Das Leben in den Zeiten der Corona, Woche 41

Das etwas andere Logbuch Tag 281 ist für viele schon ein Urlaubstag. Weihnachtsurlaub.
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Weihnachten soll ja dieses Jahr anders werden, sagen einige Politiker. Was bei Privatmann Merz passiere, ginge den Staat nichts an, sagt Politiker Merz. Nun, wenn er sich als Staatsmann, -vertreter, oder auch nur -diener sieht, überrascht diese Meinung – oder ist er damit gar schon staatsfeindlich? Womöglich ein Querdenker? Ich hingegen bin Staatskritiker, zu mir würde so ein Statement passen. Zum Glück muss ich keine Statements abgeben, mich kennt kaum einer. Corona ist sowieso am besten für die, die keiner kennt, für die sich keiner interessiert. Dumm nur, dass sich vielleicht mal dein Nachbar oder irgendein anderer Denunziant dafür interessiert, was du machst. Doch mit derlei Ungemach hatte ich zum Glück noch nicht zu tun. Toi, toi, toi!

Bis Mittwoch fahre ich noch an die Weser und hefte Krankenscheine ab. Am Mittwoch, schlussendlich, bin ich mit meinem letzten Mohikaner ganz alleine. Endlich kommen wir mal zu dem, was ihn interessiert: Wir schauen uns den Kinofilm “Ali” an und philosophieren über Rassismus, Militarismus und Nationalismus. Dann kommt eine Doku von Max Schmeling dran. “Million Dollar Baby” schaffen wir nicht mehr, da müssen wir im neuen Jahr nochmal ran. Das war's für dieses Jahr mit meinen Jobs.

Ach, fast hätte ich es vergessen: Eine weitere Premiere dieses Jahres stellt die Distance-Weihnachtsfeier der Schule dar, an der ich Musik unterrichte. Der Schulleiter begrüßt uns pünktlich wie immer vor dem heimischen Tannenbaum mit Weihnachtsmusik und feierlichen Worten. Das dazugehörige Schlemmerpaket wurde uns vorab per Post zugesandt – mit zwei Weinflaschen, Käse- und Wurstkonserven. Da ich neu an der Schule bin, frage ich mich, ob es wohl jedes Jahr eine solch reichhaltige und dazu noch hochwertige Feinschmecker-Box gibt. Doch ich frage mich auch, warum man im Vorfeld nicht mich, als derzeit einzigen Musiklehrer gebeten hat, ein musikalisches Potpourri anzurichten. So singe ich nicht, und auch die dafür nach den Worten des Schulleiters vorgesehene pädagogische Leiterin zieht es vor, andere Programmteile beizusteuern. Mein spontanes Angebot, etwas Dichtkunst einzubringen, verhallt ungehört. Zum Glück haben wir den hervorragenden Wein, der die etwas einbahnstraßenmäßige Anordnung der Wortbeiträge auflockert. Irgendwann gleiten die Teilnehmer nacheinander dezent aus der Zoom-Konferenz in den privaten Feierabend.

Mietgesuche gehen übrigens auch noch ein. Weihnachten soll damit endlich Schluss sein, deshalb kommt hier die vorerst letzte Stilblüte:

Alladin: Hallo isst noch da

Ich: Guten Appetit – wo auch immer;-)

Entscheiden tue ich mich für einen ziemlich jungen Mann, der zumindest ein ordentliches Mietgesuch geschrieben hat. Wie er aussieht, sehe ich nur auf seinem Ausweisfoto – wir haben ja die ganze Zeit Maske auf. Jetzt kann Weihnachten kommen. Die Vorbereitungen dieses Jahr sind recht entspannt: Die Einen (Geschwister) haben beschlossen, sich dieses Jahr nichts zu schenken, die Andere (Freundin) beschließt, dass wir die gemeinsam gekauften bzw. anprobierten Geschenke nicht einpacken. Richtig klassisch mit Kartons und Schleifchen drum wird's mit dem Cityscout, der bei uns zu Weihnachten ein und aus geht, wie immer. Bleibt noch die Mutter, und für sie wird das diesjährige Hauptgeschenk sein, überhaupt erstmal in ihre Residenz hineinzugelangen.

Vorab kommt aber noch ein kleines Gedicht, dass mir anlässlich der zum Glück sehr reduzierten Festwochen-Besorgungen aus der Computertastatur entgegenpurzelt:

Dann eben nicht: Weihnachtsgedicht

*

Geh‘ erst raus wenn‘s dunkel wird

Und nehm‘ die Nebenstraße

Damit‘s nicht gar so neblig wird

Über meiner Maske

Stoße in die Shoppingmeile

Tauche auf als Vigilant

Macht mir Platz, ich bin in Eile!“

Was brauch‘ ich noch, was ist vakant?

