Das Leben in den Zeiten der Corona; AC 2.19

Das Logbuch geht weiter: Pro oder contra?
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Wie sehr haben wir uns gewünscht, es gäbe mal wieder etwas Wichtigeres als dieses ganze Corona-Gezappele – und wie enttäuscht waren wir dann von der Fußball-EM. Doch das, was nun gekommen ist, haben wir uns ganz bestimmt nicht gewünscht: Im Südwesten der Republik und in angrenzenden Ländern bricht eine Flut über die Menschen herein, wie es sie in Deutschland seit 1962 nicht mehr gegeben hat. In den Medien als “unvorstellbar” bezeichnet, führen ebendiese Medien uns tagelang in dramatischen Bildern vor Augen, was passiert ist – und was leider sehr wohl vorstellbar, ja sogar mir Datum und Uhrzeit prognostiziert war. Dem Geschäftsführer des Reiseunternehmens “Kylltal” sei sein Optimismus von ganzem Herzen gegönnt – doch ist seine Losung, dass wir dieses Unglück ebenso wie Corona überwinden werden, das richtige Statement zur Katastrophe? “Weiter, weiter, immer weiter”, lehrte uns schon Olli Kahn. Wir müssen immer alles “überwinden” und “besiegen”, müssen immer die Gewinner sein und uns als “Krone der Schöpfung” selbst feiern. Es gab andere Gesellschaften und Kulturen vor uns, die sich für ähnlich unbesiegbar hielten wie wir. Doch wo sind sie geblieben? Überleben tun die Kulturen und Gesellschaften, denen Anpassungsfähigkeit und Demut gegeben sind, nicht die Kraftmeier.

So titelt dann auch wenig später irgendeine Gazette: “Das Klima schlägt zurück.” Das wiederum erinnert mich an “Das Imperium schlägt zurück” – irgendwelche gottgleichen Erscheinungen müssen wir uns ja erschaffen, wenn die allgemeine Gläubigkeit rückläufig ist. Und was sollen wir jetzt tun? Zum Gegenschlag gegen “Das Klima” ausholen? Der Ausgang dieses Kräftemessens dürfte klar sein ...

Nur wenige Wochen vor dem Corona-Kick-Off – ich war Gast-Coach – malte ich im Unterricht sechs große “K” an das Whiteboard: Krankheit, Katastrophe, Krieg, Krise, Konsum, Kapitalismus. (… dessen Gegenpol “Kommunismus” erscheint mir aktuell doch sehr weit hergeholt. Eher bin ich geneigt, als siebte Kraft “KI” in den Kreis der größten Gefahren für Mensch und Umwelt aufzunehmen) Meine K-Parade weckte die Neugier der Teilnehmer, schien einigen jedoch zu abstrakt. Jetzt ist sie das nicht mehr. Üblicherweise wünscht man sich als Lehrender Nachhaltigkeit in dem, was man vermittelt. In diesem Fall gefällt mir die postwendende Untermauerung meiner K-These überhaupt nicht. Was jedoch auch ich mir niemals hätte vorstellen können, ist der Umstand, dass ein neues Kleidungsstück zum Ausdruck unserer Gesinnung, wenn nicht gar unserer Lebenseinstellung wird: die Maske. Wer aktuell noch glaubt, es ginge bei diesem Lappen ausschließlich um den Virenschutz, der wird durch tagtägliche Anschauungsbeispiele eines Besseren belehrt.

Heute sehe ich eine Demo, ungefähr 250 junge Menschen auf einer drei- bis vierspurigen Straße. Sie gehen überwiegend in größeren Abständen zueinander und tragen Maske. Sogar der mit dem Megaphon. Nur wenige Meter entfernt sitzen die Leute gemütlich beisammen vor der Markthalle und anderen Lokalitäten, ohne Maske. Ich gehe in eine Ausstellung, habe mit einem einzigen weiteren Besucher die komplette Ausstellungshalle für mich und muss Maske tragen. Im Fernsehen sehe ich die Eröffnung der Olympiade in Japan. Alle tragen Maske, obwohl das Stadion lediglich im Innenraum lose gefüllt ist. Die Tribünen sind leer, nur Politiker, Funktionäre und Sponsoren dürfen teilnehmen. Die vielen Menschen, die mit ihren Abgaben Veranstaltungen wie diese finanzieren, dürfen nicht teilnehmen. Auch wenn das Fernsehen ihnen das zu suggerieren versucht. Nichts hat so deutlich gezeigt, dass es sehr wohl ein “Wir” und ein “Ihr” gibt, nichts macht Klassenzugehörigkeiten so deutlich wie Corona. Nur im Fußball darf das, was mal eine Arbeiterkultur war, derzeit wieder live stattfinden. Ich fürchte jedoch, dies hat eher mit den Faktoren “Geld” und “Brot und Spiele” zu tun. Und mit “Europa”. Doch der Reihe nach ...

Bereits vor der offiziellen Eröffnung der Spiele finden die ersten olympischen Fußballpartien statt, vor leeren Rängen. Beim Umschalten sehe ich, dass “auf Schalke” zum gleichen Zeitpunkt die Zweitligasaison mit 20.000 Zuschauern eröffnet wird. Warum trägt dort außer einigen Ordnern, in deren Nähe niemand anderes steht, keiner eine Maske? Warum wird auf der durchaus ansprechenden Eröffnungsfeier der Olympiade, auf der alle Maske tragen, eindrucksvoll von “Gleichheit”, “einer Welt” und “zusammen” gesprochen, wenn mir ein einziger Knopfdruck verrät, dass sehr wohl Unterschiede bestehen? Lange wurde die diesjährige Olympiade in Tokyo torpediert – während in Wembley 70.000 Besucher gemeinsam grölen durften. Verbirgt sich hinter den dieser Tage zur Schau getragenen Bekenntnissen gegen Diskriminierung und Rassismus womöglich eine neue Form des Eurozentrismus? Oder gar eines “Eurofußballerismus”. Allen wohlformulierten Bekenntnissen zum Trotz ist festzustellen: Ungleichheiten treten neuerdings deutlicher zutage als zuvor.

Schon das erste Bild der Eröffnungsfeier ist etwas verstörend: Ein Mensch auf einem Laufband als Anspielung auf das Zuhause-eingeschlossen-Sein des letzten Jahres. Leider kenne ich die japanische Mentalität zu wenig, um zu dechiffrieren, ob das ironisch gemeint ist. Denn, dass das “Drinnenbleiben” im Widerspruch zu probaten Gesundheitsformeln steht, sollte doch mittlerweile jeder wissen. Insbesondere in einem Land, in dem sogar Schulklassen zum Lernen in den Wald gehen. Positiv festzuhalten ist, dass in Tokyo die erste Transgender-Athletin der Olympiageschichte teilnimmt: Eine Südafrikanerin, die bereits als Mann bei Olympia gestartet ist.

Übrigens wird diese Olympiade von einem Kaiser eröffnet, die Fahne wird auf den letzten Metern von Uniformierten zu militärischer Musik getragen. Vor den leeren Rängen gleitet sie langsam den Mast empor, dazu singen Kinder in Marine- und Highschool-Trachten. Wenigstens sie: ohne Maske. Was mich als Grafiker jedoch unumwunden anspricht: Zur Entstehung der Icons für die Sportarten, die etwas an Otl Aichers Erstlingspiktogramme von 1972 erinnern, hat man sich eine schöne Animation sowie eine Performance mit blau-weißen Darstellern ausgedacht.

Eindrucksvoll ist auch die Kette der Fackelträgerinnen und -träger, die aus genetisch benachteiligten Menschen (Kinder von Atombombenopfern), medizinischem Personal, Kindern und einer paralympischen Sportlerin besteht. Für einen Moment kommt Feierlichkeit auf, auch ohne dass die Illusion einer heilen Welt vermittelt wird. Schade, dass kein Publikum dabei ist. Auch am folgenden Tag ist kein Publikum dabei. Es sind aber auch komische Sportarten, die man bei Olympia mittlerweile sehen kann. Zum Beispiel Beach Volleyball: Anstatt einfach an den Strand zu gehen und dort die Bänder im Karree zu legen, wird zwischen die leeren Tribünen Sand geschüttet. Die beiden Pärchen scheinen für sich selbst zu spielen und längere Ballwechsel sind Mangelware. Im Basketball spielen die Damen heute Drei gegen Drei auf einen Korb – sowas kann man doch nun wirklich auf jedem Schulhof sehen.

Die Skater auf ihren nachgebauten Treppengeländern nebst Treppenstufen – leider haben auch sie bei Olympia weniger Zuschauer als draußen in den Innenstädten – halten sich sogar für die Retter von Olympia, meinen, dass die Spiele sie brauchen, um auch für jüngeres Publikum interessant zu werden. Für welches denn? Die Kids reisen doch sowieso nicht in ferne Länder (selbst, wenn man das wieder darf) und gucken auch kein Fernsehen. Die 14-Jährige deutsche Teilnehmerin, die durch das eine Jahr Verspätung nun nicht mehr die jüngste Olympia-Sportlerin überhaupt ist, macht sich darüber offensichtlich die meisten Gedanken. Wird Olympia jetzt zu einer Spielwiese egomanischer Wohlstandskinder? Naja, sooo viel schlimmer als Bühne für den kalten Krieg zu sein, ist das dagegen auch nicht. Auch auf die Gefahr hin, oldschool zu wirken: Ich muss im Zeichen der fünf Ringe keinen Freizeitsport sehen, sollen sie sich bei Tik Tok doch andere Sportformate ausdenken.

Wie ist das nun eigentlich mit der “Gesinnungsmaske”? Menschen, die Angst haben, lasse ich außen vor – Gefühle sind für mich nicht verhandelbar. Aber die anderen? Da gibt es die Pros und die Contras. Pros sind in jedem Falle die, die Maske tragen und gar nicht weiter darüber nachdenken. Pros sind allgemein die, die mitmachen, weil es so angeordnet wurde.

Aber sind Pros auch die, die eigentlich gegen das System sind, aber Maske tragen, um draußen demonstrieren gehen zu dürfen? Oder sind sie eigentlich getarnte Contras? Contras hingegen sind zum Beispiel die, die sich selbst “Querdenker” nennen. Sind Contras aber nicht auch die, die ihre Maske nur zur Tarnung tragen, um nicht aufzufallen, und die still und heimlich nach Nischen suchen, in denen sie subversiv sein können? Ist Maske tragen also wie Schlips tragen? Oder wie ein Parteibuch? Und wie passt dieses hellblauweiße, lappige Parteibuch “made in China” mit dem gelben der WHO zusammen? Wurde uns nicht versprochen, wenn man zweiteres habe, bekäme man irgendwelche Freiheiten zurück?

Im Moment sieht es so aus, als solle das mittlerweile wie geschmiert laufende Inzidenz-On-Off-Szenario auf unbestimmte Zeit weiterlaufen. Egal, wie viele Leute wie oft geimpft werden. “Die Geister, die ich rief...” hieß das beim seligen Herrn Goethe einst. Das Herausbeschwören auswegloser Situationen hat in Deutschland eine lange Tradition. Mal sehen, wer uns das nächste Mal befreit.

22:01 25.07.2021
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