Geschichten und Geschichte

Bücherkalender H.Hesse schwärmt für Graham Swifts "Waterland"
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Es gibt Bücher, die in der Erinnerung Jahre und Jahrzehnte haften bleiben, auch wenn die Details des Inhalts längst im Nebel des Vergessens eingetaucht sind. So ein Buch ist für mich „Waterland“ des britischen Schriftstellers Graham Swift, der hierzulande mit dem Roman „Letzte Runde“ erst einigermaßen populär geworden ist. Dabei ist für mich das 1982 erschienene und 1992 mit Jeremy Irons in der Hauptrolle exzellent verfilmte „Waterland“ sein bestes, intensivstes Buch, mit dem er in England sehr populär wurde. Der Film ist eine der wenigen guten Romanadaptionen fürs Kino.

Worum geht es?

Da ist Tom Crick, um die Fünfzig und Geschichtslehrer an einer ostenglischen Schule. Er erfährt, dass sein Fach aus dem Lehrplan verschwinden soll, für das Hier und Heute sei es nicht mehr relevant. In seinen letzten Unterrichtsstunden erzählt er der Klasse seine persönliche Lebensgeschichte und setzt sie parallel zu den Ereignissen der lokalen und der Weltgeschichte. Wir erfahren von den tragischen Ereignissen um den frühen Tod seiner Mutter, wir lernen die Wahrheit über seinen geistig behinderten Bruder und erleben, wie seine Frau, die Tochter der Brauer-Dynastie Atkinson, langsam dem Wahnsinn anheimfällt. Und es ist - fast hat sie die heimliche Hauptrolle - die Geschichte dieser einprägsamen Landschaft, der ostenglischen Fens, vielleicht noch am ehesten mit unserem Ostfriesland vergleichbar. Eine herb-melancholische, von Wasserläufen durchzogene, wenig besiedelte Küstenlandschaft, die auch ihre Bewohner prägt.

Fesselnd sind die Szenen, in denen sich ein etwa 16 Jahre junger Schüler, Price, am Lehrer und seinen Geschichten immer wieder skeptisch reibt. Es dauert sehr lange, bis sie sich einander annähern und zu verstehen beginnen. Welche Auswirkungen und Schlussfolgerungen aus den Lehren der Vergangenheit, auch und gerade der lokalen, zu ziehen sind, ist ein ganz wesentlicher Streitpunkt zwischen ihnen und ein Hauptthema des Buches.

Swift springt zwischen den Zeiten und den Personen, den Erzählebenen hin und her, was den Reiz, aber auch die Komplexität des Romans ausmacht, die ein gutes Maß an Konzentration beim Lesen erfordert. Aber es lohnt sich, nicht zuletzt und vor allem wegen der eindringlichen, nachdenklichen Sprache, die Swift hier gewählt hat; eine Sprache, deren Klang ich lange nicht vergessen habe.

Eine weitere Hauptakteurin ist Mary, Toms Frau, die sich ergebnislos sehnlich ein Kind wünscht und die allmählich in eine Art religiösen Kinderwunschwahn schlittert und schließlich auch einen Kinderwagen mit einem Baby entführt.

Wie schon gesagt, spielt die Landschaft eine maßgebliche Rolle. An einer Stelle fragt Tom Crick: „ Wie kommt man in einem flachen Land zum Elixier hoher Gefühle?“ Und er gibt sich die Antwort: "Wenn man ein Atkinson (die reiche Familie seiner Frau, Anmerk. d. Autors) ist, dann ist das nicht schwer. Wenn man ein Vermögen erworben hat, weil man gutes Korn verkauft hat, wenn man von seinen Hügeln in Norfolk auf die flachen Fens herunterschauen kann - auf diese Landschaft des Nichts - und darin eine Idee erblickt, ein Reißbrett für seine Pläne, dann kann man der Wirklichkeit ein Schnippchen schlagen. Aber wenn einer mitten in dieser Ebene geboren wird, dort festgehalten wird, durch den Schlamm noch, von dem sie überquillt, festgeklebt wird...?“

Tom Crick blickt zurück auf seine Jugend in dieser Gegend, auf die erste Liebe, seinen etwas zurückgebliebenen Bruder und seine Schüler folgen ihm teils desinteressiert, teils belustigt, weil sie nicht so recht verstehen, was er ihnen sagen will, und es so ganz anders ist als der sonstige, ihnen vertraute Unterricht. Einzig Price erkennt, auch wenn er sich an seinem Lehrer teils heftig reibt und immer wieder die auch provozierende Auseinandersetzung sucht, dass dieser Lehrer ihm etwas zu sagen hat.

Es ist ein, wie ich finde, hinreißendes Buch, das nachdenklich macht und sich sehr über seine Sprache einprägt und vermittelt. Wie gesagt, ich weiß nicht mehr viele zusammenhängende Details, die deshalb hier auch fehlen, aber es handelt sich um ein für mein Empfinden äußerst lesenswerten Roman. Die DVD gibt es leider nur in einer nicht synchronisierten Version. Dennoch auch absolut sehenswert.

Als Schlussschmankerl ein Zitat:

Glaubt ihr an Bildung, Kinder? Glaubt ihr daran, dass die Welt erwachsen wird und lernt? Glaubt ihr an das ganze Zeug von den weisen alten Männern und den jungen Narren? An die Älteren und Besseren, an das ,Einem-Folgen‘, an das ,Aus-der-Erfahrung-lernen‘?

Kinder, glaubt ihr an Kinder? Daß sie auf Wolken des Ruhms herankommen, daß sie kleine Stücke des Paradieses mit sich bringen, daß in ihrem Inneren ein Ausblick auf das liegt, was die Welt eines Tages sein könnet?

Was ist ein Geschichtslehrer? Jemand, der Fehler weitergibt. Während die anderen sagen, so muss es getan werden, so muss man handeln, so ist es richtig, sagt er, da nun liegen die Fehler, die Versehen, die Stümpereien, das Fiasko - das scheitert; Irren ist menschlich (wozu brauchen wir also einen Gott, der über uns wacht und uns unsere Sünden vergibt?). Ein Geschichtslehrer ist ein Widerspruch in sich (denn jeder weiß, was man aus der Geschichte lernt, ist lediglich, daß niemand-). Er ist ein Lehrer, der Hindernisse aufbaut, ein Erzieher, der Verrat begeht. Vielleicht übt er einen schlechten Einfluß aus. Vielleicht sollte man ihm besser ausweichen.

Die drei Fragezeichen:

1. Wie lautet der 1. Satz des Buches?

"Und vergiß nicht", pflegte mein Vater zu sagen, als könnte ich jeden Augenblick aufstehen und in die große weite Welt hinausziehen, um mein Glück zu suchen, "was immer du über die Menschen erfährst, wie schlecht sie auch sein mögen, jeder von ihnen hat ein Herz, und jeden von ihnen hat einmal die Milch einer Mutter genährt..."

2. Wer oder was in diesem Buch wärst du gern?

Ich wäre gerne der Schüler Price, der die Reibung mit dem, aber auch die Annäherung an den Lehrer sucht. Ich wäre aber auch gerne der Lehrer.

3. Wen könnte das Buch besonders begeistern?

Empfohlen sei dieser Roman jenen, die Spaß an einer spannenden, vor allem vielschichtigen Geschichte haben und auch auf die Sprache einer Erzählung achten.

Bücher, für die wir als LeserInnen brennen, werden vom 1. bis zum 24. Dezember vorgestellt. Eine Koproduktion von Amanda, Calvani, Goedzak, H.Hesse, Kay.kloetzer, Magda und Mcmac.

Graham Swift, Waterland, dtv, 2011 (Neuauflage), 496 S., 11,90€
19:00 02.12.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Calvani

Die Wahrheit ist immer nur ein Teil der Wirklichkeit
Calvani

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