Tappe in diffuses Licht

Auf der Brille: Nebelschicht

Was will ich hier, was soll es werden?

Ist das der Himmel auf Erden?

**

Bald schon wieder ist alles zu

Auch ohne Wipfel herrscht jetzt Ruh'

Soll ich weinen oder frohlocken?

Wer will denn nur zuhause hocken?

Das alte Jahr, das geht von hinnen

Wann wird das Neue wohl beginnen?

Schreiben darf ich, wer soll’s lesen?

Musik geht immer, auch allein

Ist's das wirklich schon gewesen?

Wie jahraus geht’s nun jahrein?

***

In Berlin, da gibt's noch Bücher

Und Blumen gar in NRW

Sachsen rigide wie der alte Blücher

Gibt’s Weihnachten wenigstens echten Schnee?

Doch halten wir uns an das Gute:

Der Weihnachtsmann trägt wieder Rute

Maske tragen darf er nicht

So schaut man ihm gern ins Gesicht,

mehr nicht!

Geschenke, Mensch, wer braucht die schon?

Ist Liebe nicht der schönste Lohn?

Für all die Mühe, all die Pein

Drum lass nur die mit Maske rein

Roter Mann, nun lasses schon sein!

Das Christkind kommt dann halt allein;-)

****

Wie sieht es aus mit all den Dingen?

Die Ruhm und Anerkennung bringen?

Wie befriedigt man diese Gelüste?

Würd’s euch sagen, wenn ich es wüsste!

Zur wichtigsten Erkenntnis der Woche gelange ich an Heiligabend: Erstmalig wird ein neuer Glaube verkündet. “Impfstoff” heißt er. Früher forderte die Kirche in Krisenzeiten Gottvertrauen ein, jetzt verspricht sich der katholische Weihnachtspfarrer Erlösung durch den Impfstoff. Im selben Gottesdienst erhofft man sich von der Politik, dass sie endlich mehr für das Klima tut. Bei allem, was man der Kirche in früheren Zeiten vorwerfen konnte: Ich fand die Geschichten tröstlicher – und glaubwürdiger.

Das Räuberblatt mit dem roten Rechteck überrascht uns um Weihnachten mit der Impfung einer 102-jährigen “Edith”, allgemein sind die Ankunft der verschiedenen Präparate und Impfungen auf vielen Kanälen das Thema der Woche. In Israel beispielsweise entblödet sich Herr Netanyahu nicht, sein schiefes Grinsen als “Nr.1” in die Kamera zu halten, als sei er Gewinner von irgendetwas. Ein Freund am Telefon zeigt sich zwiespältig: Einerseits will auch er ganz schnell, andererseits erinnert er an die 300 Schweden, die unlängst nach einer Impfung gegen die sogenannte “Schweinegrippe” der unheilbaren Schlafkrankheit zum Opfer gefallen sind. Leider lässt nun auch bei uns der erste Impfstoffinfizierte nicht lange auf sich warten: Ein Arzt leidet unter Herzrasen und anderen Nebenwirkungen. Mich erinnert diese ganze Impfstoffaktion auch etwas an die glorreichen Zeiten des kalten Krieges und des Wettrüstens. Wer hat die Nase vorn? Wie damals im Weltraum scheinen es die Russen zu sein, die ihren Impfstoff sehr charmant “Sputnik” nennen. Ob das coole “V” hinter dem Namen eine Anspielung auf unsere frühere “Wunderwaffe” ist? Wir wissen es nicht – doch zumindest scheint niemand mehr den Argwohn zu hegen, dass die Russen uns mit einem “modifizierten” Impfstoff auf einen Schlag loswerden könnten. Zu stark ist das Vertrauen darauf, dass nicht einmal der größte Widersacher so böse sein kann, etwas Heiliges wie einen Impfstoff gegen uns einzusetzen. Nicht mal der Russe kann so böse sein wie das fiese Covid. Ein paar Systemkritikern sind merkwürdige Dinge zugestoßen, na gut, aber wir sind doch auch ein guter Gas-Kunde. Also wird schon alles gutgehen.

Die Kirche ist nicht mehr, was sie einmal war, Russland auch nicht mehr, wie soll das alles noch enden? Wird Corona als Feindbild Nummer eins alle anderen Feindbilder eliminieren? Alle Kirchen gleichschalten mit allen Regierungen und Mainstream-Medien? Ist Corona so stark, dass nur die gesamte Menschheit geschlossen eine Chance hat? In diesen Tagen scheint es so.

