Das Leben in den Zeiten der Corona; AC 2.26

Das Logbuch geht weiter: Trug und Schluss
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Corona hin, Corona her – jetzt ist Nineeleven-Woche. Ob in Amerika auch eine tagelange Dauerschleife zu diesem traumatischen Ereignis im Fernsehen zu sehen ist? Zumindest scheinen sie jedes Jahr aufs Neue bislang unveröffentlichtes Bildmaterial auszugraben. Offensichtlich haben damals sehr viele New Yorker die Geschehnisse mitgeschnitten – in diesem Jahr hat das Material, das ich sehe, fast schon Experimentalfilmcharakter. Noch etwas wichtiger als sonst wird das Ganze durch den Umstand, dass sich das Attentat zum 20. Male jährt. Doch was wurde in all den Jahren erreicht? Just zum Jubiläum ist man abmarschiert aus dem Land, in dem man seinerzeit nach den Verursachern suchte. Und obwohl klar war, dass diese ganz woanders herkommen, hat man Afghanistan dann auch gleich komplett besetzt. Nebenbei hat man versucht, dort eine Demokratie nach eigenem Vorbild aufzubauen, einen korrupten Präsidenten schwerreich gemacht und sich mit Leuten angelegt, bei denen bereits vorher klar war, dass man sie nicht besiegen kann. Und wir haben brav mitgemacht. Doch bleiben wir kurz bei den Amerikanern: Was ist das eigentlich für ein Völkchen? Gerade hatten Sie Überschwemmungen bisher unbekannten Ausmaßes – wieder in New York – und man liest merkwürdiges: Obwohl Wasser nach unten fließt, sollen sich die Menschen in U-Bahn-Stationen geflüchtet haben. Oder sie blieben in ihren Autos sitzen, wollten bei nicht bedrohlich wirkendem Pegelstand schnell noch durch eine Unterführung oder Senke fahren und waren überrascht, dass das Wasser, in dem ihre Autos dort hängenblieben, merklich tiefer ist. Mich erinnert das an amerikanische Filme, in denen eine Brücke zu wanken beginnt und alle bleiben in ihren Blechdosen, die staubedingt weder vor noch zurück können, anstatt sich per Pedes in Sicherheit zu bringen. 2001 war es nicht viel anders: In den diesjährigen Memorial-Filmen sehe ich hunderte, wenn nicht tausende Menschen, die nicht allzu weit entfernt vom WTC paralysiert gaffend die Straßen blockieren. Die Türme brennen, doch dass sie einstürzen werden, kann sich offensichtlich keiner von ihnen vorstellen. Man sieht ein Mädchen auf einer Fensterbank aufgeregt mit irgendwem telefonieren, als wenn nebenan eine Party etwas zu laut wäre, und wie auf Knopfdruck schreit es völlig hysterisch in dem Moment auf, in dem das erste Kartenhaus zusammenbricht. Unten auf den Straßen rennen die Schaulustigen, die währenddessen einfach nur wie angewurzelt dagestanden haben, wie in einem Godzilla-Film. Was ist es nur, das die Menschen so sicher macht, ihnen würden keine realen Gefahren drohen? Wieso glauben sie, dass ihre Autos und Häuser sicher seien? Ist es fehlende Fantasie? Ich hingegen frage mich, wenn ich diese extrem hohen Gebäude sehe, wie man die in 50 oder 100 Jahren zurückbauen will – wenn sie baufällig werden. Und ich würde niemals in einem solchen Gebäude arbeiten oder gar wohnen wollen. In einem Gebäude, aus dem man nicht flüchten kann, wenn es brennt, und von dessen Dach einen auch kein Helikopter retten wird.

Unsere in Deutschland aktuell bestkommunizierte Gefahr heißt noch immer Corona. Die in der Werbung gerne genommene heile Familie gibt es jetzt auch auf Großflächenplakaten mit der zweisprachig (deutsch und polnisch in diesem Fall) formulierten Erkenntnis, dass wir geimpft stärker seien. Doch stärker als was oder wer? Wurde vor kurzem noch gemeldet, dass man mit der zweiten Impfung recht sicher vor schweren Verläufen sei, kommt jetzt die Nachricht, dass 80% der aktuellen Corona-Intensivpatienten in Deutschland ungeimpft seien. Andersherum bedeutet dies statistisch: Den anderen 20% der Intensivpatienten hat ihre Impfung scheinbar nicht viel genützt.

Seit kurzem habe ich eine neue Arbeitsstelle, an der auf den Verkehrsflächen und in den Sozialräumen Maskenpflicht herrscht. Kaum treffen sich jedoch vier oder fünf Leute in einem Raum für eine Besprechung, fragt der Chef die Anwesenden, ob sie geimpft seien. Wenn alle dies bejahen, gibt er in deutlich spürbarer Erleichterung die Genehmigung zum Abnehmen der Maske. Glaubt er an die Magie der Impfung oder ist er nur erleichtert, weil irgendeine Bestimmung eingehalten wird? Eine eher entfernte Kollegin hat ihre Maske noch nie abgenommen. Als wir zum ersten Mal (eineinhalb Stunden lang) zu viert in ihrem Büro sitzen, sehe ich sie zum ersten Mal ohne. Obwohl die Infektionsgefahr hier real wesentlich höher als auf dem üblicherweise menschenleeren Flur ist, auf dem man höchstens aneinander vorbeirennt. Nachdem wir die Besprechung verlassen haben, frage ich meine nähere Kollegin, ob das gerade eben eigentlich ebenjene Kollegin gewesen sei, mit der wir seit einer Woche Raum an Raum arbeiten. Wenn der nasskalte Herbst kommt, wird es vermutlich putzig werden – zumal wir als Weltmeister im Krankschreibenlassen ja irgendwann auch mal wieder mit einer zünftigen Grippe zuhause bleiben wollen. Ich arbeite jetzt mit Behördenmenschen, und in deren Personaldeckenplanung wird neben den Urlaubstagen angeblich auch ein Krankheitstagekontingent mit eingerechnet. Wer weiß, wie sehr unsere Gewohnheiten durch Masken- und Impfschutz noch durcheinandergewürfelt werden ...

22:59 15.09.2021
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