VP-01 - Gefährliches Spiel

Rollenwechsel Das Spiel mit den Identitäten der V-Leute und wie Anis Amri davon profitierte
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Der Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri hatte einen Begleiter, eine Bezugsperson, einen Vertrauten: Den V-Mann mit dem Decknamen VP-01.

Was soll ich machen, wenn ich einen Anschlag plane?, soll Amri seinen Vertrauten gefragt haben, mit dem er häufig im Auto unterwegs war, zu seinen Unterkünften und später auch nach Berlin.

Rasier dir erstmal den Bart ab, sonst fällst du auf!, soll der V-Mann ihm oder auch Anderen aus der bundesdeutschen Islamisten-Szene geraten haben, und man fragt sich, ob sie da noch Observierte oder schon so was wie Gleichgesinnte waren.

Amri rasierte sich. Wenig später, am 19.12.2016, rammte er den Lkw in die Stände des Berliner Weihnachtsmarktes am Breitscheidplatz und tötete 12 Personen.

Geschah diese Tat mit Wissen, gar mit direkter mentaler Unterstützung des V-Mannes? Das sei dann eine ganz neue Qualität, zitiert der Der Tagesspiegel heute (20.10.2017) den Vorsitzenden des NRW-Ausschusses, Jörg Geerlings, und vergisst dabei die fragwürdige Rolle als Agent Provocateur, die der Verfassungs-„Schutz“ jahrelang in der Zwickauer rechtsradikalen Szene gespielt hat.

Wie die Öffentlichkeit jetzt erfährt, war der vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen geführte V-Mann VP-01 im Umfeld des islamistischen Predigers Abu Walaa aktiv. Abu Walaa heißt in Wirklichkeit ganz anders und ist nach Auffassung der Bundesanwaltschaft die zentrale Führungsfigur der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in Deutschland.

„Es gibt keine Garantie, V-Leuten vertrauen zu können“, sagt der Berliner Landeschef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Michael Böhl, gegenüber dem Tagesspiegel. Aber die Polizei brauche ihre Einblicke in die sonst geschlossenen Szenen. Oft würden sich Männer aus entsprechenden Milieus selbst an die Polizei wenden, weil sie sich Vorteile wie Strafrabatt oder Geld erhofften. Die Ermittler wüssten in der Regel, dass V-Leute selten verlässlich seien: „Bei besonders Geltungssüchtigen wird die Zusammenarbeit beendet. Ein großer Teil derjenigen, die angeworben werden sollen, wird noch während der Überprüfung fallen gelassen.“

Eine Erklärung, die den Angehörigen der 12 Anschlags-Opfer wie Hohn erscheinen muss. Nun geht es, wie es immer geht: Ausschüsse werden gebildet, Aufklärung wird gefordert: Wer wusste das, was man heute überall nachlesen kann, seit wann?

Laut rbb* mehren sich Zeugenstimmen, dass der V-Mann VP-01 Mitglieder der Abu-Walaa-Gruppe und womöglich Amri selbst mehrfach zu Attentaten angestachelt habe. Ein ehemaliger Anhänger der Abu-Walaa-Gruppe sagte gegenüber dem rbb, VP-01 sei sogar „der Radikalste“ gewesen. Immer wieder habe der V-Mann die Gruppenmitglieder animiert: „Komm, du hast eh keinen Pass, mach hier was, mach einen Anschlag.“

Diese Vorwürfe werden von drei Anwälten unabhängig voneinander gegenüber dem rbb bestätigt: Von dem Düsseldorfer Strafrechtsanwalt Johannes Pausch, der von „förderndem Verhalten“ des V-Mannes gegenüber einem seiner Mandanten spricht, von dem Frankfurter Rechtsanwalt Ali Aydin, der aus mehreren Quellen weiß, dass der V-Mann zu Anschlägen aufgerufen habe, und von dem Bonner Strafverteidiger Michael Murat Sertsöz, dessen Mandant von VP-01 aufgefordert worden sei, sich eine Waffe zu besorgen und „Aktionen“ durchzuführen.

Was man ihm eigentlich vorwerfe, fragt der V-Mann bei den ermittelnden Behörden an. Er habe die Anweisung erhalten, sich gegenüber Amri gewaltbereit zu zeigen, um glaubwürdig zu erscheinen, so seine auf harmlos getrimmte Argumentation.

Die Grenze zwischen echter Rolle als Undercover-Verfassungschützer und gespielter Rolle als Szene-Insider scheint sich in der Realität einmal mehr aufzulösen.

*19.10.2017

23:41 20.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

C. Juliane Vieregge

Autorin, Bloggerin. Im März 2019 erscheint ihr neues Sachbuch "Lass uns über den Tod reden" (Chr. Links Verlag)
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