Das Leben in den Zeiten der Corona; AC 2.2

Das Logbuch geht weiter: IW statt IQ
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Wie Donner hallt es durch die Republik: Sie nehmen uns Ostern weg! Niemand weiß warum. Schließlich hat das schon Weihnachten nicht geklappt, sondern uns einen Höchststand an Corona-Erkrankungen beschert. Aber was einmal nicht funktioniert, versuchen unsere Politiker trotzdem gerne nochmal. Für sie scheint zu gelten: Karriere auf 100 Prozent, Lernfähigkeit auf null Prozent. Also werden möglichst viele Kinder und Jugendliche zurück in die Schulen geschickt – punktgenau eine Woche vor den Osterferien – damit Ostern auch garantiert ein Inzidenzwert von über 100% erreicht und die bundesweit anrollende Hausarrestwelle gerechtfertigt ist. Der Inzidenzwert, kurz IW, hat den IQ sowieso schon lange als Maßstab für das Denken und Handeln abgelöst.

Damit dieses Paradoxon nicht ganz so auffällt, wird in sogenannten „Halbklassen“ beschult. Ein Schultag kann dann so aussehen: Wenn du in der Schule ankommst, baust du erstmal deinen Laptop auf und versorgst die Daheimgebliebenen mit einer Aufgabe. Dann hechtest du in einen Klassenraum, um die anwesenden Kids live zu bespaßen. Natürlich kennst du niemanden von ihnen persönlich, du hast sie bisher ja nur im Internet gehört und gesehen. Da alle „MNS“ (Multiplen Nasenschutz) tragen, versagt die Gesichtserkennung. Sogar, wenn die zuvorderst sitzenden Kinder direkt einen halben Meter vor deinem Lehrertisch hocken. Also machst du erstmal eine erneute Vorstellungsrunde und stellst den für diesen Tag erforderlichen Halbklassensitzplan zusammen. Alleine damit könntest du schon eine Stunde zubringen – wenn nicht unvermittelt irgendein Kollege mit seiner Halbklasse in der Tür steht, weil wieder mal der Raumplan geändert wurde und du mit deinen Schutzbefohlenen umziehen sollst. Das bringt ordentlich Wirbel- und Virenstürme in die Klassenräume und Korridore, die eigentlich permanent gelüftet werden müssten.

Nach der ersten Doppelstunde hast du Aufsicht in der Raucherecke, um danach wieder zwischen Heimsitzern und Halbklassen hin- und her zu switchen. Es kann bei den ständigen Szenario-Wechseln auch passieren, dass du nach fünf Minuten noch niemanden im Online-Unterrichtsraum siehst und durch das Haus flitzt, weil es ja sein könnte, dass deine Schüler wieder im realen Klassenraum sitzen. Wenn zu allem Überfluss gerade auch noch „Projektwoche“ ist (...warum um alles in der Welt muss dieses „Jeder-macht-wozu-er-Lust-hat-oder-auch-nicht“ überhaupt in der Schule stattfinden?) teilen sich Halbklassen gerne in weitere Mikro-Gruppen, sodass jeder Winkel der Schule besetzt ist. Besser kann ich Viren nun wirklich nicht verteilen – Glückwunsch! Das Thema der Projektwoche kann dann ironischerweise auch noch „Klassenausflug“ heißen. Und für den braucht man natürlich neue Fetzen-Jeans und weiße Plastikschuhe. Bitte nicht wundern, wenn in einer Realschulprojektwoche so manch eine Gruppe nach genau diesen Insignien des Mitläufertums googelt wird. Also genau dasselbe getan wird wie zuhause – nur unter Lehreraufsicht.

Als Neuling stecken sie dich in deiner Freistunde gerne als Vertretungsaufsicht in solch eine Halbklasse. Und weil das ja kein regulärer Unterricht ist, hängen die Kids hier besonders gerne zu fünft an einem Tisch herum. So vergehen sieben Stunden in fünf Klassen mit insgesamt zwölf Gruppen wie im Fluge. Wie schnell die Zeit vergeht, merkst du nur daran, dass du durstig und hungrig wirst. Was unter diesen Umständen gelernt wird, bleibt abzuwarten. Wenigstens kann der Autist der Klasse, der vom Homeschooling befreit ist, endlich wieder seine Qualitäten durch mündliche Teilnahme unter Beweis stellen – und das gleich in beiden Halbgruppen. Auch der Klassenclown bekommt seinen Nachteilsausgleich, indem er wieder live und in Farbe senden darf. Und wenn er zum Thema „Oper“ aus dem Musikunterricht lediglich mitnimmt, dass „Wagner“ eine Pizzamarke ist, hat man ja wenigstens etwas erreicht.

