Frauenliteratur und Kritikerkarussell (2)

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Fortsetzung des Literaturchats in Serie

Kay.kloetzer: Hast Du heute schon gelesen?

Calvani: Ja, online ... ein Buch hatte ich heute noch nicht in den Fingern, ach doch! Philip Roth "Der menschliche Makel". Kennst du es?

Kay.kloetzer: Ja, aber das ist sehr lange her. Gab es da nicht auch eine Verfilmung? Roth gehört übrigens zu denen, von denen ich jedes Buch lesen würde. Würdest Du auch Bücher elektronisch lesen?

Calvani: Ehrlich? Ich habe, nachdem Denis Scheck „Nemesis" in den höchsten Tönen gelobt hatte, es damit versucht. Gefiel mir gar nicht. Und auch mein erster Eindruck von "Der menschliche Makel“ ist nicht besonders gut. „Altherrenliteratur", wenn du mich fragst.

Bislang dachte ich immer, dass ich das physische Erlebnis auf gar keinen Fall missen möchte, aber kürzlich habe ich den Anfang von Rayk Wielands „Kein Feuer, das nicht brennt" auf den Seiten des Kunstmann Verlags gelesen und das ging gut, mir gefiel dieser elegante Seitenschwung sogar sehr gut.

Kay.kloetzer: Ich denke auch: Irgendwann wird es normal sein, das zu tun. Ich konnte mir ja auch nie vorstellen, meine Abende mit einem Laptop zu verbringen, und nun verstehen wir uns schon das siebte Jahr. "Altherrenliteratur" ist ein schönes Stichwort. Es schreckt mich aber im Fall von Roth nicht ab, weil ich nur so mal in den Kopf eines alten Herrn schauen kann. Genervt hat mich die - wie ich finde - absolut männliche Perspektive zuletzt bei Wilhelm Genazinos „Wenn wir Tiere wären". Ein Freund mochte das Buch - dem werde ich als nächstes Benjamin Leberts neuen Roman geben („Im Winter dein Herz"), weil ich herausfinden will, was es ist, was uns so verschieden urteilen lässt.

Glaubst Du, dass es Frauen- und Männerliteratur gibt?

Calvani: Oh, oh, oh! Wenn ich mich in Buchhandlungen so umschaue, dann scheint dem ja so zu sein. Ich lese aber äußerst selten Bücher, die in der „Frauenabteilung" zu finden sind. Es fallen mir allerdings ganz spontan enorm viele Motive ein, die zumindest eine deutlich unterschiedliche Prägung der Literatur beinhalten. So gibt es eine Menge Bücher, wie auch Genazinos "Die Liebesblödigkeit", in der es um einen Mann zwischen mehreren Frauen geht. Darüber schreibt auch Kehlmann in „Ruhm". Und dann gibt es die nicht selten passiv-aggressive Frauenperspektive oder die Frau, die sich rächt. „Ein Mann im Haus" von Ulla Hahn, „Der Hahn ist tot" von Ingrid Noll. Ein aktuelles Buch, das ebenfalls von der „wartenden Frau", der „Zweitfrau“ handelt, das mir aber dennoch gefallen hat, ist "Kleingeldaffaire" von Elfriede Hammerl. Das habe ich erst vor ein paar Tagen ausgelesen.

Bücher von Autorinnen wie Kerstin Gier und Ildikó von Kürthy lasse ich jetzt mal außen vor. Was fällt dir zu diesem Thema ein?

Kay.kloetzer: Ildikó von Kürthy habe ich mal gelesen. Nein, so etwas meinte ich auch nicht. Ich kann mir vorstellen, dass Frauen und Männer, wenn sie zum Buch greifen, verschiedene Erwartungen haben, auch an den Stil. Dass ihnen also das eine mehr als das andere gefällt. Andererseits: Als Kind habe ich Abenteuergeschichten sehr gemocht, lieber die so genannte Jungs-Bücher gelesen. Nie werde ich vergessen, wie ich zum (also damals vom) Nikolaus das Bilderbuch "Der starke Pit" bekam. Als meine Eltern aufstanden, war es ausgelesen. Auch heute mag ich Abenteuergeschichten, aber ich habe ebenso Freude an Autorinnen, die aus Frauenperspektive erzählen, Katja Oskamp zum Beispiel und Katja Lange-Müller. Bei den einen geht es für mich ums Träumen, bei den anderen ums Wiederfinden, Bestätigtwerden.

