Wo waren Sie am 19. August gegen 20.15 Uhr?

Reine Routine Der Krimi ist tot. Es lebe der Krimi.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dingdong. Guten Tag, ich bin Kommissarin Calvani, das sind meine Kollegen Kay.kloetzer, Goedzak und Matthias Dell. Wir haben ein paar Fragen im Rahmen einer Ermittlung. Worum es geht? Nunja, der Krimi ist tot. Er wurde gestern aufgefunden. Fremdeinwirkung. Dürfen wir vielleicht reinkommen zu Ihnen? Ins Wohnzimmer? Danke, sehr freundlich. Also, hatte der Krimi Feinde? Wir haben Anzeichen für eine Übertötung – vermutlich eine Beziehungstat. Aha, er hatte viele Freunde? Auch Freundinnen? Ja? Oh, so viele? Wer so viele Freunde hat, hat doch sicher auch Feinde, nicht wahr? Viel Feind, viel Ehr?

Na, gut, wie Sie meinen. Und was ist mit Ihnen? Wo waren Sie am 19. August gegen 20.15 Uhr? Ja, das ist lange her, ich weiß. Vielleicht zur Erinnerung: Es war der heißeste Tag des Jahres. Bitte, also, bitte, nein, wir verdächtigen nicht Sie, nun regen Sie sich doch nicht auf. Reine Routine. Könnte ja sein, dass Sie sich noch an diesen Sonntag im August erinnern. Was machen Sie denn normalerweise am Sonntagabend? Schauen Sie den Tatort? Nein? Warum denn nicht? Mögen Sie den Krimi etwa nicht? Soso. Ach, Sie waren mal mit ihm im Bett? In letzter Zeit allerdings nicht mehr, sagen Sie? Mhm. War es nicht aufregend genug? Ach, es war langweilig mit ihm ins Bett zu gehen? Verstehe. Und am Sonntag, den 19. August waren Sie nicht mit ihm zusammen? Ja, ich muss das fragen, auch wenn es lange her ist. Ich? Das tut zwar nichts zur Sache, aber ja, ich weiß noch, was ich damals gemacht habe. Gechattet habe ich. Mit meinen Kollegen:

Calvani: Guten Abend in die Runde!

Kay.kloetzer: Guten Abend!

Goedzak: Ja, hallo!

Matthias Dell: Hallo!

Calvani: Kann's losgehen? Oder hat euch die Hitze erschlagen?

Dell: Hitze ja, ist aber irre demokratisch.

Kay.kloetzer: Viel Hitze. Zwei Ventilatoren.

Calvani: Sonntagabend, die Ventilatoren sind heute, am bisher heißesten Tag des Jahres, vor dem Schreibtisch in Stellung gebracht und die Spannung steigt: Gleich ist's allerbeste Tatort-Zeit. Hand aufs Herz und raus damit: Wen wolltet ihr schon mal ermorden oder zumindest totschlagen?

Kay.kloetzer: Das darf ich nicht sagen. Aber zur Menge: Heute waren es zwei.

Goedzak: Diverse Mücken - hab ich auch gemacht.

Dell: Totschlagen nicht gleich, Körperverletzung als Form der Kritik, darüber habe ich schon mal nachgedacht.

Calvani: Ihr Männer seid ja so human!

Dell: Das Tötungstabu gilt halt noch was.

Kay.kloetzer: Aber nicht in Gedanken. Dagegen schreibt Steinfeld Blümchen-Krimis.

Dell: Hast du den schon gelesen?

Goedzak: Schreibt Steinfeld Krimis?

Kay.kloetzer: Ich kenne nur die angeprangerten Leichen-Beschreibungen und hatte eigentlich nicht vor, das zu lesen. Lese ja sonst auch nicht alles über Schirrmacher.

Calvani: Womit wir mitten im Thema wären... Ich halte fest: Die beiden Damen in der Runde (ja, auch ich!) haben heftigere Gewaltfantasien als die Herren - interessant!

Steinfeld? Dröges Thema. Ich werde den auch nicht lesen.

Dell: Ich hatte ja, als ich davon mit Verzögerung las, sofort daran gedacht, dass das hier Thema würde.

Goedzak: Peinlich, habe den mit SteinfeST verwechselt.

Dell: Das ist hübsch.

