Ein Kunstwerk als missglückter Besinnungsaufsatz

Kulturkommentar Thema verfehlt! Die Diskussion über Martin Zets Anti-Sarrazin-Aktion geht nun ihre eigenen Wege: Wie kann die Kunst die NS-Gräuel adäquat verarbeiten?

Langsam gehen uns die Stimmen aus. Marcel Reich-Ranicki gehört zu den letzten Zeitzeugen und Überlebenden des Warschauer Gettos und wird am Freitag im Deutschen Bundestag die Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus halten. Das Generationengedächtnis verwaist.

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Gleichzeitig wird die Erinnerung zur Aufgabe des Kollektivs. Dabei sieht sich auch die Kunst als Gedächtnisträger in der Pflicht. Doch kann Kunst national­sozialistische Gräuel verhandeln? Sie muss! Und soll verstören und wachrütteln, damit Gedenken nicht zu narkotisierenden Ritualen verkommt. Einfach ist das nicht; Pietätlosigkeit, fehlende Reflexion, Banalisierung – es gibt viele Möglichkeiten danebenzuliegen.

Kitschvorwürfe muss sich etwa die Skulptur „Züge in das Leben – Züge in den Tod“ des israelischen Künstlers Frank Meisler gefallen lassen, die am Berliner Bahnhof Friedrichstraße steht. 2006 provozierte der Künstler Santiago Sierra mit „245 Kubikmeter“ einen größeren Skandal. Er simulierte eine Gaskammer, indem er Abgase in eine Synagoge bei Köln einleitete, die die Besucher mit Atemmasken betreten konnten. Sein Anspruch: das Leiden der Holocaust-Opfer zu verbildlichen. Als könnte man den Horror der Deportation tatsächlich sinnlich vermitteln oder nachfühlen! Nach Protesten von Opfern entschuldigte Sierra sich und stoppte die Aktion.

Ausgeblendet

Dem Künstler und Kurator Artur Żmijewski wurde wie Sierra Respektlosigkeit gegenüber den Opfern des Holocaust vorgeworfen. Seine Videoarbeit „Berek“ (dt. „Hasch mich“), in der Nackte in einer Gaskammer Fangen spielen, laut Künstler am authentischen Ort, wurde nach Beschwerden von Überlebenden vor Kurzem aus einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau entfernt. Man muss das bedauern, denn die Frage, ob das zu weit geht, ist ja Teil dieses Kunstwerks selbst. Natürlich ist es eine Provokation. Aber anders als Santiago ­Sierras missglückter Simulationsversuch ist das Anliegen Żmijewskis, an konventionellem Gedenken und erstarrter Erinnerungsarbeit zu rütteln, fruchtbar für den gesellschaftlichen Diskurs.

Heftige Kritik hagelt es nun auch an einer Aktion des tschechischen Künstlers Martin Zet, die Teil der von Artur Żmijewski kuratierten 7. Berlin Biennale ist. In Reaktion auf die fremdenfeindlichen Thesen Sarrazins in Deutschland schafft sich ab hat Zet Sammelstationen zur Abgabe des Buches aufgestellt und angekündigt, die Druckwerke recyceln zu wollen. Allerdings wird nun nicht das Einwanderungsthema diskutiert, sondern die Bücherverbrennung, die die Aktion assoziiert. Eine große Schwäche des Werks liegt darin, dass es darauf keine Antwort weiß. Christoph Tannert, Leiter des Künstlerhauses Bethanien, hat inzwischen abgelehnt, als eine der Sammelstellen zu fungieren. Er sieht die Gefahr, dass die Aktion „bestimmte historische Erfahrungen der Nazizeit und des Stalinismus ausblendet“. Dass der Künstler sein Konzept jetzt überarbeitet, zeugt vor allem von der fehlenden Kraft seiner Ursprungsidee. Sowohl Martin Zet als auch Artur Żmijewski sprechen von der therapeutischen Wirkung, die sie mit ihren Arbeiten erzielen wollen. Doch während letzterer bewusst bis an die Schmerzgrenze geht, hat Martin Zet das Gewicht der Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit in Deutschland einfach unterschätzt. Fast möchte man sagen: zum Glück.

11:30 27.01.2012
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Ausgabe 22/2020

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