Neulich las ich irgendwo, dass Frauen viel öfter Lesezirkel gründen als Männer. Keine Ahnung, wie die Gewichtung bei den Salons war, aber da sind jedenfalls mehr die der Frauen in Erinnerung. Meine Großmutter macht Leseabende, beschwert sich aber, dass die Frauen dort mehr so leichte Sachen hören wollen.

Es heißt ja immer, dass in der DDR mehr über Bücher gesprochen wurde, was gut möglich war, da die meisten das Gleiche gelesen hatten, von den im Durchschnitt rund 6000 Neuerscheinungen im Jahr waren etwa 2000 belletristisch. Wie oft redest Du mit Freunden über Bücher?

Calvani: Nicht so wahnsinnig oft. Diejenigen, die mit Büchern beruflich zu tun haben, wollen nicht selten in ihrer Freizeit über anderes reden und mit denjenigen, die anderen Berufen nachgehen, rede ich selten direkt über Bücher, manchmal kommen wir aber über andere Themen auf das eine oder andere Buch zu sprechen.

Ich habe als Kind „Fünf Freunde" gelesen, Margot Kreuter und Brigitte Blobel.

Was ich ja so merkwürdig finde: Frauen interessieren sich angeblich mehr für Literatur, aber Autoren stehen nach meiner Wahrnehmung viel mehr im Mittelpunkt des Geschehens. Auf der aktuellen Bestenliste des SWR findet sich ein Buch einer Autorin unter den besten 10. Komisch, oder?

Kay.kloetzer: Das verstehe ich auch nicht. Stehen die Männer mehr im Mittelpunkt oder stellen sie sich mehr in den Mittelpunkt? Ich will jetzt nicht das Gender-Fass aufmachen, aber immer wieder beobachte ich, dass erst einem Mann geglaubt wird, was eine Frau vor ihm schon gesagt hat. Scheinbar wird ihnen noch immer mehr zugetraut. Hast Du als Kind vorgelesen bekommen?

Calvani: Nein. Meine Mutter war alleinerziehend und arbeitete Vollzeit im Schichtdienst, aber ich bekam in der Grundschule einen Bibliotheksausweis und damit eine Welt geschenkt. Vermutlich prägt mich das bis heute.

Da fällt mir gerade ein Urlaub ein, in dem meine Mutter mir abends aus einem Buch vorgelesen hat, und meine Cousine hat mir hin und wieder „Mary Poppins“ vorgelesen.

Letztes Mal hast du gesagt, Krimis wären dir oft zu wenig literarisch. Was unterscheidet denn geschriebene Worte von Literatur?

Und wurde in deiner Familie viel gelesen bzw. vorgelesen?

Kay.kloetzer: Es wurde und wird viel gelesen, von den Frauen das Schöne, von den Männern das Hilfreiche. Mir haben vor allem Großmutter und Mutter vorgelesen, das ist wohl oft so. Aber meine Großmutter hat auch sehr viel erzählt, Geschichten aus ihrem Leben, das habe ich genauso geliebt. Womit wir im Grunde bei Deiner Frage nach den Krimis sind. Ihre Geschichten waren aufgehübscht und zugespitzt, und sie hat einen ausgeprägten Sinn für Dramaturgie - das hat es aufregend gemacht, egal, worum es ging. Mord und Totschlag mussten da gar nicht vorkommen. Kamen sie in ihrem Alltag ja auch nicht so. Sie hat eine Erzählhaltung eingenommen, die Handlung und Sprache, Spannungsbogen und Inhalt gleichberechtigt auf eine Ebene stellt mit nur einem Ziel: mich zu unterhalten und wohl irgendwie auch zu bilden. So etwas meine ich auf Bücher bezogen mit literarisch.

Calvani: Wenn dir viel vorgelesen und sogar literarisch erzählt wurde, dann hörst du doch sicher heute gerne Hörbücher, oder? Ich liebe Hörbücher, allerdings sind sie noch schwieriger zu finden als gute Bücher, weil mir neben der Handlung, dem Schauplatz, den Figuren auch noch Temperament, Interpretation und Stimme des Sprechers bzw. der Sprecherin gefallen müssen. Was fällt dir dazu ein?