Calvani: Und ich dachte: Oh, nein, jetzt wird alle Welt denken, wegen des Feuilleton-Gezeters hätten wir uns auf dieses Thema verständigt. Aber da waren wir ja der Zeit voraus.

Goedzak: Tut mir leid, ich komm ausm Urlaub, Nachrichten kaum gehört, Freitag nicht gelesen.... Drei Wochen - und nur einen halben Krimi gelesen.

Kay.kloetzer: Du liest also Krimis?

Goedzak: Kay, in drei Wochen einen halben... Vor Jahren wären es 6 gewesen.

Dell: Da ist noch Luft nach oben.

Kay.kloetzer: Gelesen ist gelesen, Goedzak, nun sag doch mal warum: wegen des Blutes, der Ermittlungen, der Landschaft oder der Kochrezepte?

Goedzak: Überdruss.

Dell: Woran?

Goedzak: Überdrüssig all der Vatikan-, Öko-, Serial Killer-, Katzen-, Hunde-, Koch- usw. Krimis.

Dell: Das finde ich interessant: Aktualität würde mich irgendwie auch stören.

Goedzak: Deshalb habe ich angefangen, alle Simenon-Maigret-Krimis in chronologischer Reihenfolge zu lesen.

Calvani: Das Einzige, was mir noch zu Steinfeld einfällt: Walsers "Tod eines Kritikers" kam noch als Roman daher, nun haben wir mit Steinfelds "Der Sturm" einen Krimi. Erlebt der Krimi eine Instrumentalisierung? Massimo Carlotto nur mal so als Stichwort, nicht, dass ich den gelesen hätte.

Kay.kloetzer: Bei Walser gab's ja nicht mal eine Leiche. Glaube ich.

Calvani: Ne, deshalb war's ja ein Roman - oder war der Krimi damals einfach noch nicht so feuilletonfähig?

Dell: Ohne das vertiefen zu wollen, diese Selbstbezüglichkeit vons Ganze, die einem im Urlaub, medienfern, dann noch stärker auffällt. In der ZEIT stand die Vermutung, es ginge um einen Bestseller-roman, aber stimmt das denn? Macht denn diese Aufgeregtheit von 30 Feuilletonmenschen schon einen Bestseller? Und dann auch noch: sich damit so ernsthaft zu befassen. Dabei ist es doch auch lustig, Betriebsklatsch auf originelle Weise.

Kay.kloetzer: Ich denke, dass Krimis vor allem Leser bringen und literarische Seitensprünge deshalb eher in diese vermeintlich leichtere Richtung gehen. Dabei ist es ja vielleicht viel schwerer.

Goedzak: Ich kann da nicht mitreden, es müssten schon ungeahnte Argumente her, um mich zum Lesen dieses Dings zu überreden.

Kay.kloetzer: Überraschenderweise soll er bei Amazon schon auf Rang 9 sein. Und liegt noch gar nicht in den Läden. Darum ging es vermutlich.

Calvani: Kay.kloetzer, das denke ich auch - und jeder, der davon profitieren will, sagt und schreibt noch schnell was dazu.

Dell: Ich will die Zahlen am Ende sehen, vorher glaub ich nichts. Es gibt genügend, die nicht nur nicht wissen, wer Schirrmacher ist, sondern was die Faz. Aber vielleicht liege ich auch falsch.

Calvani: Absolut, aber um die schert sich das Feuilleton meiner Meinung nach ohnehin wenig. Und umgekehrt - das ist Gerechtigkeit.

Kay.kloetzer: Zum Genre: Es gibt ja eine eigene Krimikritik (Krimi-Couch.de). Wie kommt es eigentlich zu diesem Skandinavien-Boom?

Goedzak: Vielleicht ist der Fall gar nicht geeignet, als Krimi-Beispiel diskutiert zu werden?

Dell: Ist er nicht. Skandinavien: keine Ahnung. Da müsste man Steinfeld fragen (das mein ich jetzt ernst, müsste trotzdem ein Smiley hin).

Goedzak: Kay.kloetzer, das läuft wie bei jedem Hype, bei dem Kommerz im Spiel ist, es gibt gute Autoren mit guten Krimis, die werden von Kennern gelesen, mehr Leute werden aufmerksam, plötzlich ist es ein Erfolg, dann beginnt das Marketing zu arbeiten, es werden ähnliche Autoren gesucht, gefunden, andere Verlage springen auf den Zug, na usw.