Mein Oster-Programm 2021: Vor den Ferien Präsenzunterricht bis zur Atemnot und dann den nicht mehr seinen Namen verdienenden „Urlaub“ im sogenannten Lockdown verbringen. Um danach wieder mit den ganzen Bazillenherden zusammen zu hocken. Glaubt denn ernsthaft irgendjemand, dass sich Schüler und Schülerinnen aller Altersgruppen in den Osterferien nicht miteinander verlustieren?

Vielleicht haue ich mit dem E-Bike ab, zumindest habe ich es schon fitmachen lassen. Mein Zweirad-Meister hat einen Witz parat: Fünferpack Schnelltests gekauft und gleich alle ausprobiert. Zwei zeigen „negativ“, zwei „positiv“ und einer „schwanger“. Das Witzigste an diesem Witz ist, dass es vielleicht gar kein Witz ist. Denn in Apotheken scheint es in der Tat unterschiedliche Sars-CoV-2-Antigen-Schnelltests zu geben, auf denen „negativ“ oder „positiv“ stehen kann. Die mit dem Label „positiv“ sind rot gekennzeichnet. Was es mit der Differenzierung in „negativ“ und „positiv“ bei diesem Antigen auf sich hat, darüber finde ich im Netz keine plausible Erklärung. Schlüssig wäre es: Jahrzehntelang schicken die Ärzte ihre Patienten runter in die Apotheke, jetzt können die sich endlich revanchieren, indem sie ihre Kunden hoch zum PCR-Test schicken.

Das höchst dubiose Produkt kommt aus einem Labor nahe der mexikanischen Grenze. Wenn die Amerikaner ihr Zeug nicht vor der eigenen Haustür verklingelt bekommen – was soll's: Deutschland nimmt's auf jeden Fall.

Man erzählt mir, dass die Kanzlerin sich beim Volke entschuldigt habe – für was auch immer. Abdanken wäre sicher effektvoller. Zumindest diesbezüglich hatten frühere Kaiser und Könige ein besseres Timing. Die Merkelin hingegen scheint in ebenfalls bester monarchistischer Tradition etwas anderes zu planen: Die Rückstufung der sechzehn renitenten Landesfürsten ins zweite Glied.

Nach mehrwöchiger Fußballpause in diesem Logbuch sollte zumindest der „holländische Weg“ nicht ganz unerwähnt bleiben. Sowohl die „U21“-Mannschaften (warum dürfen die Spieler eigentlich Jahrgang 1998 sein?) als auch die A-Teams spielen gerade ihre Qualifikationsrunden für WM und EM aus. Wie gewohnt sind alle Stadien leer. Alle? Nein, ein kleines, orangefarben gekleidetes Dorf in der westfriesischen Tiefebene wehrt sich bereits wieder. Dort sind Fans auf den Rängen erlaubt – aber nicht so, wie man meinen sollte. Sondern dicht an dicht. Mit einem Abstand von 30 bis 90 Zentimeter zueinander versprühen diese Krakeeler, die ja nun aus weniger Mäulern ebenso laut wie ein komplett besetztes Stadion sein müssen, in stattlich besetzten Blöcken ihre Aerosole. Direkt daneben sieht man nicht freigegebene Blöcke, komplett menschenleer. Hallo, liebe Nachbarn, habt ihr das Problem noch immer nicht erkannt?

Warum müssen sich Menschen eigentlich immer so eklig eng auf der Pelle hängen? Vielleicht sollten endlich die Drogerien geschlossen und das Wasser abgestellt werden, damit die Leute merken, dass sie sich eigentlich gar nicht so gut riechen können, wie sie immer tun.

19:38 02.04.2021
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