Umso spektakulärer gestaltet sich das oben bereits erwähnte Hauptgeschenk für meine Mutter: Der Besuch in ihrer Hochsicherheitswohnanlage. Später werde ich noch erfahren, dass an den Geschenken der “Kinder” gespart wurde, weil das Personal diesmal doppelt so viel bekommt, wie sonst. Weil so viel mehr zu tun sei, wie Mutter betont. Das mag einerseits stimmen – doch andererseits machen wir die Erfahrung, dass das Personal auch extrem viel Sinnloses tut. Doch nun der Reihe nach:

Bei der Ankunft am Empfang muss man zuerst vor eine Fiebermesszielscheibe treten und dann seine Daten in ein Tablet eintippen. Das habe ich schon mehrmals getan, vor allem als der Lockdown gelockert wurde. Meine Daten liegen in Mutters Residenz also schon hinlänglich vor. Deshalb mache ich mir den Spaß, jedes Mal meine Eingaben etwas zu variieren, bisher scheint das noch niemandem aufgefallen zu sein. Doch eines frisst das Tablett nicht: Ich gebe Mutters Nachnamen ohne großen Anfangsbuchstaben ein, das Gerät streikt und die Empfangsdame muss aus ihrer Plexiglasburg herauskommen, um mir zu helfen.

Abschließend muss ich zum Schnelltest in den früheren Veranstaltungsraum. Der sieht jetzt aus wie eine Kombination aus Behandlungszimmer und Wahllokal – mit dem Unterschied, dass die Trennwände aus Acrylglas sind. Nach fünfzehn Minuten hält mir eine der Damen in blauer Schutzkleidung ein Blatt Papier unter die Nase, dass ich abfotografieren soll. Mein negatives Testergebnis, es gilt für 48 Stunden – nach Weihnachten sogar für 72. Trotz bestandenem Test läuft man mit Nase-Mund-Schutz durch die Gänge, auch die erste Umarmung mit meiner Mutter (seit immerhin über neun Monaten) erfolgt mit Maske. Danach sitzen wir gemütlich zusammen – ohne Maske. Schon beim Abschied an diesem ersten Weihnachtstag wissen wir am Ende gar nicht mehr, wie man sich jetzt zu verhalten hat.

Also zur Sicherheit wieder mit Maske durch die langen Gänge, in denen auch die Bewohner mit Maske herumlaufen und -rollern. Dabei wird hier ständig getestet – und sich küssend umarmen tun die alten Herrschaften auch nicht. Was auf den Zimmern passiert, weiß man natürlich nicht. Egal, wir sind mittlerweile gut dressiert. Oder haben einfach keine Lust mehr auf Diskussionen. Beim Verlassen der Residenz abmelden muss ich mich nicht. Diesmal nicht.

Eineinhalb Tage später bin ich wieder hier, diesmal mir Freundin. Dürfen wir nun eigentlich mit negativen Testergebnissen zusammen zu meiner Mutter? Also drei Haushalte in einem Zimmer? Vorsichtshalber fragen wir gar nicht erst, sondern ich melde mich bei einer Tante, die auch hier wohnt, zum Besuch an. Diesmal klappt meine Tablet-Eingabe wieder nicht besonders gut, da die Brille ständig beschlägt. Abnehmen darf ich sie nicht. Obwohl ich auf mein negatives Testergebnis hinweise. Danach trete ich vor den Fiebermessautomaten, und auch der versagt seinen Dienst. Obwohl ich meinen Kopf genau an der dafür vorgesehenen Zielvorrichtung ausrichte. Deshalb soll ich die Maske nun doch abnehmen. Das Gerät wird grün und piept, ich darf passieren. Meinen Test auf dem Handy schaut sich die Dame am Empfang gar nicht an, dafür erhalte ich im Gegensatz zum letzten Besuch eine Besucherkarte am Halsband. Während meine Freundin auf ihren Test wartet, besuche ich die Tante. Die empfängt mich ohne Maske. Der Teil danach ist privat – also springe ich an dieser Stelle eine Stunde nach vorne.

