Mehr, mehr, mehr

der Freitag Michael Angele treibt seit mehr als 100 Tagen in der Freitags-Chefredaktion sein Unwesen. Einige selbstreferenzielle Fragen aus der Community an den Neuen da oben
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Calvani: Inwieweit unterscheidet sich Ihre Arbeit als Leiter der Kulturredaktion von der als stellvertretender Chefredakteur?

Angele: Es ist einfach noch etwas mehr Arbeit dazugekommen. Arbeitsökonomisch kann man es vielleicht vergleichen mit einem Professor, der zusätzlich Dekan ist. Aber nur arbeitsökonomisch.

Calvani: Jetzt ist die Chefredaktion wieder ausschließlich in Männerhand. Welche Eigenschaften bringen Sie mit, die Sie selbst als weiblich beschreiben würden?

Ich arbeite hart und bin selbstkritisch. Aber im Ernst: Wenn ich so die Kolleginnen vor meinem inneren Auge vorbeiziehen lasse, sehe ich da ganz verschiedene Charaktere und Temperamente. Zum Glück. Aber natürlich wäre es nicht verkehrt, wenn eine Frau an der Spitze der Redaktion stünde. Der Verlag ist ja fast ganz in weiblicher Hand, das wissen viele nicht.

KMV: Als leitender Redakteur, wird man schnell zum "Mann der Antworten" – welche Fragen treiben Sie an?

Ich mag es, wenn in einem Text, sogar in einem Leitartikel auch mal eine echte Frage steht. Generell werde ich skeptisch, wenn mir ein Text zu selbstgewiss daherkommt. Feuilleton, eben. Das heißt natürlich nicht, dass ich gegen Aufklärung und Kritik bin. Nehmen wir ein konkretes Beispiel. Die Ukraine-Krise halte ich für unendlich komplex und ich misstraue einseitigen Parteinahmen zutiefst, aber ich finde es , wie bei uns geschehen, schon ganz sinnvoll zu beschreiben, wie der Kampf um die Kontrolle des Agrarsektors ein wesentlicher Faktor in diesem Konflikt ist.

KMV: Fragen Sie schon mal einen Mitarbeiter: "Wie geht es Ihnen?"

Mit den meisten bin ich per du. Aber auch da wo wir uns siezen, erkundigt man sich nach dem Befinden. Ich glaube, sie haben eine falsche Vorstellung von meiner Tätigkeit! Ich bin ja nicht, sagen wir mal, Matthias Döpfner bei Springer.

KMV: Welcher Rat (und von wem) hat Ihnen auf Ihrem beruflichem Weg besonders geholfen?

Große Ratschläge fallen mir grad keine ein. Eher so kleine, neulich sagte zum Beispiel meine Frau, dass Jana Hensel auf Facebook mehr Werbung für den Freitag gemacht hat als ich, und ich das verbessern sollte. Sie hat Recht.

KMV: In welchen drei Punkten unterscheiden sich Printjournalisten, Onlinejournalisten und Blogger?

- Die Geschwindigkeit, in der ein Artikel geschrieben und rezipiert wird,

- die Art, wie man mit den Lesern kommuniziert und

- das Standesbewusstsein (aber das ändert sich ja gerade).

Goedzak: Welche Bilanz zieht die Redaktion nach 6 Jahren Freitag-Relaunch: Ist das Konzept einer gewissen Integration von Community und Redaktion aufgegangen?

Ich denke, dass der Kontakt zwischen einem Teil, oder sagen wir, dem harten Kern der Community und Teilen der Redaktion eng ist. Dieses Interview ist ja ein Beleg dafür. Ich gebe aber zu, dass mir selbst in den Gründerjahren die Community insgesamt „näher“ dran schien. Heute läuft vieles parallel. Man muss erkennen: Die Zeitung Der Freitag und das Internetportal Freitag.de sind zwei mediale Kanäle mit relativ eigenen Gesetzen. Viele Blogger wollen mit der Zeitung eben auch gar nicht so viel zu tun haben. Sie sehen bei Freitag.de einfach eine Möglichkeit zu publizieren und zu kommunizieren. Das finde ich okay.

Nicht zuletzt hat Facebook die Community leider geschwächt, wie auch die Kommunardin Magda festgestellt hat, Debatten sind dorthin abgewandert. Magda selbst ist auf beiden Kanälen aktiv. So sollte es sein.

