Cara Wuchold
Ausgabe 4114 | 22.10.2014 | 06:00

Ein Muss unterm Guss

Filmfestival In Myanmar hat das Genre Dokumentation eine ganz besondere Bedeutung, auch wenn es nur am Rande stattfindet

Ein Muss unterm Guss

Action, Fantasy und Soaps laufen in der Metropole Yangon im Hauptprogramm

Foto: Laweh Soe / Getty Images

Es ist Regenzeit in Myanmar. Der Monsun heißt hier wathann. Keine gute Zeit für Dreharbeiten, denn die sintflutartigen Regenfälle sind unberechenbar. Genau deshalb findet das erste unabhängige Filmfestival Myanmars, vordem Burma, jetzt schon zum vierten Mal während des Monsuns statt und hat sich passenderweise Wathann Film Festival genannt.

Einen Tag vor Beginn knallt dann allerdings die Sonne vom Himmel. Bei schwül-heißen Temperaturen werden die Zuschauerränge zusammengezimmert und im Festivalhaus schwarze Stoffbahnen unter die Decke gezogen. Sie sollen den Sound dämmen, denn die Yangon Gallery im Volkspark – benannt nach der Metropole und ehemaligen Hauptstadt Myanmars, bekannt als Rangun – eignet sich nur bedingt für Filmvorführungen.

500 Zuschauer insgesamt

Der Veranstaltungsort musste kurzfristig gefunden werden, erzählt die Dokumentarfilmerin Thu Thu Shein, die das Festival gemeinsam mit ihrem Mann und Kollegen Thaiddhi gegründet hat. Über die Wahl der Yangon Gallery sagt sie: „Die hiesige Filmindustrie produziert jährlich 800 bis 1.000 Arbeiten in Spielfilmlänge, die auf DVD herauskommen. Ein paar, vielleicht 15, werden im Kino gezeigt. Früher hatten wir vielleicht 200 Kinos im ganzen Land, heute sind es viel weniger und die zeigen vor allem Hollywoodproduktionen.“ Die myanmarischen Filme würden bis zu zwei Jahre darauf warten, ins Kino zu kommen, sagt die 31-Jährige. „Es besteht also keine Chance, unsere Independentfilme dort zu zeigen. Auch in diesem Jahr haben wir versucht, ein Kino für das Festival zu bekommen, aber die Warteschlangen sind zu lang.“

In einem der großen Multiplexe in downtown Yangon läuft derweil eine Fantasyproduktion aus Hongkong: The White Haired Witch of Lunar Kingdom; im Foyer des Hotels ein Actionfilm mit Sylvester Stallone und in den Tea-Shops, die häufig mit Fernseher ausgestattet sind: Fußball, Soaps und romantisch-kitschige Musikvideos. An die Filme des Wathann-Festivals – neben experimentellen Kurzfilmen und Animationen vor allem myanmarische Dokumentationen – muss sich das Publikum erst noch gewöhnen.

Bei der Premiere 2011 erreichten die Macher vor allem andere junge Filmemacher und die Künstlerszene. Es kamen 500 Gäste an fünf Festivaltagen – insgesamt. Doch die mochten, was sie sahen, und waren in den Folgejahren wieder dabei. Das Programm wurde bekannter, 2013 waren es schon 2.600 Besucher, und die diesjährige Eröffnung zeigt sich bis auf den letzten Platz gefüllt. „Wir haben zusätzlich das ,Tea Shop Screening‘ gestartet. Dort kommen viele Leute zusammen, also versuchen wir das Programm auch dorthin zu bringen.“ In diesem Jahr konnte das Wathann-Festival zudem die NGO Democratic Voice of Burma als Medienpartner gewinnen, in deren Fernsehsender die Festivalfilme in Kürze noch ausgestrahlt werden.

Die Publikumsakquise war nicht die einzige Hürde, die Thu Thu Shein und ihre Mitstreiter zu nehmen hatten. Während der jahrzehntelangen Militärdiktatur – erst 2011 in eine zivile Regierung umgewandelt, der noch immer viele ehemalige Machthaber angehören – brauchte man an Vorführungen von Filmen, die Realität abbilden, nicht zu denken, schon die Dreharbeiten galten häufig als illegal. Deshalb war anfangs keinesweg klar, welche Konsequenzen ein Festival wie Wathann nach sich ziehen würde. „Als wir die Genehmigung für die erste Auflage beantragt haben, hatten wir bis zum Start des Events keine Einverständniserklärung seitens der Politik“, sagt Thu Thu Shein. „Dann haben wir entschieden: Lasst es uns durchziehen. Wenn Probleme auftauchen, dann lösen wir sie.“

Die Öffentlichkeitssehnsucht der unabhängien Filmemacher in Myanmar war beträchtlich; bis 2011 gab es keine Möglichkeiten, Filme öffentlich zu zeigen. Auf das Medium Festival sind Thu Thu Shein und Thaiddhi 2009 durch ein Stipendium an der Film- und Fernsehfakultät in Prag (FAMU) gekommen, weil sie dort internationale Festivals kennenlernten.

