Stuttgart 21 und ein philosophierender Hund

Bücherkalender Mcmac empfiehlt den Meister der Abschweifung
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Das zweite Buch, das ich empfehlen möchte, ist der Krimi „Wo die Löwen weinen“ des Österreichers Heinrich Steinfest. Steinfest schreibt eigentlich keine Krimis. Es sind eher alltagsphilosophische Abhandlungen mit Science-Fiktion-Elementen im Gewand eines Krimis. Das gibt Steinfest selbst zu. Den Krimi als Sujet wählte er, um sich selbst beim Schreiben zu disziplinieren, wie er sagt. Steinfest gilt als Meister der Abschweifung – wofür er heftig geliebt und genauso heftig gehasst wird. Man könnte ihn auch als eine Art deutschsprachigen T.C. Boyle bezeichnen, denn sein schwarzer Humor ist von ähnlicher Plötzlichkeit und Tiefe wie der des amerikanischen Autors. Von Hause aus ist Steinfest, der inzwischen in Stuttgart lebt, eigentlich Maler. Irgendwann begann er, seine Fantasien in Worte zu fassen, statt sie zu Lithografieren oder in Öl auf Leinwände zu bringen. Damit stellte sich auch ein gewisser Erfolg ein. Und der gibt einem ja bekanntlich Recht. So blieb Steinfest beim Schreiben und hat seitdem eine ganze Reihe fantastischer Krimis zu Papier gebracht, die ihm eine treue Leserschaft bescherten. „Wo die Löwen weinen“ ist ein Krimi, der das etwas dröge und technisch daherkommende Thema Stuttgart 21 aufdröselt – auf sehr überraschende und unterhaltsame Weise. Steinfest ist auch immer Surrealist, so dass in seinen Büchern völlig selbstverständlich Hunde philosophieren und Außerirdische mitmischen; diese natürlich, ohne sich als solche zu outen oder bemerkt zu werden von den Erdlingen. Im Buch mutmaßt eine Figur voller Ahnungen beispielsweise, ob wohl die Tauben (die Vögel) am Stuttgarter Kopfbahnhof die Außerirdischen sind. Was natürlich nicht stimmt, denn die sind in diesem Fall ganz woanders. Und zwar – Stuttgart 21 – unter der Erde. In diesem Fall ist es ein vorsintflutlicher Artefakt, der sich als Ur-Mechanismus, als Maschine entpuppt – welche weiblich ist und obendrein noch schwanger! Dass die Dame nicht besonders amüsiert darüber ist, dass in ihren anderen Umständen ein Loch für einen blöden, sinnlosen Bahnhof in die Stadt gegraben wird, ist verständlich. Und die betrügerischen S21-Gräber bekommen dies auch deutlich zu spüren...

Die drei Fragezeichen:

1. Wie lautet der erste Satz des Buches?

"Ein erster warmer Strahl traf sein Gesicht.“

2. Wer oder was wärst Du gern in diesem Buch?

Lauscher.

3. Wen könnte das Buch besonders begeistern?

Menschen, denen der Mut oder die Fantasie fehlt, zu widerstehen.

Bücher, für die wir als LeserInnen brennen, werden vom 1. bis zum 24. Dezember vorgestellt. Eine Koproduktion von Amanda, Calvani, Goedzak, H.Hesse, Kay.kloetzer, Magda und Mcmac.

17:52 08.12.2013
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