Das Leben in den Zeiten der Corona; AC 2.5

Das Logbuch geht weiter: Mitgemacht statt nachgedacht
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ideologien und Führern rennen sie auch in anderen Ländern hinterher. Was wir Deutschen jedoch besser als alle anderen können: Egal, wie bekloppt die vorgegebene Idee auch sein mag – wir müssen zeigen, dass wir selbst den größten Wahnsinn perfekt umsetzen können.

Diese Woche demonstrieren wir das in Niedersachsen am Beispiel des sogenannten “Hybrid-Unterrichts”. Der Name klingt nach Technik, und das finden ja sowieso viele klasse. Und was unser Führerkonzern VW in 30 Jahren nicht hingekriegt hat, nämlich einen “Hybrid”, das rotzen wir in den Schulen mal eben so nebenbei in die Stundenplanung. Allerdings weniger mit Rotzen, als vielmehr mit Popeln. Denn ab sofort wird morgens vor dem Schulbesuch ein Schnelltest gemacht, der am Anfang der ersten Stunde eingesammelt wird. (Arbeiten dürfen übrigens weiterhin ohne vorheriges Testen in der Schule geschrieben werden.) Vor dem Einsammeln allerdings muss der Laptop aufgebaut und eingeschaltet sein, weil die Kids zu Hause in ihrem “virtuellen” Klassenraum ja auch etwas mitbekommen sollen. Sie beschweren sich sogleich über den Krach, den sie auf die Ohren bekommen. Schade, dass das die Kinder im “realen” Klassenraum nicht hören können, weil sie zu laut sind. Doch wie eigentlich den Rechner ausrichten? Ich entscheide mich, den Monitor der Klasse zuzuwenden. Gewinke, Gejohle und Faxen. Dabei winde ich mich von hinten um den Monitor, weil ich ja nicht nur die Anwesenheit in der Schule prüfen muss, sondern eine zweite Liste für die vor den Rechnern zu Hause anzufertigen habe. Danach muss erstmal gelüftet werden, die Hälfte der ersten Stunde ist um. Die Masken bleiben beim Lüften auf. So wie davor, danach, und überhaupt die ganzen sechs Stunden. Wenn nicht noch eine Vertretungsstunde dazukommt. Na, wenigsten können unsere Kleinen schon mal üben, falls sie später in einen Gas- oder Biowaffenkrieg geraten sollten. Natürlich muss ich nächste Woche, wenn die “Heimkinder” wieder in der Schule sind, vieles an Stoffe wiederholen – denn genau genommen macht man alles, was auch nur annähernd mit praktischem Lernen zu tun hat im Hybrid-Unterricht doppelt. Ich frage mich, welcher Teil dieses Hybrides die Rolle des Benzins, und welcher die Rolle des Stroms übernimmt. Denn wir wissen ja: Ein Hybrid-Fahrzeug wird eigentlich nie auf Strom gefahren. Ich schätze, die zuhause können in Ruhe lernen, also wie ein gemütlicher Diesel vorwärtskommen. Die im realen Klassenraum stehen mehr unter Strom als sonst und das Lernen hier dürfte nicht so ertragreich ausfallen. Am Ende der ersten Hybridwoche scheinen auch einige Eltern dieser Meinung zu sein. Gleich ein Dutzend Kids wird vom sogenannten “Präsenz-Unterricht” abgezogen und darf ab jetzt zuhause teilnehmen.

Fällt irgendwem bei der ganzen Testerei eigentlich auf, dass diese mehrfach eingeschweißten Popel-Packs in erster Linie eine unverantwortliche Umweltverschmutzung sind? Egal, geningelt wird nicht – im Produzieren von Kunststoffmüll sind wir Deutschen sowieso schon Europameister, da sitzen wir die paar tausend Tonnen Sondermüll mehr doch auf einer Backe ab. Am Ende des Tages klopfen wir uns alle auf die Schulter und bestätigen uns gegenseitig, wie toll wir das mit dem Hybridunterricht doch hingekriegt haben. Geschichten aus dem Krieg haben wir ja nicht, da müssen Corona-Erfolgsmeldungen reichen. Sinn und Unsinn dieser Unterrichtsform bei erneut steigenden Ansteckungszahlen wird nicht thematisiert. Opfer müssen sein, gezählt werden sie nächste Woche. Denn das Ende der Woche fällt doch etwas anders aus, als das Ende des Tages.

Noch ein Beispiel gefällig? Unser Backpatriarch im schönen Weserland heißt “Vatter”. Auch dort wir mitgemacht statt nachgedacht. Niedersächsische Service-Geschmeidigkeit heißt hier: Scheiß auf die Bonuskarte! Wenn du sie erst nach dem Bezahlen herausholst, hast du Pech gehabt. Die Nase geputzt werden darf auch nicht, wenn man in der Schlange steht. Doch der eigentliche Grund, “Vatter” zu erwähnen ist: Gekackt wird auch nicht. Kaffee und Kuchen dürfen – übrigens nicht gerade preiswert – am Tresen abgeholt werden, doch im Hinterzimmer abgegeben werden darf nichts. Der Mensch wird nach dem ersten Grundbedürfnis, dem Essen und Trinken, einfach weggeschickt. Ich habe noch nirgendwo eine Kultur kennengelernt, oder gar eine Gesetzgebung, die das zwingend erforderliche Entleeren untersagt. Doch bei “Vatter” kommt es noch dicker: Meinen Hinweis auf ein dringendes Bedürfnis quittiert der schnöselige Verkäufer mit einem lakonischen “Dürfen wir nicht, versuchen Sie es drüben beim Rossmann.” Der normale Christoph würde etwas darauf erwidern. Er würde zum Beispiel fragen, warum ein Drogeriemarkt, der gar kein Essen und Trinken anbietet, Kunden anderer Geschäfte, die also bei ihm gar nichts kaufen, eine Toilette zur Verfügung stellen sollte. Oder überhaupt darf, während der Anbieter von Speis und Trank dies nicht darf, kann – oder will?

Ich traue unserer Regierung mittlerweile fast jede Schwachheit zu, doch kann so etwas wirklich in irgendeiner Corona-Verordnung festgeschrieben sein, schwarz auf weiß? Oder biegt man sich hier etwas hin, weil man ein gastunfreundlicher Krümelkacker ist? Doch den normalen Christoph gibt es aktuell nicht mehr, und der Corona-Christoph will mit all dem nichts mehr zu tun haben. Auch nicht mit der Kassiererin bei “MacGeiz”, die, selbst bar jeglicher Maske und Scheibe, mich maßregelnd darauf hinweist, dass mein Nase-Mund-Schutz nicht ganz korrekt sitzt. Eigentliche müsste man aggressiv werden, wie viele andere auch. Doch ich will anders sein. Möchte es mit kultivierter Abstinenz versuchen. Einfach nicht mehr in diese Läden gehen, in denen armselige Cappuccino-Capos ihre kleinen Alltagsfaschismen praktizieren. Und ich möchte, frei nach Wolfgang Staudte, hinterher an ihre Scheiben sprayen: “Die Blöden sind unter uns!”

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es selbst nach einem Jahr Corona noch keinen einzigen Krimi oder Fernsehfilm gibt, in dem sie so herumlaufen wie “in echt”? Und dass auch niemand in diesen hirnverbrannten Spiele-, Casting-, Talk- oder Balzshows Maske trägt? Das legt doch die Vermutung nahe, dass Fernsehmacher die größten Corona-Leugner von allen sind. Oder, dass sie später sagen wollen: Das hat es alles nicht gegeben. Und wenn doch, dann waren wir schon immer dagegen, oder gar nicht dabei. Kennen wir alles, hatten wir schon mehrmals – wozu brauche ich einen geschichtsträchtigen “Ort des Erinnerns”, wenn dieser Ort jetzt jede Kuchenbude sein kann?

Jaja, wir Deutschen scheinen den flächendeckenden Wahnsinn für uns gepachtet zu haben: Unbelehrbar, unbeirrbar und mit dem unstillbaren Verlangen, alles ganz korrekt zu erledigen. Gelernt haben wir aus der Geschichte vor allem, uns so zu verhalten, dass wir später nicht zu den Schuldigen gehören. Da lob ich mir die Engländer: Ihr Prinz wird biblische 99 Jahre alt und sie sorgen für Bilder in den Geschichtsbüchern, auf denen man auch in 500 Jahren noch sehen wird, dass bei Philips Beisetzung so eine Art Pest geherrscht haben muss. Und sie tragen dort (im Gegensatz zu unseren Mehlrüsseln) alle diese coolen schwarzen Masken. Das nenn' ich “British Chic”!

Meine Nachbarin, die ohne Maske das Treppenhaus putzt, fragt ganz erstaunt, ob ich mir die Trauerfeier nicht anschauen würde. Dann wischt sie ganz schnell weiter, es ist Samstag, der 17. April 2021, 14:20 Uhr. Um 14:30 Uhr soll die Live-Übertragung der Zeremonie losgehen. Für England geht eine Ära zu Ende. Und in Deutschland scheint es viele zu geben, die sich eine goldene Ära wünschen. Mit Krone, Glanz und Gloria. Doch halt, hatte der Prinz nicht nur eine Marine-Mütze? Egal, auch hier nehmen wir es nicht so genau; zu lange schon müssen wir uns mit irgendwelchen Placebo-Regenten zufriedengeben.

20:40 19.04.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare