließlich schwimme ich jetzt schon mehr als dreißig Minuten hier rum – Lizenz zum Fahrtenschwimmer, zwei Wellen! – und du denkst viel öfter über das nach, was nicht oder nicht so glatt geklappt hat, als darüber, wofür du dich übelst krumm gelegt hast, bis es endlich von Erfolg gekrönt wird … solche Ratgeberweisheiten erspare ich mir heute, bei dreißig Grad unter der Sonne, auch nicht.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (9)

denkzone8 18.06.2017 | 15:11

als gegenstück dazu:

ein mädchen, daß seiner kratzenden mütze überdrüssig,

sie hinter dem haus auszog.

die mutter, aus dem hinterfenster kontrollierend,

konfrontierte das mädchen mit ihrer un-entdeckt-geglaubten widersetzlichkeit: der liebe gott sieht alles.

vor dieser koalition des allwissenden mit ihrer mutter

ging das mädchen in die knie, schwor allem lügen ab

und lebte das leben einer gläsernen.

pleifel 18.06.2017 | 16:13

Dieser Leistungsnachweis ist mir als Kind schon irgendwie überflüssig vorgekommen, denn für mich zählte anfangs nur, sich über Wasser halten zu können und da war der Hundepaddelstil allemal noch die einfachste Methode. Nein, es musst dann schon Brust- oder Kraulstil sein. Es wurde dann auch gleich festgestellt, ob man ein Brust- oder Kraultyp war.

Meinen Freischwimmer habe ich größere Teile auch auf dem Rücken verbracht. Ob das so ganz regelgerecht war, kann ich nicht mehr sagen.

Später musste es denn auch noch der Grund- und Leistungsschein sein, ansonsten hätte ich nicht in den Bädern arbeiten (aushelfen) dürfen. Spielte dann auch keine Rolle, ob man das alles bereits konnte: der offizielle Nachweis musste her.

GEBE 19.06.2017 | 15:30

Mein älterer Bruder hatte den Frei- und den Fahrtenschwimmer. Als er den Fahrtenschwimmer machte, kam selbstverständlich das Abzeichen auf die Badehose. Seine alte Badehose, die mit dem Freischwimmerabzeichen, wurde, ähnlich wie viele andere Kleidungsstücke auch, an mich zum Auftragen weitergegeben. Ich selbst habe später, vollkommen unspektakulär, Schwimmen gelernt, ganz ohne Abzeichen. Die waren dann, so würde ich heute sagen, bis auf altbackene, ewig gestrige, nominalistische Protz-Gemüter (die heutzutage als alte Knacker Golf plus u.ä. fahren), ebenso out, wie der Gigolo-Kamm für das Nachfahren der Elvis-Tolle im Badehosenbund.