Auf Spurensuche

Bücherkalender H.Hesse begleitet Geert Mak durch die USA bis zu ihren Widersprüchen
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Amerika - Objekt der Bewunderung, der touristischen Sehnsüchte vieler, aber auch Objekt der Ablehnung, bisweilen des Hasses, allemal gut für skeptische Blicke und viele Fragen. Manche reduzieren ihre Betrachtung der USA auf ihre mehr oder weniger schlechten Präsidenten, auf ihren Fundamentalismus, auf ihre Rolle als selbsternannter Weltpolizist, wieder andere sehen nur das Positive und blenden aus, was die USA nicht so lebenswert für jene macht, die da nicht mit dem goldenen Löffel geboren worden sind. Nur wer sich einen Blick bewahrt für die vielen heterogenen Gesichter des Landes, mag am Ende zu einer befriedigenden Sichtweise kommen.

Amerika-Bücher, auch Reiseberichte, gibt es viele. Erinnert sei an Deutschlands aus meiner Sicht besten Reiseschriftsteller, Wolfgang Büscher, der sich mit seinen Füßen auf den Weg durch die USA gemacht und das in seinem mehr literarischen Bericht „Hartland“ nachdenklich-melancholisch beschrieben hat. Und es sei erinnert an die TAZ-Journalistin Bettina Gaus, die 2006 mit dem Auto der Route des US-Schriftstellers John Steinbeck gefolgt ist, die dieser ein knappes halbes Jahrhundert zuvor unternommen hatte. Auch ihr Bericht ist sehr lesenswert.

Den Spuren Steinbecks ist 2010 auch der niederländische Autor Geert Mak gefolgt. Einem größeren Publikum ist er auch bei uns bei bekannt geworden mit seinem Buch „Das Jahrhundert meines Vaters“, in dem er auf eine geniale Weise die Geschichte seiner Familie mit der seines Landes verknüpft und schildert. Nun also die USA, von denen er erzählt. Und Mak erzählt wirklich, das macht es leicht, ihm gerne zu folgen, auch wenn er abschweift und Anekdoten beisteuert. Man muss Steinbecks „Reise mit Charly“ nicht kennen, um Freude und Erkenntnisgewinn bei der Lektüre von Maks 600-Seitenwälzer zu haben, denn Geert Mak liefert uns nichts anderes als eine Geschichte der USA mit immer wieder eingestreuten Schilderungen von persönlichen Begegnungen und der jeweiligen Landschaft. Wer von Letzterem mehr erwartet, wird enttäuscht, der lese besser zusätzlich die Bücher von Gaus und Büscher. Dafür lernt man die USA hier mehr zu verstehen - mit ihren faszinierenden, aber auch schrecklichen Seiten, deren Entstehen Geert Mak nachzeichnet.

Die meisten von uns sind ja schon in ihrer Kindheit mit den USA in Verbindung gekommen: „... erlebten wir Kinder der fünfziger Jahre Amerika: durch ein paar glänzende Zeitschriften, durch ein Spielzeugauto aus glattem, stabilem Kunststoff ..., durch ein kostenloses Donald-Duck-Heft...“ Wer von uns etwas Älteren erinnert sich daran nicht! Oder an die US-Fernsehserien aus jenen Jahren und Jahrzehnten: Lassie, Bonanza etc. Wahrscheinlich haben wir noch am ehesten und am stärksten eine kulturelle Prägung durch die USA erfahren. Ich erinnere mich an einen Brieffreund aus Budapest, mit dem ich Mitte der 60er korrespondierte, der mir voller Freude schrieb, wie sehr er sich über sein monatliches Micky-Maus-Heft freute, das ihm irgendwer spendierte. Wahrscheinlich haben wir am ehesten und am intensivsten die kulturelle Prägung durch die USA mitbekommen und als Kinder und Jugendliche verinnerlicht.

Dann kam das Attentat auf Kennedy 1963. Ich war 11 Jahre jung, erinnere mich noch heute an den Abend, als die Nachricht kam. Jahre später lief ich als junger Erwachsener mit auf den Vietnam-Demos und sah in den USA nichts Gutes. Aber sie blieben immer ein Thema, sei es über die Abgrenzung und Ablehnung. Eine Sichtweise zu finden, die die USA weder verkitscht, verherrlicht, noch sie in toto verteufelt, war dann die Aufgabe späterer Jahre. Ihr kommt Mak sehr nahe.

Mak zeichnet die wechselhafte und teilweise widersprüchliche Entwicklung der USA seit Beginn ihrer Kolonisierung detailliert nach, so dass man sie heute zumindest besser zu verstehen beginnt. Nur ein Beispiel: Er schildert das Leben in Sag Harbor, dort begann Steinbecks und somit auch seine Reise. Die Angewohnheit, abends auf seiner Veranda gemütlich zu sitzen und mit vorbei flanierenden Passanten zu plaudern, sei schon „Ende der fünfziger Jahre vollständig verschwunden“. „In der Geschichte der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg geht es vor allem um die Anpassung an diese vollkommen neue Art des Zusammenlebens. Die Grundwerte der herrschenden Kultur wurden in weniger als zehn Jahren ganz und gar auf den Kopf gestellt. Die Amerikaner wechselten von einer Kultur, in der man dem Mangel trotzen musste -mit aller Strenge und Starrheit, die dazu gehört-, in eine Kultur, in der der Genuss - und immer noch mehr Genuss - des Überflusses im Mittelpunkt stand.

