Dahinter das Meer

Diaspora In einer chinesischen Kunstinstitution in Berlin-Mitte werden wenig bekannte Migrationsgeschichten erzählt
Dahinter das Meer
„’Im Hole ’Im Canher“ (2007) von Andrea Chung: die vergessene chinesische Diaspora des 19. Jahrhunderts

Courtesy Of The Artist And Tyler Park Presents, L.A.

Jahrhunderte im Kampf der Sehnsüchte / gegen die hohen Mauern; / Verlöschende Sterne / in Himmelstiefen; / gegen feudale Türme, /Traum, Auge, Faust; / gegen Sklavenketten, / der Zorn der Vielen.“ Wer hier anschreibt gegen die Leiden und den Schmerz kolonialer Unterdrückung und Ausbeutung, ist der afro-chinesische, kubanische Autor Regino Pedroso. Sein Gedicht Más Allá, el Mar Canta (Jenseits singt das Meer) aus dem Jahr 1932 ist titelgebend für die zur Berlin Art Week eröffnende Ausstellung im Times Art Center Berlin – und gedanklicher Ausgangspunkt für Kurator Pablo José Ramírez, der darin „eine Art von herzzerreißender Zärtlichkeit“ entdeckt.

In der Ausstellung widmet sich Ramírez einer historischen Migrationsbewegung, die vielen hierzulande nicht bekannt sein dürfte. Im 19. Jahrhundert flohen Millionen Chines:innen vor Kriegen und Hungersnöten nicht nur in französische, britische und niederländische Kolonien nach Südostasien. Sie siedelten sich auch in Kalifornien, später Mexiko, der Karibik und noch weiter südlich an, um in Goldminen, im Eisenbahnbau oder auf Plantagen zu arbeiten, teils unter Sklaverei-ähnlichen Bedinungen.

Pablo José Ramírez nimmt nun Orte der Gemeinschaft von Migrat:innen in den Blick und möchte das heilende, kreative Potenzial eines Miteinanders erkennbar machen, das aus der Entwurzelung und Fremdheit entsteht. „Wenn wir über Diasporas als Intimitäten nachdenken, als Zugehörigkeit, geht es darum, die lebendige politische Dimension von transkulturellen Begegnungen anzuerkennen“, erklärt der Kurator.

Die Konzeptkünstlerin Mimian Hsu, die als Tochter taiwanesischer Einwanderer in Lateinamerika aufwuchs, untersucht solche hybriden kulturellen Verwandtschaften. Auf chinesische Seide hat Su den Brief zweier Eisenbahnarbeiter aus dem Jahr 1907 gestickt, auf den sie bei ihren Recherchen im Nationalarchiv in Costa Rica gestoßen ist. Den nüchternen Titel No. 1674, Sección Administrativa, Version 1 & 2 (2007) hat sie aus dem Katalogsystem übernommen. Die Worte der beiden chinesischen Immigranten sind an den verantwortlichen Innenminister adressiert und verweisen auf das alte, bis heute gültige Migrationsdilemma von Zurücklassen und Verlust: Sie bitten um die Erlaubnis, ihre Familien nachholen zu dürfen. Der Stoff ist leuchtend rot, wie die traditionellen chinesischen Hochzeitsgewänder, verziert mit Blumen, Vögeln und Fischen. Die Farbe Rot steht für Glück, diese Art von Tagesdecken ist für frisch Verheiratete gedacht. Der Faden ist golden, womit Mimian Hsu nach eigenen Worten auf Luxus anspielt.

Angst, keine Angst

Auch im Werk des Wahlberliners David Zink Yi spiegeln sich die Migrationsbewegungen der Chines:innen, die im 19. Jahrhundert in Peru in ausbeuterische Arbeitsverhältnisse gezwungen wurden. Der Künstler entwirft in seiner Videoinstallation El Festejo (2001) das fragmentierte Porträt einer Frau mit chinesisch-afro-peruanischer Herkunft, in das Erinnerungen ihrer chinesischen Vorfahren einfließen. Dazu wird auf Bongos und der Cajón der „Festejo“ geschlagen, ein afro-peruanischer Tanzrhythmus. Wir sehen die trommelnden Hände, daneben chinesisches Interieur. „The memory is always present especially in the food and my mothers porcelain“ (Die Erinnerung ist immer da, besonders im Essen und im Porzellan meiner Mutter), heißt es im Film.

