Das Leben in den Zeiten der Corona; AC 2.7

Das Logbuch geht weiter: Don Domingo und der Gangesbang
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Mit dem späten Schnee im Februar kam die wackere Genossin Stefanowa und ich musste mich mit dem russischen Gemüt auseinandersetzen. Sogar ein Buch über Russland habe ich gelesen, doch ich werde nicht schlau aus dieser Mentalität. Deshalb switche ich um – das einzige Privileg, das mir als Multikünstler und multipler Minijobber bleibt.

Mein Weg führt mich vom Gulag in eine private Missionsschule, irgendwo in Südamerika. Jetzt, da die Sonne wieder scheint, arbeite ich für Don Domenica. Der Don ist ein eher klein gewachsener Mann, der permanent das Gefühl der Überlegenheit braucht. Man merkt Don Domenica die deutschen Vorfahren an, auch wenn er seinen Namen geändert hat. Seine Vorliebe: Leute strammstehen lassen. In Deutschland würde er heute damit höchstens noch an einer Dorfschule durchkommen, doch auf der anderen Seite des Globus funktioniert das noch immer ganz gut. Wie er seine Leute auf sich eingeschworen hat, erinnert an eine Sekte. Den Eltern kann er glaubhaft suggerieren, dass seine Schule das Niveau eines europäischen Eliteinternats hat.

Auch sein Konzept hat Don Domenica 1:1 aus Deutschland übernommen, zumindest so weit, wie er es verstanden hat. Denn nachdem immer mehr Eltern ihre Kinder aus der Schule wieder ins Homeschooling geholt haben, wurde erneut auf das sogenannte “Scenario C” umgeschaltet. Woanders bedeutet Szenario C, dass die Schüler zuhause vor dem Rechner sitzen und lernen, während die Lehrer zuhause sitzen und lehren. Doch der Don will den Teamgeist stärken und fordert Kaderanwesenheit. Insofern ist er von Stefanowa gar nicht so weit entfernt: Bei uns sitzen zwar die Kinder zuhause, doch die Lehrer (außer den krankgeschriebenen) sind alle in der Schule. Wir rennen mit unseren Laptops von einem leeren Klassenraum in den nächsten. Immer in den, in dem jetzt eigentlich unsere jeweiligen Klassen sitzen müssten. Dort stöpseln wir unsere Geräte an und tun so, als wäre der Verband anwesend. Die Kinder zuhause belustigt das, können sie doch nun völlig unbeobachtet und ungestört X-Box spielen, während wir uns in der Schule alleine durch den Stoff quälen müssen. Ganz alleine? Wenn man im richtigen Klassenraum sitzt, nicht. Denn die Kinder, die normalerweise als “Notbetreuung” unter einen Hut gebracht werden, sitzen jetzt vereinzelt da, wo sie sonst auch sitzen. Das bekomme ich aber erst in der dritten Stunde mit, weil ich vorher den richtigen Klassenraum knapp verfehlt habe. Darauf scheint der Don nur gewartet zu haben: er mahnt mich ab. Weil ich im falschen Raum saß und meine zwei “Notbetreuten” im richtigen. Weil ich nachts nicht seine E-Mails mit den operativen Losungen für den nächsten Tag lese, die er lange nach Schulschluss in der Abgeschiedenheit verfasst und an uns versendet. Und weil ich aufgrund anderer beruflicher Prioritäten (erwähnte ich schon, dass ich in der Missionsschule nur als Notnagel engagiert bin?) Konferenzen nicht beiwohnen kann, auf denen nur er redet, weil schon vor der Beratung mit dem Kollegium klar ist, wie es laufen wird. Wenn ich alles so machen würde, wie er es will, würde es mir wie der armen, überlasteten Kollegin gehen, die neulich eine Hilfe-E-Mail in die Runde geschickt hat. Die jedoch hat Don Domenica offensichtlich übersehen.

Warum quält er uns so? “Wir sind die beste Schule auf dem ganzen Subkontinent und wollen in die USA expandieren”, schwört Domenica das Kollegium auf der mittlerweile wöchentlich stattfindenden Gesamtkonferenz ein. “Sie sollen in engem Kontakt zueinander bleiben und täglich das (übrigens als einziges immer noch analoge) Klassenbuch pflegen!” Im offiziellen Schriftverkehr werden die Angesprochenen übrigens mit “KuK” abgekürzt. Sollte der Don womöglich gar nicht aus Deutschland, sondern aus dem längst untergegangenen Donaureich stammen?

Noch ein anderer Verdacht beschleicht mich: Wenn schon ringsumher alle sozialen und kulturellen Kontakte für uns Lehrer weggebrochen sind, so sollen wir uns wahrscheinlich zumindest gegenseitig versichern, dass es uns noch gibt und wir eine wichtige Aufgabe haben. Die Kinder der Kollegen und Kolleginnen sitzen jetzt alleine zuhause – und können noch ungestörter X-Box spielen. Wenn sie Sehnsucht haben, machen sie heimlich ein zweites Fenster im Browser auf und besuchen ihre Eltern in deren Unterricht. Das ist zwar nicht erlaubt, aber geduldet.