Diander: Gibt es neue Gedanken/Anläufe, die Community und Redaktion enger zu verzahnen, auch mal im Print? Angenehm fiel auf, dass z.B. der Nachruf auf Raddatz von Columbus im Print erschien?

Ich habe Columbus gefragt, weil ich wusste, dass er ein Fan ist, und ich wollte nach all den Nachrufen aus den üblichen Kreisen einfach einen Leser von Raddatz diesen Nachruf schreiben lassen. Ich schaue schon immer wieder nach neuen Autoren in unserer Community, oder die Community-Redaktion gibt mir Hinweise. Marlene Hobrack zum Beispiel hat neulich den Kultur-Aufmacher zur Buchmesse geschrieben. Kennen Sie eine andere Zeitung, in der Blogger gedruckt werden, und zwar nicht nur aus Alibigründen? Aber klar ist auch, dass das Scouting insgesamt noch optimierbar ist.

Goedzak: Wenn es richtig ist zu sagen, dass das ganze Projekt bisher unter seinen Möglichkeiten geblieben ist, was muss passieren, um zu einer neuen Qualität dieser "gewissen Integration" zu kommen? Mehr redaktioneller Personalaufwand? Konkrete Cross-Over-Projekte?

Mehr Personal, ja. Mehr konkrete Projekte. Mehr Druck aus der Community und auch aus der Community-Redaktion. Mehr, mehr, mehr.

KMV: Welche 5 (sozialen) (Print)Medien und/oder Netzwerke ‚scannen‘ Sie jobbedingt und welche aus Spaß an der Freude?

Guardian, SpiegelOnline, Perlentaucher, Facebook und die Auslage der Printzeitungen bei uns am Empfangstresen.

KMV: Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Journalisten aus?

Kann man so allgemein nicht sagen, ein Nachrichtenjournalist braucht andere Qualitäten als ein Feuilletonist. Allgemein würde ich aber sagen, dass eine Mischung aus Neugierde, Sendungsbewusstsein, Selbstironie, Mut und Haltung die eierlegene Wollmilchsau darstellt.

KMV: Was sollte Ihnen denn später einmal von Lesern /Usern, was von den Redaktionskollegen nachgesagt werden?

„Er war stets bemüht“. Was halt so auf Grabsteinen und in Arbeitszeugnissen steht. Schön wäre, wenn es stimmen würde.

Goedzak: Haben sich nicht dennoch alle "Macken" von Internet-Communities, die sich aus dem unverbindlichen, privaten, nichtverantwortlichen Status der Mitglieder ergeben, und die mit dem Status der Redaktionsmitglieder als vertraglich gebundene, der Zeitung verantwortliche Akteure kollidieren, auch hier gezeigt?

Vielleicht ja, aber ich finde das nicht so schlimm. Ich kann für mich sagen, dass ich einen großen Lernprozess durchgemacht habe. Es gab ja eine Zeit, in der ich sehr intensiv mit der Community kommuniziert habe und bestimmt nicht frei von „Macken“ war. Aber meine Erkenntnisse hier wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen, ich möchte einmal etwas größeres dazu schreiben. Vor allem aber darf man den Wert einer klugen redaktionellen Kommunikation mit der Community nicht unterschätzen. Mit Juliane Löffler und Jan Kosok haben wir hier zwei sehr engagierte und erfahrene Leute.

Calvani: Und was wäre ohne die Möglichkeit der User, auf freitag.de zu kommentieren und selbst Beiträge zu veröffentlichen, angenehmer an Ihrer Arbeit?

Warum so negativ formulieren? Es ist im ganzen Land bekannt, dass der Freitag eine lebendige Community mit vielen interessanten Leuten hat. „Angenehm“ finde ich eh nicht die passende Beschreibung von erfüllender journalistischer Arbeit.

Goedzak: Was hat denn die Beziehung zwischen Community und Redaktion Positives für den "Freitag" gebracht?

Es ist immer noch der Markenkern, um es salopp zu sagen. Wir vergessen das manchmal ein wenig in der Redaktion. Allerdings sind wir eben stark mit der Produktion der Zeitung beschäftigt. Auch kann man nicht jedem Journalisten den Dialog mit der Community aufzwingen, es gibt nun einmal verschiedene publizistische Temperamente.

Calvani: Wodurch entwickelte sich Ihr Print Fetisch, nachdem Sie doch bereits zuvor für eine online Zeitung gearbeitet hatten?

Fetisch? Ich denke einfach, dass eine gedruckte Zeitung und ein online-Medium zwei verschiedene Dinge sind, und die Zeitung Qualitäten hat, die nicht substituierbar sind. Ich habe es gerade wieder gedacht, als ich ein Interview, das ich mit Franz Xaver Kroetz geführt habe, produziert habe. Es wirkt, als Komposition von Bild und Textelementen, gelungener in der Zeitung als online. Das mag jetzt geschmäcklerisch klingen, aber ich denke, es geht beim Zeitungslesen nicht nur um Information, sondern auch um Dinge wie Lesegenuss, ästhetisches Empfinden, oder um es in der Sprache unseres Mitbewerbers zu sagen: es geht darum, die Zeit, Pardon, den Freitag zu „erleben“. Online gewinnt eh und die Vorteile sind bekannt. Da darf man ruhig ein wenig für den Schwächeren Partei ergreifen. Ist ja das Prinzip des Freitag...

Calvani: Und im Prinzip unterscheiden sich die Ressorts Politik und Kultur beim Freitag wodurch?

Außer, dass die Ressorts auch thematisch verschieden sind, sagt man dem Kulturteil nach, dass er ein wenig konservativer ist.

KMV: Was ist Ihr wichtigstes Werkzeug als journalistischer Schreiber?

Na ja, die Tastatur. Oder wie meinen Sie das?

KMV: Anders gefragt: Wer sind Ihre Vorbilder im Journalismus?

Ich kenne ihn persönlich nicht, aber wie Kurt Kister der SZ vorsteht, finde ich von Aussen gesehen ganz gut. Er schreibt ja auch sehr ordentlich. Schreiber gefallen mir viele, Matthias Dell oder Katja Kullmann, um mal nur zwei Namen aus dem eigenen Haus zu nennen, es müssen ja nicht gerade Vorbilder sein, Wichtiger sind für mich vermutlich Gestalten, die mich faszinieren, starke, aber widersprüchliche Persönlichkeiten, das reicht dann von Alice Schwarzer bis Ulrike Meinhof oder von Matthias Matusek bis Stefan Niggemeier.

Calvani: So viel zur Faszination des Ideals. Und welche Versuche, Sie zu korrumpieren – etwa um Familie oder FreundInnen einen Dienst zu erweisen oder attraktiver für AnzeigenkundInnen zu sein, wurden bereits unternommen und wie begegnen Sie diesen Versuchen?

Hm, ich korrumpiere mich vor allem selbst. Etwa wenn ich in Einzelfällen ein „Rezensionsexemplar“ bestelle, ich aber das Buch vor allem selbst lesen will. Man stellt sich, glaube ich, Korruption im Journalismus falsch vor, er ist nicht so vulgär, wie man vielleicht denkt, jedenfalls nicht in dem Bereich, in dem ich arbeite. Sie ist schleichend. Zum Beispiel: man vergibt ein Buch nicht zur Rezension, weil man den Autor gut kennt und mag, und nicht möchte, dass er sich einen Verriss einhandelt. Solche Dinge.

Doimlinque: Noch mal zum Ideal: Eigentum begründet Herrschaftsverhältnisse. Ist nicht alles mehr oder weniger linke gesellschaftskritische Schreiben und Argumentieren wohlfeil, wenn man nicht zuerst die Gegebenheiten im eigenen Haus hinterfragt, und sind die Besitzverhältnisse im Freitag ein Thema in der Redaktion?

Wenn Sie das meinen: Ohne das Engagement von Jakob Augstein gäbe es den Freitag nicht und vor allem auch: nicht mehr. Rund 80 Prozent der Kosten decken wir mittlerweile aber selbst, und das muss auch so sein. Darüber hinaus haben wir einen Betriebsrat, vergleichsweise flache Hierarchien und ein vergleichsweise geringes Lohngefälle. Die Fälle von Selbstverwaltung, die ich kennengelernt habe, waren für mich persönlich eher etwas abschreckend. Aber sie stehen ja für den Freitag auch nicht zur Debatte.

KMV: Zu guter Letzt: In welchem Arbeitsverhältnis steht Jakob Augstein zum Freitag?

Keine Ahnung.

Das Frage-und-Antwort-Spiel haben wir per e-Mail gespielt. Also Frage per Mail hin, Antwort per Mail zurück.

Vielen Dank für die Spielteilnahme an Michael Angele und die UserInnen goedzak, doimlinque, Diander und KMV. Zu gewinnen gab's eine Flasche Schnaps. Hicks.

17:07 13.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Calvani

Die Wahrheit ist immer nur ein Teil der Wirklichkeit
Calvani

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