Das Leben in den Zeiten der Corona, Woche 49

Das etwas andere Logbuch Tag 337 ist so etwas wie der erste Corona-Advent.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

In genau vier Wochen jährt sich unser Pandemie-Start. Mit “uns” meine ich dabei mein Lebensumfeld, Norddeutschland. Dass da etwas auf uns zukommt, das nicht in vier Wochen wieder vorbei sein wird, habe ich schon am Anfang geahnt. Dazu musste man auch kein Hellseher sein, nicht mal ein Weitseher. Doch wie kurzsichtig wir wirklich aufgestellt sind, das hat mich im Laufe der letzten Monate dann doch ziemlich erschüttert. Deshalb schreibe ich in den kommenden Wochen nicht mehr hinterher, sondern setze die Brille mit den dicken Gläsern auf. Die, durch die man im Sommer ein Feuer entfachen kann. Vorausgesetzt, es ist genügend trockenes Stroh da. Als erstes fokussiere ich meine Brenngläser auf das Thema ...

Allgemeine und individuelle Intelligenz”

Zu den Tierarten, die der Mensch gerade ausrottet, gehören viele, denen eine so genannte “Schwarmintelligenz” bescheinigt wird. Zum Beispiel fällt bei Fischen, von denen es im Meer immerhin noch fast so viele wie von uns Menschen weggeworfene Plastikteile gibt, auf, dass sie innerhalb von Sekundenbruchteilen die Richtung ändern können. Als kompletter Schwarm, ohne sich gegenseitig anzurempeln. Der Mensch kann das nicht. Wenn der wirklich mal fliehen muss, trampelt er andere tot. Und wenn er aus Gesundheitsgründen mal Abstand zu seinen Artgenossen halten muss, schafft er es nicht. Er muss anderen fast schon eklig dicht auf die Pelle rücken. Besonders gut zu sehen in der allwöchentlichen Fußball-Berichterstattung. Wie man angesichts dieser Kuschelbilder eine Impf-Bevorzugung der Fußballleute fordern kann, weil Fußball angeblich eine “Vorbildfunktion” haben soll, erschließt sich mir nicht. Seit wann hat die Dummheit Privilegierter Vorbildcharakter? Leben wir wieder im Feudalismus?

Doch bleiben wir bei der Intelligenz, denn die scheint bei vielen Privilegierten stetig abzunehmen. Und die Nicht-Privilegierten warten auf Order. Darauf, zu erfahren, was sie dürfen und was nicht. In unseren komplexen Gesellschaften ist es besser, erst gar keine eigene Intelligenz zu entwickeln. Denn das bedeutet nur Ärger. Folgerichtig war es im Laufe des nun zu Ende gehenden Jahres unerwünscht, um nicht zu sagen asozial, sich selbst und andere so zu schützen, wie man es für angemessen hält. Intelligenz ist nicht mehrheitsfähig, Nachdenken gefährdet die öffentliche Ordnung. Alle sollen jammern, wie schlimm die Beschränkungen sind, gleichzeitig natürlich einsehen, dass der ganze Zirkus “alternativlos” ist, und auf ein “Leben wie vorher” hoffen, auf “bessere Zeiten”. Das Beste aus dieser Zeit machen allerdings soll man auch nicht. Denn das wäre ja Selbstverwaltung, und die ist ebenfalls unerwünscht. Als ich einem Freund verrate, dass ich bis auf das Auftrittsverbot gut mit dem Lockdown klarkomme, behagt ihm das auch nicht.

In den staatlichen Medien hört man wenig dazu, wie die Asiaten das Problem mittlerweile handhaben. Am Anfang habe ich mir einiges aus Asien durchgelesen, als man dort unsere europäische Ignoranz nicht als kulturelles Anderssein, sondern als fehlende Intelligenz ansah. Die Ignoranz unserer Politiker ist ungebrochen: Wenn man einen Weg einschlägt, muss man ihn fortsetzen. Plötzlich intelligent zu agieren, würde die Regierung noch unglaubwürdiger machen, als sie ohnehin schon ist. Wenn es angesichts der “britischen” Mutanteninvasion eine Änderung des sogenannten Lockdowns gibt, muss dieser Änderung eine ganz wichtige Erkenntnis zugrunde liegen. Zum Beispiel die, dass Haareschneiden plötzlich Teil der Menschenwürde ist. Menschenwürde “on and off”. Die privilegierten Fußballer (wann wurde deren Sonderstatus eigentlich im Grundgesetz verankert?) brauchen das nicht – die kleinen Knötchen und Zöpfchen vieler farbiger Bundesligaspieler wirken so, als würden ihre Privatfrisöre permanent mitreisen und direkt nach dem Duschen die Goldköpfchen wieder kameratauglich stylen. Doch jetzt genug des Fußballs für diese Woche – es soll diesmal ja um Intelligenz gehen.