Langweilig wird es uns nie. Wenn schon kein Gruppensport stattfinden darf, erfindet man einfach das “Szenarien-Hüpfen”. Wenngleich an anderer Stelle sicher schon angesprochen, kommt es hier nochmal kompakt: Eine Woche vor dem kalendarisch verordneten Schul-Lockdown, in katholischen Ländern auch “Osterferien” genannt, und wenn es draußen nicht mehr ganz so tödlich ist, werden nach über zwei Monaten Homeschooling (Scenario C) alle wieder zum gemeinsamen Beten in die Schule beordert. Zumindest eine Hälfte der Klasse, die andere X-boxt weiter. Falls jetzt was passiert, sind dann um Ostern ja zwei Wochen Zeit für Quarantäne. Nach den Osterferien geht es wieder zurück in die Schule, für genau zwei Wochen. So dass jetzt jede Klassenhälfte der anderen mal zuwinken darf. Dann sind die Corona-Zahlen wieder ordentlich gestiegen und prompt geht es in das oben ausführlich geschilderte “Scenario C”, das gar kein richtiges ist, weil alle Lehrer ja mit einigen Schülern in der Schule sind. Übrigens mit Maske, was die Beschulung der zuhause Sitzenden rein mimisch ungefähr so dialogorientiert macht wie ein Disput zwischen Polizisten und autonomen G8-Gegnern. Oder machen würde, wenn die zuhause ihre Kamera angeschaltet hätten. Das allerdings tun sie nur ganz kurz, wenn sie ihren Klassenkamerad*/Innen*/diversen zuwinken wollen.

Ich bin mir sicher, dass wir nach Corona die beste Schule der Welt mit einem noch besseren Lehrpersonal sein werden. Wir sind eine Sekte, und zwar eine gute. Uns wird nichts auseinanderbringen können. Weder die Kinder, noch Corona, und schon gar nicht dieses lasche Latino-Kultusministerium, das uns von der Schule fernhalten will. Wir sind die einzige Sekte, die recht hat. Die “indische Doppelmutante” lassen wir auch nicht rein. Wir stehen wie eine Männin, wenn es sein muss gegen den Rest der Welt. Unser Motto: Nichtdenken statt Querdenken. Wir sitzen im Olymp der Schulen direkt neben dem lieben Gott. Doch ich befürchte, dass ich das nicht verdient habe. Schon vor Jahren bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass eine Sekte erst dann richtig gut wird, wenn man sie wieder verlässt.

Moment: Stand da eben “Indische Doppelmutante”? Was ist das denn schon wieder? Auf allen Nachrichtenseiten lachen mich Inder an, offensichtlich feiern sie eine Poolparty im Ganges. Da sie alle fast völlig nackt sind, nenne ich die abgebildete Zeremonie “Gangesbang”. Doch was feiern sie da? Meine Recherche ergibt, dass die Inder bisher unfassbar viel Glück hatten: Anfang Januar, als bei uns die Infektionszahlen explodierten, hatte Indien eine Mini-Inzidenz von fünf bis acht Prozent. Wenn wundert es da, dass das Milliardenvolk im Corona-Corso jetzt nachzieht? Seit der “Englischen Variante” hatten wir kein Mittel mehr, um unsere Querulanten von den Straßen Stuttgarts, Berlins und Leipzigs fernzuhalten. Jetzt, an den ersten zarten Frühlingstagen zieht es die Bundesbürger womöglich wieder nach draußen. Das darf natürlich nicht sein! Da kommt die indische “Explosion” gerade recht, denn sie ist noch viel gefährlicher als alle anderen Mutanten. Sie scheint ein doppelköpfiger Drache zu sein, der den Immunstoffen clever ausweichen kann - so liest man. Nachdem ich mich durch scheinbar endlose Dezimalkolonnen gekämpft habe, komme ich auf ein verblüffendes Ergebnis: Trotz des drastischen Infektionsanstieges hat der indische Drache im prozentualen Vergleich mit uns gerade erst ein Zehntel an Opfern gefordert. Hauptsache, die Medien haben eine weitere Folge ihres Dauerbrenners “Mit Corona um die Welt”. Apropos “Welt”. Filmtechnisch sind nun als erste die US-Amerikaner im Corona-Zeitalter angekommen: In Krankenhaus-, Polizei- und Feuerwehrserien erscheinen gerade die ersten Darsteller mit Mund-Nase-Schutz.

Wahrscheinlich wird auch für mich die Reise bald weitergehen, an ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis sollte ich keinen Gedanken mehr verschwenden.

12:36 02.05.2021
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