„Ich hoffe, dass die Konstellation von Arbeiten in der Ausstellung zu einer anderen Herangehensweise an die Kolonialgeschichte aufruft“, wird Pablo José Ramírez im Journal zur Berlin Art Week zitiert. „Es gibt eine Tendenz, diese Geschichte(n) im Sinne harter Politik zu interpretieren, was dazu führt, dass das Intime, das Persönliche und Leidenschaftliche negiert wird. Und dadurch werden Systeme der Verwandtschaft und der Gemeinschaft ignoriert, die das Leben überhaupt erst möglich gemacht haben. Mit dieser Ausstellung versuche ich genau darüber nachzudenken.“

In dem Super-8-Film The Last Builder (2008) von Humberto Vélez vermitteln sich Migrationserfahrungen nicht über Traditionen, Materialien oder Erinnerungsstücke, sondern über den muskelgestählten Körper von Dionisio Herrera González. Geboren in Jamaika als Sohn kubanisch-orientalischer Eltern, kam er als Kind nach Panama. Sein Vater half mit beim Bau des Panamakanals, der an die 28.000 Menschen aufgrund von Malaria, Gelbfieber, Unfällen das Leben kostete. Er verschaffte Dionisio über Kontakte dort schon als Teenager einen Job. Vélez zeigt uns Dionisio als 70-Jährigen, in Badehose am Strand, gefilmt in Schwarz-Weiß, unterlegt von zart-schwelgerischer Klassik, komponiert von Nikolas Kodjabashia. Er lacht, posiert, bringt seine Muskeln zur Geltung, im Hintergrund brandet das Meer. Der Film erzählt mit Blick auf dessen Körper nicht nur von den Strapazen harter Arbeit, sondern auch von einer Selbstermächtigung durch Bodybuilding.

Von Emanzipation handelt auch der Dokumentarfilm Nang by Nang (2018) von Richard Fung über seine Cousine zweiten Grades. Nang wuchs in den 1920er Jahren im ländlichen Trinidad als Kind von chinesischen Einwanderern auf und schaut im Film mit über 90 Jahren auf ihr Leben als Tänzerin, Model, Sängerin, Dienstmädchen, Krankenschwester und Kinobetreiberin zurück. Fung schafft eine intime Atmosphäre, lässt Nang selbst ihre wechselvolle Geschichte erzählen, ergänzt, greift auf Fotos und Archivmaterial zurück. Der Film gehört zu einer Serie des Autors und Filmemachers über seine eigene Familiengeschichte – ein spannendes Geflecht verschiedener Herkünfte, fortgeschrieben von Fung selbst, der Trinidad und Tobago hinter sich gelassen hat und seit vielen Jahren in Kanada lebt.

„Wir wollen bislang wenig erzählten diasporischen Geschichten eine kreative Plattform bieten“, beschreibt Bei Xi das Anliegen der Ausstellung. Sie ist die künstlerische Leiterin des Times Art Center Berlin, das sich als Unterstützer unterrepäsentierter Künstler:innen und Kunst aus Asien versteht. Die private Kunstinstitution eröffnete 2018 in dem verspielt-rohen Gebäude von Architekt Arno Brandlhuber in der Berliner Brunnenstraße, in dem vorher schon die Galerie KOW ihre Räume hatte. An Geld mangelt es nicht. Das Times Art Center Berlin ist ein Ableger des Guangdong Times Museum in der südchinesischen Wirtschaftsmetropole Guangzhou, beides finanziert von Times China, einem der größten chinesischen Immobilienkonzerne. „Viele jüngere Künstler:innen aus Asien, die in Berlin leben, haben mit dem Thema der kulturellen Entwurzelung und Diaspora zu tun“, erzählt sie. „Gerade in den gegenwärtigen, herausfordernden Zeiten möchten wir einen kritischen Bezugsrahmen schaffen für die Präsentation zeitgenössischer Kunst aus Asien in Europa“, sagt Bei Xi. „Wir wollen den Austausch mit lokalen Kunstszenen mit Diaspora-Erfahrung ermöglichen, auch im Hinblick auf den größeren Migrationskontext in Europa und weltweit.“

Neben Migration und Diaspora widmete sich das Times Art Center in seiner vorherigen Ausstellungsreihe einem weiteren großen Thema unserer Zeit. Angst, Keine Angst, so der Titel des Projekts, das selbst mit Erschütterungen zu kämpfen hatte und aufgrund der Pandemie mehrmals verschoben werden musste. Der Initiator, der chinesische Künstler Huang Xiaopeng, verstarb im vergangenen Jahr, noch vor Fertigstellung der Ausstellung. Dass er kritisch und unangepasst war, wird deutlich in einem Film über ihn von Antje Majewski, eine der drei deutschen Künstler:innen, die er mit ins Kurator:innenteam holte. Darin analysiert er die gegenwärtige Situation Chinas in Bezug auf Wohlstandsversprechen und einem Mangel an Freiheitsräumen. Ein Teil der chinesischen Kunstszene vor Ort wollte er nicht mehr sein.

Die Gruppenausstellung Más Allá, el Mar Canta (Jenseits singt das Meer) läuft vom 16. September bis 19. Dezember 2021 im Times Art Center, Berlin

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06:00 16.09.2021
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Ausgabe 38/2021

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