Ein besonders wagemutiger Initiativvorschlag aus NRW lautet, dass nun auch Grundschulkinder Masken im Unterricht tragen sollen. Wenn man das vor wenigen Monaten vorgeschlagen hat, war man ein kinderfeindlicher Sadist. Etliche mehr oder weniger plausible Gründe wurden konstruiert, um unsere nicht als Risikogruppe kategorisierten Kleinen vor der bösen Corona-Realität zu schützen – bis hin zum Verbot von Schokoladenweihnachtsmännern mit Nase-Mund-Schutz. Dass ein frühzeitiges Erlernen des Tragens einer Maske zu einem Automatismus führen könnte, der unsere Gesellschaft auch für die Zukunft infektionsresistenter machen könnte, tauchte als Gedanke irgendwie nirgends so richtig auf. Wie so viele Gedanken, die sich intelligente Menschen durchaus machen können. Oder habe ich da was verpasst? Übrigens ist das Kindchenschema per se ein probates Mittel, Intelligenz auszuschalten.

Der Mensch ist ein Herdentier und soll als Herdentier kontrollier- und instrumentalisierbar sein und bleiben. Und Intelligenz ist leider überhaupt nicht kontrollierbar. Nicht zufällig bezeichnen viele Politiker unser Gesellschaftmodell als “freiheitlich demokratische Grundordnung” – und nicht als “freiheitlich ordentliche Demokratie” oder “grunddemokratische Freiheit”. Das Substantiv ist die “Grundordnung”, alles andere ist euphemistisch schmückendes Beiwerk.

“Intelligenz” hat übrigens gar nicht so viel mit Bildung zu tun, wie oft suggeriert wird. Oder mit besonderen Talenten oder Fähigkeiten. Es handelt sich dabei vorrangig um “Einsichtsvermögen”. Einsichten nehmen, zu Einsichten gelangen, Einsicht gewähren und “zwischen den Dingen lesen”. Neben einem gewissen Quantum an Erblichkeit, das für Intelligenz sorgt, kann es vor allem ein soziales Klima sein, dass Intelligenz ermöglicht und sie verbreitet. Naja, lesen und schreiben lernen ist auch nicht von Nachteil, aber das haben wir doch schon mit dem preußischen Bildungssystem umgesetzt. Oder nicht?

Den Faulen unter uns rufe ich zu: Intelligenz kann auch die Überwindung der körperlichen Trägheit durch geistige Regsamkeit sein. Etwas Neugier und Fantasie gehören freilich auch dazu.

Als Bindeglied zum Thema der nächsten Woche schließe ich mit einem Zitat aus der Fernsehwerbung, das uns mehrere Monate lang ungestraft und unzensiert begleiten durfte: “2020 haben wir erlebt, wie Corona unsere Welt verwundet hat.” Ist dieser Satz intelligent? Eher nicht – vorausgesetzt natürlich, mit “Welt” ist alles um uns herum gemeint. Und zu der gehört das Virus zweifelsfrei dazu. Es hat sich jedoch meines Wissens nach nicht selbst verwundet. Oder ist es ein Außerirdischer? Kann es eigentlich “britische Mutationen” von Außerirdischen geben? Und können wir die aufhalten, indem wir Grenzen, Tunnel und Flughäfen schließen? Oder hört unsere Welt an der Wohnungstür auf, und unser Essensbringdienst auf zwei Rädern gehört schon nicht mehr dazu?

Wie dem auch sei … wissenschaftlich betrachtet ist eher der Mensch, der eine Welt, die er spätestens seit dem Entstehen des Christentums als die seine betrachtet, permanent verwundet. Viren wissen doch nicht einmal, was “Wunden” überhaupt sind.

22:28 23.02.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare