Am Anfang war das Wort

Bücherkalender Calvani entdeckt auf der Liste aufrufender Schriftsteller Jón Kalman Stefánsson und erinnert sich an unvergleichliche Vergleiche
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Am Anfang war das Wort, und das Wort war auf Latein. Streng genommen sind es sogar mehrere Wörter auf Latein, mit denen die Geschichten ihren Lauf nehmen. Tu igitur nihil vidis, träumt eines Nachts der Mann, der später wegen seiner Zuwendung zu den Sternen der Astronom genannt werden wird. Zu dumm nur, dass er zu dem Zeitpunkt, zu dem ihn dieser Traum aus lateinischen Wörtern ereilt, des Lateinischen nicht nur nicht mächtig, sondern nicht einmal in der Lage ist, die Wörter dem Lateinischen zuzuordnen.

Diesen Umstand kann der Astronom, damals noch erfolgreicher Geschäftsführer der ortsansässigen Strickfabrik, aus unerfindlichen Gründen nicht auf sich beruhen lassen. Und so lernt er Latein, kauft und liest alte Erstausgaben über Astronomie, für deren Beschaffung er Haus, Hof und Autos versetzt, schaut aus neuen Augen in die Welt und durch sein Fernrohr auch ins Himmelszelt. Seine Frau, eine Schönheit mit schlanken Beinen, läuft ihm davon, was soll sie denn auch mit einem mittellosen, Kopernikus, Kepler und Galilei lesenden Sternengucker? Eben.

Jón Kalman Stefànsson zeichnet in seinem Roman Sommerlicht, und dann kommt die Nacht die Lebenswege einer Handvoll Bewohner einer kleinen Ortschaft irgendwo in der Nähe des Polarkreises nach. Mal aus der Perspektive einer allwissenden Erzählerschaft, die sich mit den Lesenden über das Leben der Bewohner beugt, pikante Klatschgeschichten zum Besten gibt und zwar bittersüß, voyeuristisch, todtraurig und boshaft. Mal verlässt Stefànsson die erzählende erste Person Plural zugunsten der auktorialen Sicht, bald in der Vergangenheitsform, bald im Präsens. Alles scheint möglich, nur das Eine nicht: dem Schicksal zu entkommen. Fatalistisch führt der Autor seine Feder, fatalistisch dem Zufall gegenüber, dem Leben, dem Schicksal, dem Trieb und dem Tod. Und staunend stehe ich als Leserin da, mit einem lachenden und einem weinenden Auge ob der ganzen Unergründlichkeit der Wege der Herren. Und der Frauen. Frauen küssen hier mit heißer Zunge, fallen gierig über Männer her, der Bauer Guðmundur, der Arme, muss sogar nach einem solchen Überfall seinem wunden Glied mit Melkfett zu Leibe rücken – das Buch strotzt nur so vor lauter Kniefällen vor der unfasslichen Erotik insbesondere des weiblichen Wesens, stets, wie es scheint, aus der Perspektive einer männlichen Erzählerschaft, die bisweilen dem Fantasieren verfällt. So geraten drei gestandene Mannsbilder in Aufruhr, weil einem von ihnen in der Lagerhalle des Genossenschaftsladens riesige Futtersäcke aus großer Höhe vor die Füße fallen, später an Ort und Stelle binnen weniger Sekunden mehrere Lampen explodieren und alle das Gefühl überkommt, jemand oder etwas sei da. Eindeutig Spuk also, der sich nicht übel mit dem blutigen Eifersuchtsdrama, das sich vor langer Zeit auf dem Grund und Boden der Lagerhalle abgespielt haben soll, erklären lässt. Und apropos Eifersuchtsdrama: Ásdís erschießt, weil ihr Mann zu seinen Seitensprüngen auf der Weide von seiner Hündin begleitet wird, welche sich bei den Gelegenheiten wiederum vom Hund der Geliebten begatten lässt, und infolgedessen später verspielte, süße, kleine Welpen wirft, die alle den verräterischen hellen Fleck auf der Stirn tragen, die betrogene Ehefrau Ásdís also erschießt eben jene verspielten, süßen, kleinen Welpen. Einen nach dem anderen, die Hundemutter noch dazu, die Schüsse gehen direkt in ihre Nacken und begraben werden sie im Garten. Miteinander.

Was sich so zugetragen haben könnte wie beschrieben und was nicht, wer kann das schon sagen?

Sagen aber lässt sich über diesen Roman, dass sich seine eindrucksvollen Vergleiche ins Gedächtnis graben.

Nehmen wir Ágústas Hände, die an zwei neugierige Hündchen erinnern. Dieses Bild wird man nicht mehr los, schließlich sind sie, Ágústa und ihre Hände, obwohl die Originalausgabe schon 2005 erschien, eine große Hilfe, wenn es darum geht, der überbordenden Auspäherei etwas Positives abzugewinnen. Als junge Frau nämlich trug die Postangestellte Ágústa dicken, roten Lippenstift, der aussah wie ein Stoppschild und dann, in die Jahre gekommen, fängt sie aus Langeweile an, mit ihren neugierigen Hündchen-Händen alle Postsendungen zu öffnen und zu inspizieren. So ist sie in der Lage, den gesamten Ort mit unterhaltsamen Neuigkeiten zu versorgen, Seitensprünge aufzudecken und kann Eltern, deren Kinder drohen, auf die schiefe Bahn zu geraten, ermuntern, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Wer darüber hinaus wie ich hin und wieder sein Haupthaar zu einem Dutt frisiert, wird nach der Lektüre der wunderbaren Vergleiche dieses Buches nie wieder in einen Spiegel sehen können, ohne an Sólrún zu denken, deren langes Haar - zu einem Knoten aufgesteckt - aus ihrem Kopf ragt wie eine geballte Faust.

Aber auch dieser Vergleich einer geballten Faust ist nur ein Vergleich und Vergleiche sind hier geschriebene Worte und letzten Endes, heißt es auf den letzten Seiten des Buches, braucht man nicht viele Worte zu machen. Das stimmt. Worte waren schon am Anfang und sind noch am Ende, sie werden bleiben, wenn wir nicht mehr sind, also was soll die ganze Chose, das Buch ist gut, verdammt noch mal.

Jón Kalman Stefánsson: Sommerlicht, und dann kommt die Nacht, Piper Verlag, seit April als Taschenbuch erhältlich, € 9,99.

Die drei Fragezeichen:

1. Wie lautet der erste Satz des Buches?

Jetzt hätten wir beinahe geschrieben, dass die Besonderheit des Örtchens darin bestand, keine Besonderheit aufzuweisen, aber das ist nicht ganz richtig.

2. Wer oder was wärst du gerne in diesem Buch?

Das Meer. Das isländische Meer. Oder die funkelnden Sterne. Sterne sind vielleicht noch besser.

3. Wen könnte das Buch besonders begeistern?

Ausschließlich MelancholikerInnen mit rabenschwarzem Galgenhumor.

Bücher, für die wir als LeserInnen brennen, werden vom 1. bis zum 24. Dezember vorgestellt. Eine Koproduktion von Amanda, Calvani, Goedzak, H.Hesse, Kay.kloetzer, Magda und Mcmac.

19:58 20.12.2013
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Geschrieben von

Calvani

Die Wahrheit ist immer nur ein Teil der Wirklichkeit
Calvani

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