Dell: Das Rosamunde-Pilcher-Phänomen, die Alternative muss dann Inga Lindström heißen, obwohl sie gar nicht so heißt.

Goedzak: Ja, das läuft nicht nur bei Krimis so.

Kay.kloetzer: Calvani, sind Dir zu wenig Krimi-Rezensionen in den Zeitungen?

Calvani: Vielleicht, wenn's denn gute wären. Ich habe mir als Vorbereitung einen gekauft, der mich interessierte, aber ich habe ihn nicht ausgelesen und - nach meinem Umzug - finde ich ihn nicht mehr. "Die flüsternde Wand", im Argument Verlag erschienen. Welcher gute Krimi fällt euch denn ein? Bzw. welche gute Krimi-Rezension?

Kay.kloetzer: Also wenn ich mal Krimis gelesen habe, dann eigentlich immer auch zu Ende. Weil ich dann auch wissen will, wer es denn nun war. Neulich las ich Juli Zehs "Nullzeit", das wird im Klappentext als Psychothriller angekündigt, und ist dann ganz absehbar und langweilig. Wohingegen Sibylle Bergs neuer Roman "Vielen Dank für das Leben" richtig spannend ist. Und mit Leiche.

Dell: Zu Calvani: Das letzte wären diese David-Simon-Veröffentlichungen (Homicide), die wurden hochgelobt. Krimi ist das wohl gar nicht, steht aber unter "Spannung". Das ist mir bei diesen Provinzbuchhandlungen aufgefallen, in denen ich nach Vorbereitungsmaterial gesucht habe. Das Genre heißt da "Spannung".

Calvani: „Spannung“ gefällt mir schon viel besser.

Dell: Ja? Ich fand das irritierend.

Kay.kloetzer: Spannung sollte es ja immer geben, irgendwie. Dem Verkauf dient sicher auch dieses Prinzip der Serie - die immer gleichen Ermittler schluffen mit den immer gleichen Macken durch die Szene.

Calvani: Das liegt sicher daran, dass mich die klassische Krimi-Dramaturgie nicht die Bohne interessiert.

Dell: Die einfachste Dramaturgie ist die von Kay.kloetzer erwähnte: Man will wissen, wer's war.

Calvani: Ist es das, Kay.kloetzer? Das Vertraute? Oder liegt es daran, dass es um etwas Existenzielles geht? Das Leben, den Tod?

Leider zündet bei mir der Whodunit-Effekt fast nie. Meist ist er entweder vorhersehbar oder unglaubwürdig....

Kay.kloetzer: Und warum, warum will ich auch wissen! Wenn es keinen wirklich guten Grund gibt, bin ich sauer.

Calvani: Ich halte nie solange durch, wenn mir das Buch nicht gefällt.

Kay.kloetzer: Aber das trifft ja genauso auf jedes Buch zu. Kann ich der Figur nicht folgen, interessiert sie mich nicht.

Dell: Das Existenzielle hängt mir deutlich zu hoch, das hat der Reinecker auch immer erzählt zu seinen Drehbüchern.

Calvani: Ja, es gibt doch die Theorie: Am Anfang herrscht oberflächliche Ordnung, dann kommt der Mord mit seiner Unordnung und am Ende muss wieder Ordnung her, dann hat die liebe Seele Ruh'.

Kay.kloetzer: Es muss nicht immer gleich um alles gehen. Die meisten Unfälle passieren im Haushalt, die meisten Morde wahrscheinlich auch.

Dell: Es geht ums Aufräumen.

Kay.kloetzer: Die Tatortreiniger.

Calvani: Interessanter Punkt, Kay.kloetzer: der Realitätsbezug.

Kay.kloetzer: Geht es vielleicht auch um Gerechtigkeit?

Dell: Da wären wir, halb, wieder bei Goedzak. Wo ist der eigentlich?

Gerechtigkeit wofür/wozu/wovon?

Goedzak: Hier.

Calvani: Rosa Luxemburg schrieb, der Mord ist als Anklage gegen die bestehenden Verhältnisse zu verstehen. Wie seht ihr das?

Goedzak: Reden wir über Krimis oder über Kriminologie?

Dell: Allet.

Kay.kloetzer: Da fehlen mir die niederen Beweggründe. Also bei Frau Luxemburg. In ihrer Erklärung, meine ich.

Dell: Schon klar. Aber darauf reden sich dann der Reinecker und der Tatort auch immer raus. Und das finde ich eher kurzatmig.

Calvani: Na, eine Gesellschaft, in der einer einen anderen ermordet, kann keine gute sein, vereinfacht ausgedrückt.

Also taugt der Krimi als gesellschaftlicher Spiegel nicht? Gar als politisches Instrument? Warum nicht?

Dell: Das ist richtig. Will auch nicht zum Mord aufrufen. Will nur sagen, dass mich die deviante Seite von Kriminalität interessiert.

Goedzak: Mord ist die Fortsetzung des Konkurrenzverhaltens mit anderen Mitteln.

Kay.kloetzer: Unbedingt folge ich an dieser Stelle den Herren.

Calvani: Deviant? Das ist doch eine Umschreibung für für Luxemburgs Ansatz.

Ich verkaufe ein "für". Wer will es haben?

Dell: UMschreibung oder umSCHREIBUNG

hier-

Calvani: Ein anderes Wort halt, Herr Lehrer.

Von der Norm abweichend, heißt doch nichts anderes, als dass die Norm nicht gut ist, oder?

Dell: Nee, das war tatsächlich missverständlich.-Weiß nicht, ob "gut" die richtige Kategorie ist

Calvani: Dann führe doch mal aus!

Dell: Mir ist das nur beim Lesen so 'ner Sozialgeschichte von Kriminalität im 19. Jahrhundert aufgefallen, Heike Talkenberger hieß die Autorin, "Gauner, Dirnen, Revolutionäre", dass Biografien von armen, unbürgerlichen Menschen da Verbrechensgeschichten sind.

Kay.kloetzer: Menschen die töten, sind in Not, denke ich. Aber an dieser Not muss nicht die Gesellschaft schuld sein. Sonst würde man ihr vorwerfen, den Mörder nicht hinreichend ruhiggestellt zu haben.

Goedzak: Das schreibt auch John Savage über die Ursprünge der Jugendkulturen im späten 19 . Jh., Matthias.

Calvani: Ja, es gäbe kaum noch individuelle Verantwortung.

Goedzak: Unterschicht, per se kriminell.

Kay.kloetzer: Ist es in Literatur/Film, in der Fiktion auch die Unterschicht, die kriminell wird, oder verteilt sich das da anders?

Calvani: Aus der Kriminologie-Vorlesung weiß ich noch, dass es die sog. "Kriminalität der Anständigen" gibt, es sind andere Delikte, die weniger kriminalisiert werden, aber es gibt sie, die bürgerliche Kriminalität.

Dell: Kriminologie-Vorlesung? Where? When?

Goedzak: Es gibt in der Krimi-Welt immer mehr Edel-Kriminalität und Phantasterei.

Calvani: Das bezog sich auch noch auf Dell oben.

Goedzak: An Kay.kloetzer.

Calvani: Im Strafrecht. Uni Köln.

Dell: Schön Zwiegespräche zu viert.

Goedzak: Eigentlich müsste ein Teil der Thriller resp. Spannungsliteratur 'Grusel' heißen.

Dell: Ich fand interessant, dass man durch die Verbrechensgeschichten überhaupt Biografien von Leuten erfährt, denen keine geschrieben werden.

Calvani: Unter „Grusel“ fielen aber auch haufenweise andere schlechte Bücher...

Im Film und Buch oder in der Realität?

Goedzak: Okay, der Punkt mit der Prekariats-Kriminalität ist ein Bezug zur Realismus-Frage...?!?

Dell: Das ist mir in den Provinzbuchhandlungen auch noch aufgefallen, die Nähe zu Fantasy allein durch die reißerischen Cover.

Goedzak: Matthias, das ist eine Chance für den Krimi, man könnte aus der Pop-Literatur usw. ausbrechen...

Kay.kloetzer: Matthias, das klingt aufregend. liegt der Reiz auch darin, dass sie wahr sind? Die "echten Kriminalfälle" gehen ja auch ganz gut auf dem Buchmarkt.

Dell: Für mich war das erst mal interessant, dass sie überhaupt erzählt werden können. Es gibt da auch von Thomas Heise eine schöne Tonarbeit von einem Willy, dessen wechselnde Kriminalitäten waren seine wechselnden Jobs. Und, Goedzak, was das Ausbrechen angeht: Das finde ich am Tatort ja reizvoll. Die Spannung hält einen bei der Stange, aber nebenher wird was ganz anderes erzählt.

Calvani: Wozu braucht es denn dann das Tatort-Format? Warum nicht die interessante Nebensache zur Hauptsache machen?

Kay.kloetzer: Ich fürchte, weil sie das nur selten können. Oder sich nicht trauen.

Dell: Das wären dann ja alle anderen Filme. Beim Tatort geht‘s in meinen Augen um Wiederholung und Differenz. Und den Tatort braucht man, damit die Woche zu Ende gehen kann. Würde aber Kay.kloetzer beipflichten, es traut sich kaum einer. bzw die wenigsten wissen, dass sie das machen könnten, daraus ausbrechen.

Goedzak: Ich glaube, ich mag an Krimis bzw. einer bestimmten Sorte Krimis das Plebejische, das Bodenständige, das Unterschichten-Empathische.

Kay.kloetzer: Fernseh-Kollektive in Kneipen gibt es hier nur beim Fußball und beim Tatort.

Goedzak: Heute seh' ich keinen Tatort.

Dell: Was die ja neulich mal bei Ludwigshafen hatten: dass man danach auf Facebook weiterrätselt. Hätten wir da Lust zu? Ich glaube, nicht.

Calvani: Der Ball ist rund, das Runde muss in das Eckige und am Ende sind wir alle tot.

Wie jetzt? Keine Auflösung am Ende?

Dell: Doch, Auflösung, aber unterhalten würde ich mich immer über andere Dinge.

Calvani: Ich habe davon nichts mitgekriegt. Worüber wurde weitergerätselt?

Dell: Man sollte rausfinden, wer diesen Betreuer erschlagen hatte. Oder erschossen. Das war aber nicht interessant. Fand ich zumindest. Ein Kommentator hatte mal bei uns unter einer anderen Folge geschrieben: Am Ende war man froh, dass es überhaupt noch einer gewesen ist. So fühlte sich das an.

Kay.kloetzer: Ich kann mir einen guten Tatort auch in der x-ten Wiederholung anschauen, würde aber vermutlich keinen Kriminalroman 2 x lesen. Das Buch bleibt stärker präsent.

Goedzak: Ich hau jetzt mal ’n paar thesenhafte Sprüche rein, okay?

Calvani: Moment! Ich versuche mal zusammenzufassen: Der gute Krimi braucht Wiederholung in Form des serienhaften Settings. Plebejische Aspekte, viel, was nebenher erzählt wird, und eine Auflösung. Habe ich was vergessen?

Kay.kloetzer: Mir fehlt noch: Der gute Krimi braucht glaubwürdige Figuren.

Goedzak: Krimis

1. sie dürfen nicht mehr sein wollen, als eben: Krimis;

2. sie zeigen die "Scheiß-Realität" irgendwie 'nüchtern';

3. sie machen sich trotzig lustig über die Scheiß-Realität;

4. sie zeigen eine Utopie: das 'Böse' ist besieg- bzw. wenigstens durchschaubar;

Krimis können eigentlich nur Komödien sein!

Krimi ist Bewegung, Knäuel von Bewegungen, das pure Geschehen; Krimis schreiben heißt Logistiker zu sein.

Dell: Logistik ist schön. Das gefällt mir an den Maigret-Krimis (die einzigen, die ich Banause lese) so, dass man da die Polizeiarbeitlogistik sieht.

Calvani: Einspruch!

Kay.kloetzer: Goedzak, Du siehst mich begeistert. Und: Krimis schreiben heißt, Erzähler zu sein.

Godzak: Leute bei der Arbeit - ja, auch ein Krimi-Spezifikum. Jedenfalls heutzutage.

Dell: Im Tatort meistens aber auch eher low: Leute befragen. Dialoge generieren.

Kay.kloetzer: "Wir sind hier in einer polizeilichen Ermittlung."

Dell: Warten auf den Einspruch ...

Goedzak: Kay.kloetzer, erzählen, ja, auch ein Bezug zum Märchen (s.o.).

Calvani: Nein, nein, ich bin völlig anderer Meinung. Wir haben doch gerade festgehalten, dass Krimis viel Interessantes nebenher erzählen sollen. Das passt überhaupt nicht zu Punkt 1. Und nein, die Realität zeigen Krimis nicht, sonst gäbe es z.B. lauter Filme über Wohnungseinbrüche und keine Mord-Krimis. Deshalb kann auch Punkt 3 nicht stimmen. Bei der Nummer vier mache ich mit.

Also, Goedzak, wo hast du den Unsinn her?

Goedzak: Oh, Shit, wenn ich den erwische, der’s mir verkauft hat...

Calvani: Und du hast's nicht mal gemerkt!

Dell: Schlechtes Zeug. Finde schon, dass das passt.

Kay.kloetzer: Ich geb Dir ein Alibi.

Goedzak: Was ist 'schlechtes Zeug'?

Kay.kloetzer: Gestreckt.

Dell: Sagt man dem nicht so, in der Dealer-Shit-Branche, die ja auch deviant arbeiten muss?

Godzak: Naja, es stammt aus der eigenen Drogenküche.

Dell: Was passt: Krimi ist die Form, aber die kann halt verschieden performt werden. Nicht mehr als Krimi sein zu wollen, hieße dann: zum Ende, zur wie auch immer gearteten Aufklärung zu kommen. Wo die Umwege entlangführen, liegt aber beim Autor.

Kay.kloetzer: Ich sehe die Widersprüche gar nicht so. Es kann ja das, was zum Mord führt, realistisch sein, auch wenn es der Mord dann nicht mehr so sehr ist.

Goedzak: Stichwort 'Schelmenroman'. Wenn ich könnte, würde ich einen Schelmen-Kriminal-Roman schreiben.

Kay.kloetzer: Der Schelm als Täter?

Goedzak: Der Schelm ist unrealistisch, seine Welt nicht, mein Lachen drüber hilft mir aber.

Calvani: Off: Ihr Süßen, ich muss mal. Zum Schelmenroman weiß ich eh nix.

Kay.kloetzer: Warte, ich komm mit ...

Calvani: Ey, die Frauen... immer zu weit!

Äh, zu ZWEIT.

Dell: Wozu gibt es mobile Endgeräte, fragt die Branche.

Goedzak: Haha, ihr wollt das Mädels-Klischee bedienen...

Dell: Zu weit wär doch eher so: die Jungs.

Calvani: Dazu fällt mir ein Foto ein, über dem Klo steht: Would you please stand closer, your Big John is not as long as you think.

Dell: Goedzak. dann könnten wir jetzt eine rauchen oder am Schelm weiter. Für mich steckt da auch drin, dass Kriminalität im Film/Buch immer zu ernst genommen wird.

Goedzak: Mir fällt grad ein, es gibt ja Krimi-Schelmenromane: Wolf Haas.

Dell: Und diesen einen Tatort mit Schweighöfer, der hatte auch was Schelmisches.

Goedzak: Hab ich den gesehen? Worum ging‘s nochmal?

Kay.kloetzer: O ja, der war gut. Und gerade eben im Münsteraner eine tolle Szene, kleine Sache: Opa, Mutter, Kind. Aber toll.

Dell: Hoffentlich. Wird auch alle drei Wochen wiederholt: Schweighöfer leidet an der Adelsfamilie und behebt via Milan Peschel die Ungerechtigkeit von Jahrhunderten, indem er seine Sippe ausrotten lässt.

Goedzak: Ach ja, klar! Stimmt.

Dell: Welcher Münsteraner läuft denn?

Goedzak: Seine Figur sieht sonst anders aus.

Dell: Wessen Figur?

Goedzak: Na, ich meine den Typ Adels- oder Reiche-Bürger-Spross auf Abwegen. Da hat Schweighöfer wirklich was Neues reingebracht.

Kay.kloetzer: In dem Boerne die Steuerfahndung im Haus hat. "Herrenabend" heißt der. Und Victoria Trauttmansdorff spielt eine, nunja, sehr abweichende Frau.

Dell: Das aber durch seine Lausbubenhaftigkeit, stimmt. Kay.kloetzer: Ich fand diese Vic-Trautmannsdorff-Family-Atmosphäre damals ziemlich furchtbar.

Kay.kloetzer: Noch ein Aspekt: die Überraschung. Typen, die ein Klischee bedienen, um es zu verlassen.

Goedzak: Ja, z.B.?

Dell: Conny Mey.

Calvani: Wieder da.

Kay.kloetzer: Matthias, die Szene eben hatte aber ein geniales Timing.

Goedzak: Ah, ja, die mit Krol?

Dell: Sorry, dass ich immer vom Tatort anfange, kenne kaum was anderes, hatte ich vorher gesagt.

Ja, welche Szene? Dieses Chatten ist doch Multitasking in Permanenz. Goedzak, genau die.

Kay.kloetzer: Frau Mey fand ich beim ersten Mal überwältigend, aber langsam kenne ich den Büroflur, den sie immer langgehen muss. Und neulich in hautengem Weiß mit der Knarre außen - also, das war dann Komödie.

Goedzak: Stimme ich zu!

Dell: Find ich aber auch gut. Wobei ich glaube, dass ein Großteil der Zuschauer und die Blöd-Zeitung da immer nur "Sex" sehen können.

Godzak: Richtig - Matthias, kennst du die Wolf-Haas-Verfilmungen mit Josef Hader?

Calvani: Wie läuft das denn beim Dellschen Tatort-Gucken? Mit Klemmbrett und Stift, den Finger immer auf der Pause-Taste?

Dell: Früher Klemmbrett. Heute mit schmalem Word-Fenster neben mittelgroßem Bild.

Kay.kloetzer: Und Pausentaste?

Calvani: Hemmt das nicht die Spannung?

Dell: Auch Pausentaste. Und Spannung ist sowieso anders, wenn man drüber schreiben soll - kennste doch bestimmt von zu besprechenden Büchern. Goedzak - nee. Obwohl Hader ja allein schon toll ist. Hatte Haas mal zu lesen angefangen. Aufgegeben.

Goedzak: Ach? Zu 'angeschafft' der Stil?

Kay.kloetzer: Kenn ich. Und bedaure das auch immer mal.

Mensch, ich will grad meinen ersten Haas lesen.

Dell: Weiß gar nicht mehr. Irgendwie nicht reingekommen, früh rausgenommen. Zweite Chance empfehlenswert?

Goedzak: Ich meine schon!

Calvani: Ich auch. Also ich habe Haas aufgegeben zu lesen. Ich lese Bücher meist erst einmal durch, brainstorme dann, und muss mir mühsam die Einzelheiten, die ich beschreiben will, wieder zusammen suchen. Effizient ist das nicht, aber umso effektiver, meine ich.

Goedzak: Oder mit dem eher Nicht-Krimi 'Das Wetter vor 15 Jahren' anfangen.

Dell: Dann wird das mal ausprobiert.

Calvani: Ja, mit „Das Wetter vor fünfzehn Jahren“ habe ich auch angefangen. Erste Seite fand ich super, dann erlahmte das Interesse. Fand das "Kuss-Ding" auch zu kitschig.

Dell: Wobei der erste Schuss ja auch was hat, sie nennen es Journalism. Was wir bislang an Lektüren haben: Maigret, Haas. Sonst? Skandinavier? Regionalkrimis?

Kay.kloetzer: Ich lese ja selten Krimis. Leonardo Padura vielleicht. Da war - in der Schwanz der Schlange - aber auch das Drumherum interessanter.

Calvani: Ich habe mal Regional-Krimis versucht - vergeblich.

Goedzak: Klassiker: Hard boiled, James Ellroy, Wahlöö/Sjöwall...

Kay.kloetzer: Ach ja, diese Autorenduo Kobr/Klüpfel mit den Allgäu-Krimis. Alles ein bisschen druchschaubar.

Goedzak: Ich muss gestehen, ich habe ein Vorurteil gegenüber deutschen Krimis.

Calvani: Wieso?

Dell: Weil die immer nur Regionalkrimis sind?

Goedzak: Weil ich einige probiert habe, siehe Kay.kloetzer. - Ja. Oder Kopien von Trends die laufen.

Dell: Jörg Fauser vielleicht. Aber da würde man nicht Krimi zu sagen.

Calvani: Hat noch jemand was Wichtiges auf dem Spickzettel?

Kay.kloetzer: Ich habe 35 Grad im Büro und 'ne weiche Birne.

Calvani: Ich habe Hunger. Wer bietet mehr?

Goedzak: Ist Krimislesen im Verhältnis zur sonstigen Literatur sowas wie Popmusik statt Jazz und Klassik hören?

Dell: Ich würde nur noch mal auf das halb von weiter oben zurückkommen, der Realitätsbezug als Aktualitätsbezug: Maigret ist so toll, weil das eine andere Welt ist – was ich heute daran so interessant finde, ist die Wissensakkumulation ohne DNS-Test und Handy. Kay.kloetzer, immer noch im Büro?

Kay.kloetzer: Hab ja kein mobiles Endgerät.

Goedzak: Wissensakkumulation ist schön gesagt... – Eine gewagte These: Der gute Krimi hilft, Sozialkompetenz zu bilden!

Kay.kloetzer: Vielleicht ja, weil er keinen Abgrund ausspart.

Dell: Dem Popmusik-Vergleich würde ich zustimmen. Sozialkompetenz als Umschreibung für das, was früher Ethik hieß?

Goedzak: Ehtik, nein.

Calvani: Ach, ich finde den Vergleich arrogant.

Goedzak: Es gibt noch eine andere, tja, Antinomie? Nämlich: Körperlich-sinnlich vs. kopfig-geistig...

Kay.kloetzer: Körperlich-sinnlich vs. kopfig-geistig verstehe ich nicht- in diesem Zusammenhang.

Calvani: Ich auch nicht.

Dell: Arrogant ist der Vergleich aber nur, wenn man E und U voraussetzt (was man dann vielleicht aber muss, wie mir gerade auffällt). Krimi lesen ist offensiver Zeitvertreib.

Goedzak: War mehr ‘ne Frage.

Calvani: Ja, genau, Matthias.

Goedzak will sicher nur auf Sex hinaus. Von wegen körperlich-sinnlich... Das macht das heiße Wetter...

Kay.kloetzer: Es ist die Gegenüberstellung, die ich nicht verstehe.

Goedzak: Am Beispiel von Musik: Textmusik und Tanzmusik. Reflektionsliteratur und "Bewegungs"literatur.

Calvani: Textmusik? Entweder die Musik ist gut oder nicht. Wenn der Text auch noch gut ist, umso besser, aber wenn nicht, dann hilft der gute Text auch nichts. Außer als (Nur-)Text.

Dell: Was wäre Bewegungsliteratur?

Kay.kloetzer: Ick weeß nicht, muss sich das alles ausschließen?

Goedzak: Geschehensliteratur, sozusagen pures Storytelling.

Calvani: Ey, das verstehe ich noch weniger. Also die Bewegungsliteratur.

Nein, Kay.kloetzer, die Kunst ist doch, beides zusammenzuführen.

Dell: Muss es nicht, und vielleicht ist das nur das alte E und U, aber an Krimis gehe ich weniger feierlich heran, das ist mehr so Arbeit im Sinne von Routine.

Jetzt versteh ich‘s, Goedzak.

Goedzak: Mit Sozialkompetenz ist vielleicht sowas wie "Großstadtintelligenz" gemeint. Den Begriff hab ich neulich gesagt bekommen.

Dell: Das hatte ich mir irgendwie auch gedacht, wollte nur daran erinnern, dass es beim Krimi ja auch ums Lernen von gut und böse geht, verschärfter als anderswo. - Goedzak, hoffe, doch nicht persönlich?

Calvani: Goedzak, dem hätte ich gegen's Schienbein getreten. Einfach so.

Dell: Das sind wir bei der Körperverletzung als berechtigtem Mittel von Kritik

Da - jemand ein s?

Calvani: So schließt sich der Kreis!

Ein s nehme ich nicht, ein Eis sehr gerne.

Goedzak: Warum wen hauen?

Kay.kloetzer: Aus Gründen.

Calvani: !!! Genau!!!

Dell: Kommunikation at her best.

Goedzak: Mich wollte neulich einer 'anstechen'!

Kay.kloetzer: Luft rauslassen?

Calvani: Langsam schmerzt mein Kopf vom Lachen.

Goedzak: Wut, bei sich.

Dell: Wos isch au des?

Kay.kloetzer: War's ernsthaft gefährlich?

Goedzak: Kay, das war nur ein Maulheld.

Calvani: Das sollten wir so lassen. So, äh, leger...

Dell: Du meinst, für die Veröffentlichung?

Calvani: Jep.

Kay.kloetzer: Ist das nicht live?

Calvani: Irgendwie schon.

Dell: Das wollte ich sowieso noch sagen, was ich manchmal schon zu hören gekriegt habe: Mir ist gar nicht klar, wie Sie daraus was machen wollen.

21:18 02.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Calvani

Die Wahrheit ist immer nur ein Teil der Wirklichkeit
Calvani

Kommentare 22

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar