Was in Frauenzimmern steckt

Bücherkalender Magda bricht eine Lanze für Eugenie Marlitts kritischen Blick auf die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Advent verschafft ja hin und wieder das Gefühl, mal ein bisschen außerhalb der Zeit zu wandeln, vielleicht auch in der „guten alten Zeit“, die ja gar nicht so gut war. Und da ich ohnehin gerade die Zeit vor dem 1. Weltkrieg im Blick habe, ist das eine willkommene Gelegenheit, sich über so eine altmodische Geschichte wie „Das Geheimnis der alten Mamsell“ zu beugen. Und etwas für eine gerechte Einordnung dieses Romans zu tun. Sie wird oft mit Hedwig-Courths-Mahler gleichgesetzt, aber im Gegensatz zu ihr, hielt Eugenie Marlitt bei ihren Erzählungen immer auch einen kritischen Blick auf die Verhältnisse in ihrer Gesellschaft gerichtet. Und sie war sprachlich nicht so schwülstig wie die Courths-Mahler.

Die Marlitt (Christiane Eugenie John - 1825-1887) war eine künstlerisch sehr ambitionierte Person. Eigentlich wollte sie Sängerin werden, genoss eine profunde Ausbildung in Wien und war auch eine Weile in diesem Beruf tätig. Ein Gehörschaden beendete die Karriere. So widmete sie sich – bei ihrem Bruder in Arnstadt lebend - der Schriftstellerei und schickte Manuskripte an die legendäre Gartenlaube, die allerdings auch bis heute unterschätzt wird. Oft wird sie als reines Synonym für Kitsch verwendet, aber in ihr haben viele berühmte Zeitgenossen der Marlitt veröffentlich. Nicht zuletzt Theodor Fontane und Gottfried Keller.

Eine schwere Arthritis zwang sie in den Rollstuhl. Sie führte eine lebhafte Korrespondenz mit dem Fürsten Pückler, in dem der schöne Satz vorkommt: „Bei Ihnen ist ja nur Gegend, bei uns ist Landschaft“.

Das Pseudonym Marlitt wird oft als Abkürzung für Meine Arnstädter Literatur gedeutet.

Worum geht’s denn überhaupt in der „alten Mamsell“?

Es geht um das Schicksal der jungen Felicitas, die als Waise in einer thüringischen Stadt zurückbleibt, nachdem ihre Mutter, die auch einmal bessere Tage gesehen hat, bei einem Artistenunfall stirbt.

Sie kommt ins Haus einer ehrenwerten Kaufmannsfamilie, wo sie, nachdem der Herr des Hauses, der ihr besonders zugetan war, stirbt, ziemlich schoflig behandelt wird.

Im Seitenflügel des Hauses lebt eine fast völlig isolierte alte Dame, zu der sie in ihrer Not flüchtet, weil sie bei ihr besondere Zuwendung erfährt. Hier wird sie auch gebildet und kultiviert.

Diese Mamsell hütet ein schreckliches Familiengeheimnis (dessen Inhalt ich komischerweise immer wieder vergesse), das aber der Familie sehr schaden würde.

Die Jahre vergehen und Felicitas verliebt sich am Ende in den Sohn des Hauses, der ihr auch zugetan ist, aber sich mit Skrupeln wegen ihrer Herkunft plagt und sich außerdem gegen die äußerst herrschsüchtige Mutter und andere Frauen, die ihn gern geheiratet hätten, zur Wehr setzen muss. Es werden noch viele – ziemlich gewagte Querverbindungen und Herkünfte konstruiert – aber das macht nichts, denn am Ende wird ja doch alles gut.

In diesem Roman und auch in ihren anderen Romanen bricht die Marlitt eine Lanze für mehr Frauenbildung, ist immer kirchenkritisch und wendet sich dezidiert gegen die bürgerliche Doppelmoral. Gegen das Wohltätig sein nach außen und die Herzlosigkeit nach innen. Gegen die ausgestellte Frömmigkeit und die Gefühlskälte im Alltag.

Stimmen von Zeitgenossen:

Gottfried Keller, der bekannte Schweizer Schriftsteller schrieb über sie: „Ich habe dieses Frauenzimmer bewundert“. "Das ist ein Zug, ein Fluß der Erzählung, ein Schwung der Stimmung und eine Gewalt der Darstellung dessen, was sie sieht und fühlt, - ja, wie sie das kann, bekommen wir das alle nicht fertig. Wir wollen nur nicht ungerecht sein und der Schwächen wegen, die sie auch hat, ihr das wegstreiten. In dem Frauenzimmer steckt was von dem göttlichen Funken (…) Es lebt in (ihr) etwas, das viele schriftstellernden Männer nicht haben, ein hohes Ziel; diese Person besitzt ein tüchtiges Freiheitsgefühl, und sie empfindet wahren Schmerz über die Unvollkommenheit in der Stellung der Weiber."

Fontane allerdings klagte:

"Die Sachen von der Marlitt, von (…) Personen, die ich gar nicht als Schriftsteller gelten lasse, erleben nicht nur zahlreiche Auflagen, sondern werden auch wohlmöglich ins Vorder- und Hinter-indische übersetzt; um mich kümmert sich keine Katze. Es ist so stark, daß es zuletzt wieder ins Lächerliche umschlägt. Und das rettet mich, sonst würde ich leberkrank.“

Die drei Fragezeichen:

1. Wie lautet der erste Satz des Buches?

„Na, jetzt sag mir nur um Gotteswillen, wo willst du eigentlich hin, Hellwig?“

2. Wer oder was wärst du gern in diesem Buch?

Ich wäre gern die junge Felicitas.

3. Wen könnte das Buch besonders begeistern?

Das begeistert vielleicht nicht, aber findet durchaus Interesse bei Leserinnen und Lesern, die neugierig sind auf Bücher, die scheinbar so gar nichts mehr mit diesen Zeiten zu tun haben.

Bücher, für die wir als LeserInnen brennen, werden vom 1. bis zum 24. Dezember vorgestellt. Eine Koproduktion von Amanda, Calvani, Goedzak, H.Hesse, Kay.kloetzer, Magda und Mcmac.

18:30 10.12.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Calvani

Die Wahrheit ist immer nur ein Teil der Wirklichkeit
Calvani

Kommentare 8