Dieser rasante, aber öffentlich nicht diskutierte Wandel ihrer Gesellschaft, die tiefgreifende Veränderung der Prioritäten und das Schwinden der klassischen amerikanischen Werte wie Sparsamkeit, Einfachheit und Solidarität verunsicherte nicht wenige Amerikaner. Sie spürten, dass die Party mit all den Waschmaschinen, rosafarbenen Buicks und den flotten Petticoats einen einschneidenden Bruch markierte. Der Sieg über die Welt des Mangels war eine historische Leistung ersten Ranges, aber den Menschen dämmerte, dass das Reich des Überflusses neue Probleme mit sich bringen würde, und zwar von einer Art und in einem Umfang, von denen sie sich noch keine Vorstellung machten.“

Ausgehend davon schildert Geert Mak, wie infolge dieses Wandels schon in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die ersten Gärprozesse von Bürgerrechtsbewegungen entstanden: bei den Schwarzen, den Studenten und Künstlern, die gleiche Rechte für sich einforderten bzw. Alternativen zur Konsumgesellschaft suchten. Aber auch bei den Konservativen, die nun umso mehr an ihren tradierten Normen und Werten festhielten.

Mak greift nahezu alle Bereiche des amerikanischen Lebens auf und unterzieht sie einer Würdigung, sei es die Sehnsucht nach Einheitlichkeit - jeder McDonald‘s, jedes Holiday Inn muss überall gleich eingerichtet sein - oder die ausgeprägte Religiosität sehr vieler US-Bürger, die mit dem Begriff Fundamentalismus durchaus zutreffend charakterisiert ist. Nicht immer hat, was Mak aufgreift und beschreibt, speziell oder ausschließlich mit der Gegend zu tun, durch die er gerade fährt. Wenn man sich bei der Lektüre daran einmal gewöhnt hat, fängt man an, über die Fülle an Informationen zu staunen und viel zu lernen.

Ein weiteres Beispiel für die Widersprüchlichkeit oder auch nur Ambivalenz der Amerikaner sei zitiert: „Nach neuesten Umfragen glauben fast zwei Drittel der Amerikaner an den Teufel und die Hölle, fast drei Viertel an den Himmel und vier Fünftel an einen persönlichen Gott, der aktiv in ihr Leben eingreift. Ein seltsamer Widerspruch: Die Amerikanische Revolution und die Verfassung sind ganz und gar Produkte der Aufklärung, dennoch würde sich so gut wie kein Politiker zum Atheismus zu bekennen wagen.“

Aber auch das gehört dazu: „Kirchen sind hier nicht nur religiöse, sondern auch soziale Gemeinschaften, weitaus mehr als in Europa. Wenn man sieht, wie sich Amerikaner in ihren Gemeinden engagieren, mit community work und anderen sozialen Aktivitäten, möchte man sie kaum als individualistisch bezeichnen, im Gegenteil.“

Ich will mit diesen Beispielen andeuten, dass weder die USA noch das Buch von Geert Mak einem Schwarz-Weiß-Schema folgen. Zwar überwiegt seine Skepsis und Ablehnung des politischen Amerika, vor allem, was die Ära Reagan/Bush betrifft und wer will, mag sich auf die unzähligen im Buch erwähnten schrecklichen Seiten der USA stürzen, aber man übersehe dabei nicht die Erklärungen Maks, die sie verstehbar machen, was ja nicht bedeutet, sie zu billigen.

Das macht sein Buch so überaus lesenswert: Es ist mehr als eine dicke Reportage, es ist auch mehr als ein Reisebericht. Immer wieder taucht er ein in die Geschichte, in die Welt der US-Mythen, der Literatur etc. Diese Exkursionen helfen die Wirklichkeit der Staaten zu verstehen. Mak zeichnet nach, wie die Entwicklung der USA gelaufen ist, wie die Amerikaner „ticken“, wie sie sich sehen. Man merkt, er staunt und wundert sich, findet vieles schlimm, aber er verurteilt nicht.

Hinzu kommt, dass Mak schreiben kann, nie wird er langweilig und nie erhebt er sich über seinen Gegenstand. Man muss sich nach der Lektüre seinen eigenen Reim auf dieses widersprüchliche Land machen. Dass der differenziert ausfallen kann, ist das Verdienst dieses Berichts, ein Bericht, der Reiseerzählung und Geschichtsunterricht mit einer dezidierten Gegenwartsbetrachtung ist.

Geert Mak: Amerika! - Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Siedler Verlag 2013, 624 S., € 34,99.

Die drei Fragezeichen:

1. Wie lautet der erste Satz des Buches?

„Niemand konnte sagen, wann das große Feiern genau losgegangen war.“

2. Wer oder was wärst Du gern in diesem Buch?

Klar, der Autor. Ich hätte gerne den Mut und das Geld für Expeditionen á la Geert Mak. Sein umfangreiches Wissen hätte ich auch gerne.

3. Wen könnte dieses Buch besonders begeistern?

Alle, die Freude an guter Reiseliteratur haben und die 600 Seiten nicht abschrecken. Es ist ein Buch, das einen hinterher informierter und klüger dastehen lässt.

Bücher, für die wir als LeserInnen brennen, werden vom 1. bis zum 24. Dezember vorgestellt. Eine Koproduktion von Amanda, Calvani, Goedzak, H.Hesse, Kay.kloetzer, Magda und Mcmac.

19:48 16.12.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Calvani

Die Wahrheit ist immer nur ein Teil der Wirklichkeit
Calvani

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