Viel schlimmer

Das Kartell im Kopf Wenn Journalisten uns das Denken abnehmen wollen und selber aufhören zu denken
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Kaum ereignet sich etwas in der Welt, werden wir mit Bildern und schlauen Sprüchen zugespamt. Im Handumdrehen bekommt das Ereignis ein Image: Trump der Trottel, Putin der fiese Strippenzieher … Und ehe ich irgendetwas erfasst habe vom wirklichen Ereignis, von den wirklichen HINTERGRÜNDEN – OMG!, wie old school -, ist es schon mundgerecht durch den Medien-Fleischwolf gedreht.

Kauen? Überfüssig!

Dass die Interpretationen sehr oft ohne Informationen auskommen, spüren wir inzwischen. Inzwischen sind wir aufmerksamer. Zu viele Fehldeutungen, zu viele unbedachte Zitate, zu viele falsche Bilder – wie etwa beim ZDF-Heute Journal – haben uns schon auf die falsche Fährte gesetzt und durch ihre Entlarvung erschreckt: Was, sogar die Öffentlichen? Oder gerade die Öffentlichen?

Zu viele Ereignisse werden zu schnell totgeredet, verpackt, verschnürt und abgelegt, als dass ich sie dort auf dem Berg des Vergessens vor sich hin modern lassen könnte. Bei mir regt sich da eher der Trieb des Verbotenen: Verschnürte Pakete will ich aufreißen. Was sonst kann sich dahinter verbergen als der Versuch, das Schreckliche in den Griff zu bekommen?

Eher nein! Eher sollen wir wohl daran gehindert werden, uns unsere eigenen Gedanken zu machen. Das Putin-Bashing wird mittlerweile bis zur Satiregrenze strapaziert. Ich kann die Nachrichten nicht mehr ernst nehmen. Wer mich nicht ernst nimmt, den nehme ich nicht ernst. So einfach ist das.

Es ist aber nicht nur einfach, sondern auch ärgerlich: Wozu brauche ich einen Journalismus, der über einen Kamm schert? Harald Martenstein schrieb am 23. Januar 2017 in seiner Zeit-Kolumne, er habe das Fernsehen aufgegeben, weil er sich an das Einheits-Regierungsfernsehen der DDR erinnert fühle.

(Wenn wir Claus von Wagner, Max Uphoff und ihre Anstalt nicht hätten …)

Jakob Augstein sagte kürzlich in einem Interview bei aspekte (ZDF): Keineswegs gebe es ein sogenanntes Meinungskartell, wie sich manche Medienkonsumenten das vorstellen (ich auch irgendwie), weil die Vorstellung naheliegend erscheint angesichts der big Übereinstimmung in den Medien. Es gebe auch keine Absprachen. Es sei viel schlimmer: Die Journalisten seien überzeugt, es stimmt, was sie sagen! Die Stimme von oben, die sitze längst in den Köpfen der Berichterstatter selbst fest. Ohne große Not unterwerfen sie sich dem Mainstream. Kein Misstrauen, kein Drang, mal hinter die Fassade zu gucken, fechte sie an. Kritiklos übernehmen sie, kupfern sie ab, drucken sie ab, was bereits irgendein anderer zusammengeschrieben hat.

Was ich mir wünsche: Statt Horrorgeschichten über Trump, die langsam langweilig werden, wäre es doch jetzt mal an der Zeit, sich zusammenzusetzen und zu überlegen, welchen Weg die europäischen Staaten gehen könnten ohne die US-Wegweisung. Ganz konkret: Trumps Druck, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen – wo bleibt da der Aufstand? Wo bleiben die unangenehmen Fragen von unabhängigen Journalist*innen? Von solchen, die selber kauen?

Und die ihre Konsument*innen selber kauen lassen?

07:57 02.03.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

C. Juliane Vieregge

Autorin, Bloggerin. Im März 2019 erscheint ihr neues Sachbuch "Lass uns über den Tod reden" (Chr. Links Verlag)
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