Kay.kloetzer: Das finde ich hochinteressant an den Hörbüchern, dass, wie Du sagst, noch eine Ebene dazukommt. Ich höre leider gar keine oder nur selten, da ich zum einen nicht Auto fahre und zum anderen besser aufnehmen kann, was ich sehe. Früher habe ich beim Nähen Hörspiele im Radio gehört und konnte mich dann immer an den Sound zum Kleidungsstück erinnern. Aber beim Aufnehmen von Büchern brauche ich mein eigenes Tempo, die eigene Stimme im Kopf. Da ich Hörbücher aber verschenke, greife ich entweder zu mir sympathischen Schauspielern - Frau Berben war auch schon dabei, zuletzt Walter Sittler mit Kästner - oder zu anerkannt lesebegabten Autoren. Denn das ist ja auch so ein Thema: Der selbstlesende Autor kann viel kaputtmachen.

Calvani: Ja! Autorenlesungen sind wirklich so eine Sache für sich! Erstaunlich, wie selten AutorInnen angenehmen vorlesen können.

Ich habe eine eigenwillige Art Hörbücher zu hören: Ich lasse sie oft zunächst laufen, während ich etwas anderes erledige, wusele in der Wohnung herum, verpasse Passagen, präge mir nur einzelne Szenen ein. Wenn das Hörbuch mich in seinen Bann zieht, dann höre ich es aber noch mal und noch mal und nach und nach fügen sich die Mosaiksteinchen wie Puzzleteile zusammen - ein besonderer Reiz, den Bücher nicht bieten können, es sei denn, ich würde mutwillig Seiten überschlagen, was ich nie tue...

Apropos Autorenlesung: Gehst du häufig zu Lesungen? Vielleicht sogar zu Wasserglas-Lesungen?

Kay.kloetzer: Hin und wieder gehe ich zu Lesungen. Vor allem zu den Wasserglas-Lesungen. Das sind die klassischen - manche sagen langweiligen -, wie Loriot sie in "Pappa ante Portas" so schön parodiert: Tisch, Stuhl, Leselampe, Wasserglas. Davor in Reihen das Publikum, erst Lesung, dann reden. Ich mag Lesungen, wenn sie gut moderiert sind und ich erfahre, was die Autoren zu erzählen haben. Lesen kann ich ja selber. Es muss über das Buch hinausgehen. Und das geht es definitiv bei Whisky-Lesungen, die, wenn es richtig läuft, am Ende nicht mal mehr etwas mit dem Autor (das sind dann doch meist Männer) zu tun haben.

Überraschend finde ich, dass Christian Kracht jetzt seine Premierenlesung in Deutschland abgesagt hat, auch einige weitere. Andere wiederum will er wahrnehmen, auf der Leipziger Buchmesse zum Beispiel. Er unterscheidet offenbar, ob es ein Gespräch dazu gibt oder nicht. Gespräche lehnt er wohl im Moment ab.

Calvani: Hat er? Das wusste ich nicht, aber natürlich ist mir der Wirbel um ihn nicht entgangen. Wie denkst du darüber?

Kay.kloetzer: Ja, am vergangenen Montag ist der Text von Georg Diez im Spiegel erschienen, wenige Stunden später gab es den Protest von Verleger Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch) und am Mittwoch, glaube ich, dann die Absage für die Premiere. Ich verstehe es einerseits und andererseits nicht. Zum einen ist der Artikel von Diez wirklich unmöglich, er scheint die Provokation zu suchen, um ein wenig im Licht zu stehen. Stattdessen wird es eher finster. Andererseits ist er in allen großen Medien widerlegt worden. Diez habe die Ironie nicht verstanden, heißt es da. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, glaube aber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, in der es heißt, man könne „Wetten abschließen, wann der erste Depp über das Stöckchen springt, das Krachts wichtigtuerischer Erzähler ihm hinhält, und Engelhardt, den Erzähler oder sogar Kracht selbst zum Nazi erklärt."

Calvani: Mich stört an der Debatte das Medien - Pingpong, mit dem sich geradezu synallagmatisch die gegenseitige Wichtigkeit bescheinigt wird, indem noch schnell viele auf den fahrenden Zug aufspringen. Darüber hat Diez früher selbst geschrieben: „Im Grunde ist das die subventionierte Verhinderung von Literatur: Sie treffen sich, sie geben sich Preise, sie schlafen miteinander, sie spucken sich an und schlitzen sich die Stirn auf. So entsteht ein Betrieb, wo sich alle andauernd gegenseitig ihrer Bedeutung versichern."