Die Rolle der Militärs

Myanmar befindet sich 2014 in einer Übergangsphase, und noch weiß niemand, inwieweit sich demokratische Verhältnisse zukünftig tatsächlich durchsetzen werden. 2015 sind Wahlen, doch dass die Militärs ihre Macht freiwillig aufs Spiel setzen werden, erscheint kaum vorstellbar. Die Situation der Filmemacher bleibt ungewiss.

Alle Festivalfilme müssen weiterhin an die Zensurbehörde geschickt werden – aller-dings gab es bislang nie Beanstandungen. Und das, obwohl im letzten Jahr auch kontroverse Themen verhandelt wurden. Der Film, der den Preis als beste Dokumentation bekam, drehte sich um ein Flüchtlingscamp im Kachin-Staat, wo Rebellen gegen das myanmarische Militär kämpfen. Und der New-Vision-Award-Film über ein umstrittenes Staudammprojekt am Ayeyarwady-Fluss ging durch.

Mittlerweile produzieren weitere Filmfestivals in Myanmar Öffentlichkeit, darunter das Art of Freedom Film Festival, organisiert von dem Comedian und ehemaligen politischen Häftling Zarganar, der von der weltbekannten Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi unterstützt wird. Für Wathann macht das die Sponsorensuche nicht leichter. Aber Thu Thu Shein verfolgt mit kleinem Team und freiwilliger Unterstützung ihr Ziel, myanmarische Independentproduktionen auf die Leinwand zu bringen.

Von einigen älteren Kollegen aus Myanmar würden sie noch nicht richtig ernst genommen, sagt die Filmenthusiastin. Dafür erfreut sich das Festival internationaler Aufmerksamkeit. 2013 bekam das Team Besuch von Christoph Terhechte, der bei der Berlinale das Forum verantwortet, und Lars Henrik Gass, Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, saß in der Jury, gemeinsam mit dem Direktor des Experimentalfilmfestivals Image Forum Tokyo.

Die myanmarischen Dokumentationen, die hier gezeigt werden, laufen mittlerweile weltweit auf Festivals, manche wurden auch schon ausgezeichnet. Sie haben eine klare, meist ruhige Bildsprache, Protagonisten und Einstellungen sind sorgsam gewählt, die Geschichten schlüssig erzählt. Das ist vor allem auf die Yangon Film School zurückzuführen, gegründet von der anglo-burmesischen Regisseurin Lindsey Merrison, die bereits 2005 begonnen hat, Dokumentation in Myanmar zu lehren. Damals ebenfalls allen Gefahren zum Trotz.

Und das Genre entwickelt sich. Mit The Monk konnte nun zum ersten Mal seit 50 Jahren ein Dokumentarfilm in abendfüllender Länge produziert und gezeigt werden. Der Film begleitet einen buddhistischen Mönch vom Novizendasein bis hin zu seiner Entscheidung, sich ganz dem klösterlichen Leben zu verschreiben. Wie in den meisten Festivalfilmen wird hier anhand eines Einzelschicksals die Realität vieler Myanmaren beschrieben, seien es Mönche, Fischer oder Analphabeten. Einfühlsam und hochmoralisch, das Publikum reagiert dankbar und sehr emotional.

Dazu passt die diesjährige Auszeichnung der Dokumentation Now I’m 13 über ein Mädchen ohne Schulerfahrung, das Ziegen hütet und sich Gedanken über seine Zukunftschancen macht. In seiner Geschichte spiegelt sich das gravierende Bildungsproblem Myanmars. Den New Vision Award erhielt Silent Talker, die poetische Auseinandersetzung eines Künstlers mit der sich wandelnden Gegenwart in seinem Land, reflektiert in Straßenszenen Yangons.

Von ihrem Land und für ihre Landesgenossen zu erzählen, das ist den Filmemachern ein echtes Anliegen, sagt Thu Thu Shein. „Alle meine Arbeiten sind eng verbunden mit Myanmar. Und ich denke, dass es so auch den anderen Künstlern geht, sie wollen hier leben und den Leuten etwas geben.“ Mit anderen Worten: „Wir sind verpflichtet, das zu tun.“

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 41/14.