Das Leben in den Zeiten der Corona; AC 2.23

Das Logbuch geht weiter: Backe backe Kuchen ...
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Viele warten auf die vierte Welle. Hier wird ein (zweiwöchiges) Praktikum im Einzelhandel mit der Begründung abgesagt, dass man auf die nächste Schließung warte, dort wird Eltern angedroht, dass sich das Jugendamt einschalte, wenn man sein Kind nicht ständig teste. In nur eineinhalb Jahren haben wir uns regelrecht in Corona eingenistet. In vorauseilendem Gehorsam sind wir Deutschen nach wie vor Weltmeister. Wobei uns der, dem wir da gehorchen, nicht mal unbedingt gefallen muss. Hauptsache, wir gehorchen.

Kommen wir aus gegebenem Anlass zur Außenpolitik: Das Thema der Woche lautet “Afghanistan”. Neben den Fahrzeugen und weiteren militärischen Gütern sowie infrastrukturellen Maßnahmen verschenken wir auch ein paar Millionen, die in unsere auswärtige Gender-Politik investiert wurden. Der Taliban sagt “Danke” für das eine und annulliert das andere. Als Gegenleistung bekommen wir Menschen. Nachdem man zuerst nur sieben Kollaborateure aus Kabul abgeholt hat, weil man nicht wusste, wen man an Bord holen darf, und weder die Verteidigungsministerin beim Kuchenbacken, noch die Kanzlerin beim Kinobesuch stören wollte, muss jetzt ganz schnell das Image nachpoliert werden. Natürlich wollen unsere Politiker nach der ganzen Schelte jetzt unbedingt Menschen aus Afghanistan retten. Alleine schon, weil ihnen die vermeintlich empörten Nachrichtensprecherinnen und -sprecher so unangenehm auf den Pelz rücken. Man sei überrascht gewesen, wie schnell die Taliban Kabul eingenommen haben, heißt es. Nun ja, wenn man in einer beliebigen westlichen Metropople die Banken und Juweliere übers Wochenende offenstehen ließe und gleichzeitig die Sicherheitskräfte ihre Waffen ablegen und das Weite suchen würden, dann wären die Piraten hierzulande bestimmt genauso schnell zur Stelle. Ein Wahlslogan der CDU in diesem “Superwahljahr” lautet: “Sicherheit ist, nicht an Sicherheit denken zu müssen.” Stimmt, die CDU-Politikerinnen demonstrieren geschlossen, wie sicher und wohlbehütet ihr Leben ist – und das ihrer Pferde, wenn sie welche haben. Auf Twitter. Wie Klatschweiber, die ihre Freundinnen neidisch machen oder ihnen zeigen wollen, wie wohltätig sie sind. Ach ja, ein Mann gehört ja auch dazu, der unauffällige Herr Maas mit dem Woody-Allen-Gesichtsausdruck. Was hat der nochmal für eine Funktion? Merkt man ihm so ohne weiteres ja gar nicht an, was er beruflich macht. Seinen Äußerungen kann man auch nichts entnehmen. Nur, dass auch er überrascht war, wie schnell die Taliban sind. Dass man zigtausend Liter an Getränken schon vor Monaten ausgeflogen hat, erwähnt er nicht.

Leider wird in Politik und Medien bei uns in Krisenzeiten rund um die Uhr fast ausschließlich an den Auswirkungen herumgedeutelt und gekrittelt – vor dem Hintergrund, dass alle ganz furchtbar schockiert von dem sind, was da in epischer Breite auf dem Monitor gerade zu sehen ist. Die tieferen Ursachen hingegen werden in der ersten Reihe und auf dem zweiten Auge nur sehr selten beleuchtet. Irgendein Bundeswehrverantwortlicher darf mal zu Wort kommen, mit Warnungen, die man schon vor Monaten ausgesprochen habe. Aber das war's dann auch. Man muss jedoch weiter zurückgehen, um das Dilemma zu verstehen. An den Anfang. Ein nicht unwesentlicher Anfang unserer aktuellen Systemwelt liegt in der Gründung der Bundesrepublik. Damals waren markige Sprüche zu hören: Uns sollten die Arme abfallen, wenn wir jemals wieder Waffen in die Hand nähmen – oder, kein Fuß eines deutschen Soldaten dürfe jemals wieder fremden Boden betreten. Warum haben wir uns nicht einfach an diese hehren Absichtserklärungen gehalten, anstatt sie posthum zu hohlen Phrasen der Geschichtsschreibung zu degradieren? Dann hätten wir das Afghanistan-Problem jetzt nicht.

Kein schlechtes Gewissen, keine falsch besetzte aktuelle Verteidigungsministerin und keine ehemals falsch besetzte Verteidigungsministerin, die ihre Pferde lieber streichelt, anstatt sie zur Unterstützung an die Südostfront zu schicken. Gab es Volksentscheide über die Wiederbewaffnung und ein Auslandsmandat der Bundeswehr? Dann muss ich die wohl verschlafen haben (sofern ich überhaupt schon abstimmungsberechtigt war). Also liegt der Fehler nicht am Tempo der Taliban, sondern an unserem eigenen System. Unsere Soldaten haben in Afghanistan schlichtweg nichts verloren, da bin ich vollkommen bei den Gründervätern nach dem zweiten Weltkrieg. Eine Weisheit, die auch die “Maus” plausibel vermitteln könnte, wenn wir noch einen solch regen Diskurs in den Medien wie in den Siebzigern hätten. Zu allem Überfluss hat unsere ehemalige Verteidigungsdame vor einigen Jahren verfügt, dass Bundeswehrkasernen umbenannt werden. Alte Namen sollten verschwinden, junges Blut musste her – am besten welches, das in Afghanistan sinnlos vergossen worden war. Nun weiß ich jedoch nicht, ob man die betreffenden Soldaten damit als “Held” oder als “Opfer” ehren wollte, so richtig kann man das heute auch nicht mehr unterscheiden. Den von den Amerikanern übernommenen Status “Befreier” können wir uns jetzt ganz sicher nicht mehr ans Revers heften. Manche Medien schreiben gar von “Besatzern”, die wir in Afghanistan gewesen seien. Solch manipulativen Wortklaubereien will ich mich nun auch wieder nicht anschließen, zumal Besatzer üblicherweise etwas mitnehmen oder ausschließlich zum eigenen Vorteil agieren. Wir nehmen ja lediglich ein paar Menschen mit und nennenswerte Vorteile sind auch nicht erkennbar.

Nebenbei fällt mir auf, dass die zu rettenden Menschen in der Tagesschau als “Helfer der Bundeswehr” bezeichnet werden – es geht also weiter mit den Fehlbenennungen. Wenn ich mich recht erinnere, sollte in Afghanistan eine Demokratie nach westlichem Vorbild entstehen. Ungeachtet dessen, wie realistisch die Chancen dazu gewesen sein mögen, so müssten die genannten Helfer doch nicht als Bundeswehrhelfer, sondern als “Aufbauhelfer des eigenen Landes” angesehen werden. Oder? Denkwürdig ist auch die Äußerung eines Afghanen, die mit der Aussage übersetzt wurde, es gebe in “diesem” Land keine Lebensmittel mehr. Ist der Mann dort nur Durchreisender, oder warum bezeichnet er Afghanistan nicht als “sein Land”? Dann sieht man Bilder aus Kabul, auf denen große Speiseeiswagen vor einem Laden stehen, dazu ein buntes Treiben auf den Straßen. Zumindest von Männern, Frauen sieht man nicht. Wenn man keine afghanische Nationalflagge zeigt, wird man in diesen Tagen in Kabul eventuell wirklich wenig Probleme bekommen – doch wahrscheinlich nur, solange die Augen der Welt noch auf diese Stadt gerichtet sind. Und noch ein Hinweis an ARD und ZDF: Ihr müsst an dieser Stelle nicht mehr gendern, die Frauen verschwinden gerade wieder dahin, wo der islamische Gottesstaat sie haben will. Das Ungemach geht nicht von “Islamist*innen” aus, sondern stumpf patriarchalisch von Männern mit Bärten, Hütchen und Waffen auf (früher) Toyotas und (dank unserer großzügigen Spenden jetzt auch) Hummers. Apropos: Zumindest auf den Fernsehbildern, die ich sehe, sind auffallend wenige Frauen und Kinder unter denen, die in die Flugzeuge wollen.

An dieser Stelle erlaube ich mir, die Entwicklung in Afghanistan anhand meiner persönlichen Zeitschiene zu betrachten: Als mir im fortgeschrittenen Bubenalter auffiel, dass es auch Mädchen gibt, waren die in Kabul genauso gekleidet wie in Deutschland. An dem Tag, an dem ein Schuldfreund erstmalig einen “Afghanen” mitbrachte, griff Russland Afghanistan an, weil die Kommunisten im Lande sich politisch ohne Hilfe von außen nicht entscheidend durchsetzen konnten. Während meiner Studienzeit halfen die Amerikaner den Mudschahedin, es war die Endphase des sogenannten “Kalten Krieges”. Der russische Rückzug ermöglichte es mir, in den Osten zu gehen, und den von Amerika unterstützten Taliban ebnete er den Weg zur Macht. Während deren Terrorjahre war ich zu umtriebig, um viel fernzusehen. Die darauffolgende NATO-Intervention mit ihren Bestrebungen, eine demokratische Infrastruktur aufzubauen, blieb jedoch auch mir nicht verborgen. Immerhin waren im Unterschied zum Irak-Krieg, der unter einer SPD-Grünen-Regierung lediglich logistisch unterstützt werden sollte, diesmal medienwirksam deutsche Truppenkontingente beteiligt. Ich stand gerade an einem neuen Markstein meines Lebens und vor neuen Erkenntnissen; den Einmarsch deutscher Soldaten in fremde Länder lehnte ich jedoch weiterhin ab. Und das tue ich bis heute. Genau weitere zwanzig Jahre später bin ich erneut in ein neues Lebensstadium getreten und muss erleben, wie Afghanistan in ein Gesellschaftsmodell gezwungen wird, das eventuell einmal lange vor meiner Geburt angesagt gewesen sein könnte. Und auch lange vor der von Karl May. Was mir daran am meisten zu denken gibt: In meinen unschuldigen Kindheitstagen hatte auch Kabul seine vermeintlich beste Zeit – und zwar unter einem König. Wer mehr wissen möchte, schaue in den folgenden Link.

https://www.nzz.ch/fotografie/afghanistan-minirock-statt-burka-waehrend-der-goldenen-aera-ld.1640292?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Also, meine liebe Berliner Damenrunde, backt gerne weiter Kuchen, füttert Pferde und amüsiert euch im Kino – doch bitte lasst euch dann nicht für Ämter aufstellen, die mit der Ambition verknüpft sind, Menschen in der Fremde zu befreien und Ihnen ein vermeintlich optimales System hinzupflanzen.

21:03 22.08.2021
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