Zum Abschluss unseres heutigen Besuchs möchte auch meine Freundin der Tante kurz “Hallo” sagen. Doch die ist leider schon im Speisesaal, und der wird von gleich drei Damen bewacht. Die erste, zwölf Meter vor dem Eingang postiert, kann es “nicht verantworten”, dass wir zur Tante an den Tisch gehen. Sie geht zur Anwesenheitslistenführerin am Stehpult hinter der Eingangstür, die wiederum die dritte Dame nach der Tante schickt. Die Dame vom Stehpult kommt nach vorne, um zu bestätigen, dass wir nicht in den Saal dürfen. Notabene sind wir nicht im “Adlon”, sondern in einer hannoverschen Seniorenresidenz. Nach dem Abschied von der Tante, die kurz nach vorne gekommen ist (jetzt natürlich mit Maske), verlassen wir das Haus – wobei ich vergesse, dass die Besucherkarte unter dem Mantel noch um meinen Hals hängt. Ich werde zurückgerufen, um die Karte unter der Plexiglasscheibe des Empfangs hindurch zu quetschen und mich abzumelden. Die Fiebermessapparatur beginnt zu piepen und zeigt grün blinkend “Keine Temperatur” – obwohl ich noch immer dieselbe Maske trage und meinen Kopf diesmal nicht vor der Zielvorrichtung in Position bringe.

In der Tat hat das Personal zurzeit mehr zu schaffen als sonst. Was wir bei unserem kurzen Besuch erleben, lässt jedoch keinen tieferen Sinn jeder dieser Zusatzbeschäftigungen erkennen. Vielmehr scheint es so, als wären einige der getroffenen Maßnahmen einerseits nicht durchdacht, und andererseits nicht konsequent umgesetzt. Vor allem gewinnen wir nicht den Eindruck, als würde man den Schnelltests vertrauen. Beim nächsten Besuch werde ich mich als “Mickey Maus” anmelden und auf dem Smartphone meine Steuererklärung zeigen…

Im Zentrum Hannovers haben wir neuerdings ein besonders markantes Corona-Sinnbild: Die schicke “Heimweh”-Lounge ist zum Testzentrum mutiert. Dort, wo sich sonst einsame Großstadt-Herzen in kühlem Design-Ambiente treffen, unterstützt die artifizielle Sterilität nun den klinischen Appeal des Schnelltests. Die Schlange stehende Klientel sei stilsicher gekleidet wie immer, berichtet Kollege Pete, der sich am 23. dort hat testen lassen, um pünktlich zum Fest reinen Gewissens den Heimaturlaub bei seinen Eltern antreten zu können. Dem Anschein nach “Hartzer” sehe man im “Heimweh” nicht, fährt er fort, zumal der Abstrich 40 Euro koste – und das ohne Gratis-Drink! Leider versagt der negativ ausfallende Test seinen mentalen Dienst bei Pete. Er hatte bis zum 18. Dezember Kontakt zu Teilnehmern, von denen nun eine positive getestet wurde. Wie man hört, stammt die junge Dame aus einer Großfamilie, die für ihren starken Zusammenhalt stadtweit bekannt ist. Pete beschließt letztendlich, doch nicht heimzufahren. Nicht zu Weihnachten und vielleicht auch später nicht. Die positiv Getestete hat derartige Probleme wahrscheinlich nicht, sie ist nun quarantänebedingt dort, wo sie sowie sein will. “Hartzer” bleiben eh lieber zuhause, die Zeche zahlen andere. Zum Beispiel die, die in dieser Krise trotz allem zur Arbeit gehen, ihre Steuern bezahlen, dabei jederzeit arbeitslos werden können und sich zu allem Überfluss ihr eigenes Familienleben verkneifen.

Vorschlag an unsere Vordenker: Wenn man es mit der Sicherheit der Menschen im Lande wirklich ernst meint, wäre es doch ein Zeichen, die Milliarden nicht an die daniederliegende Luftfahrt zu spenden, sondern auch mittellosen Mitbürgern die Tests zu ermöglichen. Ob die bei positiven Ergebnissen konsequenterweise auf ihre üppigen Familienzusammenführungen verzichten würden, bliebe abzuwarten. Doch besser investiert als in flügellahme Kraniche und rote Lachemünder wären die Gelder in jedem Falle. Und dass Apotheker die viel zu spät verfügbaren Masken zur Verteilung an Bedürftige erst kaufen müssen, um sich das Geld dann umständlich zurückzuholen, spricht auch nicht für ein ausgeprägtes Lösungsbewusstsein der Verantwortlichen.

Für viele mag Corona in Mitte und Rechts spalten. Für mich spaltet es zurzeit eher in Bildungsnähe und Bildungsferne. Wie sehr es unsere Gesellschaft darüber hinaus fortschreitend in Arm und Reich spaltet, werden uns die Statistiken zeigen.

Der Schnelltest sei mit uns und der Impfstoff gebe uns Frieden. Amen.

22:57 30.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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