Eine Frau in ihrem Widerspruch

Bücherkalender Magda wandelt auf den Spuren Magdalene Melchers'
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Dieser Tage las ich einmal wieder in Wolfgang Herrndorfs Tagebuch „Arbeit und Struktur“. An einem Datum hat er Bücher, die ihm etwas bedeuten, aufgezählt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind es Werke, die auch mir wichtig sind. Z. B. Jane Eyre oder „Schuld und Sühne. Dazu gehört – was ich erstaunlich fand – auch „Sommer in Lesmona“.

Das sind die – bis auf wenige nachträgliche „Ein- und Kunstgriffe“ - authentischen Briefe der Bremer Bürgerstochter Marga Berck (eigentlich Magdalene Pauli, geborene Melchers) an ihre Freundin Bertha aus den Jahren 1893-1896. Die Briefschreiberin hat sie mit über siebzig Jahren 1951 wiedergefunden und nach einigem Zögern zur Veröffentlichung gegeben. Sie schreibt vom sommerlichen Wohnsitz ihres Onkels Herbert am kleinen Flüsschen Lesum – darum „Lesmona“ bei Bremen – über die Begegnung mit ihrem englischen Cousin Percy, die sich schnell zu großer Leidenschaft entwickelt. Dies war nur möglich, weil beide für eine Weile ganz gegen die Regeln „unbeaufsichtigt“ sind. Die Hausdame ist krank geworden und der Onkel ist ziemlich liberal.

Diese Liebe aber findet keine Erfüllung. Nicht nur, weil Marga/Magda gegen die Konventionen verstößt und der Cousin noch ziemlich mittellos und ohne erkennbare Zukunft ist, sondern weil auch sie sich – ganz merkwürdig widersprüchlich – zu dem älteren Kunsthistoriker Dr. Retberg (Gustav Pauli) hingezogen fühlt. Der aber scheint sie gar nicht zu lieben und auch die Eltern sind eigentlich gegen diese Ehe. Sie verlobt sich trotzdem nach den „Lesmona-Wochen“ mit ihm. Vielleicht ist es Furcht vor dem eigenen Gefühl, vielleicht auch Unsicherheit über die Gefühle des Cousins, das ist kaum zu ergründen. Der Cousin aber versucht immer wieder – mit allem verzweifelten Nachdruck – diese Verlobung zu beenden und die Hand seiner Cousine zu erringen. Marga/Magda fühlt sich in einem Zwiespalt, der ihr fast das Herz bricht. Zwischen dem, was sie fühlt und dem, was ihr die Vernunft ihres Standes sagt, schwankt sie und heiratet Dr. Retberg. Es wird eine Ehe, die ohne Liebe geschlossen wird und mit einem tragischen Ereignis beginnt. Ihre Herzensfreundin Bertha, der sie all ihre Briefe schrieb, stirbt am Tag der Hochzeit fern von ihr an Kindbettfieber.

Eine Geschichte in Briefen, die wie ein Kunstwerk wirken und in ihrer Wahrhaftigkeit tief bewegen. Eine Sommerromanze, von Tragik durchschauert, ein Drama des bürgerlichen Alltags, das auch Thomas Mann zutiefst berührte.

Er schrieb im Jahre 1952 in einem Brief an den Herausgeber:

„Werter Herr Dr. Biermann-Rathen,

ein liebes, schönes Geschenk haben Sie mir gemacht mit den „Mädchenbriefen“ – auch dem Verleger, Herrn Christian Wegner, zu dem ich durch Bermann-Fischer in Beziehung stehe, habe ich schon mein Entzücken ausgedrückt. Es ist nicht so, dass mir das Buch „eine vergnügte Stunde gemacht“ hätte. Nein, an mehreren Abenden habe ich es mit zunehmender Rührung von Anfang bis zu Ende gelesen und als ich dann zu Ihrem Nachwort kam, war ich ganz bereit, Ihrem Gefühl zuzustimmen, dass hier dem Leben in aller Unschuld ein echtes und rechts, ergreifendes Kunstwerk entsprungen ist, - jedenfalls etwas, woran man herzlicher teilnimmt, als an so mancher komponierten Fiktion, die man als solche loben muss.

Aus diesem Brief entwickelte sich später auch ein Kontakt mit Magdalene Pauli selbst.

Anmerkungen:

Wer sich näher für die Geschichte interessiert. Es gibt im Netz eine schöne Lesmona-Projekt Seite über die Geschichte von Magdalene Pauli, ihren Lesmona-Briefen und dem Leben in jener Zeit.

Alle handelnden Personen, die Familien, um die es geht, hat ein Germanistik-Professor zusammengetragen und vorgestellt. Mit vielen Bildern, welche die Gegend um Bremen, nicht nur die beiden Liebenden, sondern auch die verschiedenen Familienmitglieder und deren Lebensläufe nahe bringen. Auch Cousin Percys tragisches Ende wird erzählt.

Aus dem Projekt entstand ein weiteres, spannend zu lesendes Buch.

Bernd W. Seiler: „Es begann in Lesmona“ – Auf den Spuren einer Bremer Liebesgeschichte.“

Die drei Fragezeichen:

1. Wie lautet der 1. Satz des Buches?

"Liebe einzige Bertha, was ist alles passiert, seit wir uns heute früh um 8 Uhr am Bahnhof in Lübeck trennten."

2. Wer oder was wärst Du gern in diesem Buch?

Ich wäre gern selbst diese Magdalena Melchers gewesen, jedenfalls in den Zeiten, da sie diese Briefe schrieb. Sie muss ein sehr spontanes, leidenschaftliches Mädchen gewesen sein, aber auf der anderen Seite auch nicht ohne eine Prise „Selbstreflektion“, manchmal ganz hilflos, manchmal sehr „überlegt“. Eine Frau in ihrem Widerspruch. Klug, schön und hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch zu lieben, aber auch, in der Welt etwas zu gelten.

3.Wen könnte das Buch besonders begeistern?

Das Buch spielt in einer Zeit – in den Jahren vor Ausbruch des 1. Weltkrieges, die gegenwärtig auch wieder viele Menschen beschäftigt. Das Leben in dieser bürgerlichen Welt – behütet und umsorgt – fern aller materiellen Sorgen ist in vielen Büchern geschildert. Aber hier sind es die Dokumente einer jungen Frau, die sich ihrer „privilegierten“ Lage durchaus bewusst ist und deren wirkliche einzige Vertraute – Fontane lässt grüßen – ihr Kindermädchen mit dem Namen Linsche – war. Alle, die sich gern von der Liebe verzaubern lassen und in eine andere Welt eintauchen ohne gänzlich im Kitsch zu versinken, könnten sich dafür begeistern.

Es gab – vor vielen Jahren – eine mehrteilige Fernsehserie „Sommer in Lesmona“, in der die noch sehr junge Katja Riemann die Hauptrolle spielte. Aber – so Prof. Seiler – diese Serie sei zu frei und damit auch verfälschend mit der ursprünglichen Geschichte umgegangen.

Weitere Links:

Sommer in Lesmona auf Wikipedia

Magdalene Melchers auf den Seiten des Bremer Frauenmuseums

Sommer in Lesmona auf Sankt-Magnus.de

Bücher, für die wir als LeserInnen brennen, werden vom 1. bis zum 24. Dezember vorgestellt. Eine Koproduktion von Amanda, Calvani, Goedzak, H.Hesse, Kay.kloetzer, Magda und Mcmac.

18:59 03.12.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Calvani

Die Wahrheit ist immer nur ein Teil der Wirklichkeit
Calvani

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