Das Leben in den Zeiten der Corona, Woche 42

Das etwas andere Logbuch Tag 288 gehört zur Zwischenzeit.
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Zu diesen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr, an denen die Zeit still zu stehen scheint. Gelegentlich ordne ich hier und da noch etwas, um das neue Jahr ohne überflüssigen Ballast begrüßen zu können, doch am liebsten spiele ich mit meinen neuen Sachen. Oder die mit mir. Als Kinder durften meine Geschwister und ich noch bis in den Januar in unser zum Weihnachtszimmer umfunktioniertes Wohnzimmer mit dem festlich geschmückten Baum hinein. Viele der schönen Geschenke ließen wir dort extra lange auf und unter den Tischen verweilen, damit wir in diesem gediegenen und gleichwohl etwas Ehrfurcht einflößenden Raum noch möglichst lange spielen, lesen oder naschen konnten. Weihnachten war nicht nach ein oder zwei Tagen vorbei, es dauerte eine ganze Woche. So gab es bei uns beispielswiese den Begriff “Dritter Weihnachtstag”. Der einzige Grund die Pracht irgendwann abzubauen war die Gewissheit, dass es im neuen Jahr wieder ein Weihnachten geben würde.

Heute liegen die goldenen Kerzenhalter wohlbehütet in einer kleinen Tüte in meiner Innenstadt-Wohnung. Mein diesjähriger Baum ist ein Strauß prächtiger Zweige, die in einer großen Vase auf meinem Balkon stehen. Sie stammen von dem großen Nadelbaum, der dem Weihnachtszimmer meiner Kindheit im Sommer Schatten spendet. Auch heute noch, wenngleich ich schon lange nicht mehr in meinem Elternhaus wohne. Schmuck tragen die aus meiner Kindheit auf diesen Balkon entführten Äste ebenso wenig wie Wachskerzen – das Glitzern meiner Erinnerung und die Flämmchen in meinem Herzen müssen reichen. In diesen Zwischentagen entscheide ausschließlich ich selbst, was ich tue, zumindest das hat sich in all den Jahren nicht geändert. Erfreulicherweise fliegt mir eine neue Komposition zu. Ich weiß nicht woher, doch sie ist etwas ganz Neues und Eigenes. So wehre ich mich nicht und lasse mich von ihr überraschen, jeden Tag aufs Neue.
Daneben lese ich Musikmagazine, benote Schülerhausarbeiten und pflege meine Datenablage. Letzteres gestaltet sich besonders aufwändig, da zwei wichtige Festplatten den Dienst versagen und in den folgenden Tagen mehrere Rechner Tag und Nacht durchlaufen müssen, um alle Schätze umzuschaufeln, die noch zu retten sind. Zum Glück darf der Lebensmittelhandel geöffnet bleiben, denn aktuell gibt es die dazu benötigten Speichermedien offline nur beim Aldi.
Eines tue ich in dieser Woche jedoch auf gar keinen Fall: Nachrichten lesen, sehen oder hören. Auch ohne das dringt genug zu mir durch, doch dazu mehr in der nächsten Woche. Dann ist mein Weihnachts- und Neujahrsurlaub nämlich vorbei.

Das alte Jahr beschließen wir an Sylvester, indem wir auf dem iPad eine kleine Filmmusik für einen imaginären Sergio-Leone-Film produzieren. Bleispritzen statt Bleigießen sozusagen. Auch das anlassübliche Geböllere im Hintergrund hält sich dieses Jahr dankenswerterweise zurück, sodass wir fast ungestört herumspielen können. Was die Musik für das kommende Jahr zu bedeuten hat, können wir am Ergebnis noch nicht ablesen. Doch irgendwie muss ja auch nach Ennio Morricone weitergehen, finden wir.

Der letzte Abend dieser Woche gehört einem noch größeren Dinosaurier, Charlie Chaplin. Denn das öffentlich-rechtliche Fernsehen will uns auf mindestens vier Kanälen eine Mädchenentführung aufzwingen, für die schon seit Tagen geworben wird. Ein “Fernsehexperiment” - mit zugegebenermaßen tollen Schauspielern - das einen Kriminalfall aus mehreren Perspektiven und in unterschiedlichen Inszenierungen behandelt. Dass der Autor des Werkes ein Enkel des früheren Reichsjugendführers ist, soll hier nicht bewertet werden. Doch dass wir Fernsehgucker gleich zum Jahresanfang Teil eines “Experiments” sein sollen, bei dem es um ein äußerst unerquickliches Thema geht, stört meinen Wunsch nach Feiertagsnostalgie ganz empfindlich. Und es wirft die Frage auf, wozu es so viele öffentlich rechtliche Kanäle gibt, wenn dann doch wieder eine Gleichschaltung erfolgt. Da wünsche ich mir doch das gute alte Mitrate-Format “Dem Täter auf der Spur” zurück (kennt das noch jemand?).
Welchen aufbauenden pädagogischen Wert die Frage, ob ein Polizist bei einem Entführer Foltermethoden anwenden darf, haben soll, erschließt sich mir nicht. Deshalb erinnern meine Freundin und ich uns lieber an schwarzweiße Stummfime. Da kommt das Chaplin-Biopic gerade recht.

Ungebeten meldet sich eine gewagte Hypothese in mir: Wer sich in seiner Kindheit keine Welt aufbauen kann, in der eigene Ideen, Inspirationen und Zielwünsche entstehen, wird zu der Welt, wie sie sich da draußen gerade entwickelt, wahrscheinlich nicht viel nachhaltig Erbauliches von ideellem Wert beisteuern können.

11:32 05.01.2021
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