Und was soll ich nun tun? Einstimmen in den Chor? Ich habe Krachts Buch nicht gelesen und habe das auch nicht vor, Diez' Artikel habe ich gelesen und umso mehr wundere ich mich über die teilweise undifferenzierte Aufregung.

Kay.kloetzer: Das Aufspringen kann ich nachvollziehen. Als Impuls, widersprechen zu wollen. Und natürlich, weil keiner es sich leisten kann, nicht darauf einzugehen. Oder glaubt, es sich nicht leisten zu können. Interessant finde ich, was die 17 KiWi-Autoren in ihrem offenen Brief an den Spiegel schreiben: „Äußerungen von literarischen Erzählern und Figuren werden konsequent dem Autor zugeschrieben und dann als Beweis einer gefährlichen politischen Haltung gewertet. Wenn diese Art des Literaturjournalismus Schule machen würde, wäre dies das Ende jeder literarischen Phantasie, von Fiktion, Ironie und damit von freier Kunst.“ Die Sorge scheint mir berechtigt. Vor allem in den Literaturskandälchen (wobei meist Plagiatsvorwürfe Auslöser waren) geht es oft gar nicht mehr um das, was eigentlich drin steht in den Büchern. Andererseits staune ich, dass Kracht nicht zu den fünf für den Preis der Leipziger Buchmesse Nominierten zählt, wenn der Roman so großartig ist, wie hier und da aus den Kritiken herauszulesen. Das könnte den Verdacht nahelegen, dass entweder den Juroren das Thema zu heiß war oder das Buch jetzt gegen Diez hochgejubelt wird.

Verstehe ich Dich richtig, dass so eine mediale Aufregung dich nicht animiert, auch mitreden zu wollen? Du also auch an Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill" oder Charlotte Roches Gebeten und Gebieten vorbeigehen kannst?

Calvani: Wie sagte einst Thea Dorn im Philosophischen Quartett so schön: „Wir leben in Hysteristan". Eine einzige Rezension, in einem einzigen Medium soll die Freiheit der Kunst bedrohen? Das erinnert mich an Wullfs Mailboxanruf, der - so polterten ja einige Journalisten - ein Angriff auf die Pressefreiheit gewesen sei.

Du hast aber insofern Recht, als dass Diez seine Kritik nicht lediglich auf das Buch und seinen Inhalt bezieht, sondern es insbesondere in den Kontext des veröffentlichten Mailwechsels stellt. Und was er daraus zitiert, ruft schon ein gewisses Unbehagen in mir auf den Plan, auch wenn es v.a. Aussagen Woodards sind, die mich erschaudern lassen. So scheint mir Diez‘ Kritik nicht völlig aus der Luft gegriffen, vielleicht übt er sie aber zum falschen Zeitpunkt. Oder genau zum richtigen - je nachdem, was er erreichen will. Und das ist der Punkt, der mich als Leserin, als Zuschauerin verunsichert: Wer schreibt was wann und warum?

„Axoltl Roadkill" und auch die beiden Bücher Roches habe ich gelesen, allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen. Ersteres jedoch nicht zur Gänze, dazu fehlte mir dann doch die Geduld oder das literarische Verständnis, wie man's nimmt.

Nein, oftmals lösen solche hysterischen Hypes bei mir das genaue Gegenteil aus: Ablehnung oder Desinteresse. Und um noch einmal den Bogen zu Wulff zu schlagen: Mit dieser Skepsis gegenüber medialem Overkill scheine ich nicht allein zu sein.

Kay.kloetzer: Die Lesungen, die Kracht nicht absagt, werden garantiert sehr gut besucht sein, auch wenn er keine Fragen zulassen sollte.

Calvani: Sag‘ mal, was machst du eigentlich so, wenn du liest?

Kay.kloetzer: Wenn ich zu Hause lese, putze ich nebenbei meine Wohnung, mache die Steuererklärung und nehme zwei Kilo ab. Zumindest hätte ich das im Moment gern so.


Mehr zu Lese-, Räum- und Trinkgewohnheiten, Gewicht und Gewichtungen gibt's beim nächsten Mal…

16:57 20.02.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Calvani

Die Wahrheit ist immer nur ein Teil der Wirklichkeit
Calvani

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