Ich bin Sachsen

Porträt Candido Mahoche ist Bierbrauer, Fußballtrainer und Stadtrat in Freital. Während der Rassismus eskaliert, glaubt er an Diplomatie und Disziplin
Cara Wuchold | Ausgabe 35/2015 8
Ich bin Sachsen
„Man darf die Wut nicht anfachen“, glaubt Candido Mahoche
Foto: Robert Gommlich für der Freitag

Mit goldener Trucker-Sonnenbrille, in kariertem Hemd und kurzer Jeans steht er am Treffpunkt Dresden Hauptbahnhof. Von hier aus sind es nur ein paar Kilometer bis Freital, jenem Ort in Sachsen, an dem die Hetze gegen Geflüchtete und Gewalt gegen ihre Unterstützer seit einer Weile besonders ausgeprägt sind. Candido Mahoche schaut noch kurz im Marché-Restaurant in der Bahnhofshalle vorbei, dem Hauptsponsor seiner Fußballnachwuchsmannschaft, doch die Chefin ist nicht da. „Bestellen Sie Grüße von Hainsberg, dann weiß sie Bescheid“, sagt er. Hainsberg heißt sein Heimatsportverein.

Candido Mahoche kam Anfang der 80er Jahre aus Mosambik nach Sachsen, er ist geblieben und Bierbrauer, Politiker und Fußballtrainer geworden. Seit der Hass gegen Geflüchtete eskaliert, versucht Mahoche zu vermitteln. Freital, die 40.000-Einwohner-Stadt im östlichen Erzgebirge, wirkt an diesem Sonnabend wie ausgestorben. Im Zentrum existieren kaum noch Einzelhändler, und in Dresden ist an diesem Wochenende Stadtfest, „da sind wahrscheinlich viele hin“. Mahoche zeigt auf ein rotes Backsteinhaus, dort hat der 56-Jährige früher mal gewohnt. Inzwischen besitzt er ein Eigenheim.

Mahoche lenkt seinen Wagen durch den aufgeräumten Stadtkern. Vorbei am Rathaus, am ehemaligen Kreisgericht, am Kulturhaus – seit einer skandalösen Bürgerversammlung kennt man es aus den Medien. „Die würden mich hier nie angreifen, niemand“, sagt er, ungefragt. „Vielleicht jemand von außen, aber aus Freital? Nie.“ Mahoche fährt weiter zum ehemaligen Hotel Leonardo, das als Erstaufnahmestelle für Geflüchtete bekannt wurde. Tagelang standen sich vor dem langgestreckten dreigeschossigen Gebäude Gegner des Flüchtlingsheims – darunter viele Rechtsextreme – und Befürworter gegenüber.

Heute herrscht zwischen den angrenzenden Plattenbauten Leere. Mahoche parkt das Auto, steigt aus, begrüßt die Security und bestellt auch hier „Grüße von Hainsberg“ an die Leiterin der Aufnahmestelle, als wäre er verschmolzen mit dem Verein. Er würde sich gern dem Fußball widmen, aber wohin er zurzeit auch in Freital kommt, ein Themenkomplex dominiert: Migration, Geflüchtete, Asyl. Zuletzt wurde in Freital auf das Auto eines Stadtratmitglieds der Linkspartei ein mutmaßlicher Sprengstoffanschlag verübt. „Das hat mich natürlich geschockt“, sagt Mahoche. Seine Frau, eine gebürtige Freitalerin, mache sich allerdings noch mehr Sorgen. Candido Mahoche ist Stadtrat, wie der Linken-Politiker, allerdings für die CDU, und sitzt seit einem Jahr im Ausschuss für Kultur und Sport. „Als Politiker darf man die Wut der Menschen nicht anfachen, man muss mit ihnen reden, schließlich haben sie uns ja gewählt.“

Der Braumeister

Nächster Halt Hainsberger Sportverein. An einem Biertisch, am Rand des Fußballfelds, erzählt er von seiner Kindheit. Ohne Vater, die Mutter Analphabetin, ist er in armen Verhältnissen auf einer Plantage in Südostafrika aufgewachsen. Candido, sagt er stolz, bedeutet „ehrlicher Mann“. Spät kam er in die Schule, er absolvierte die zehnte Klasse und ging danach in die Landwirtschaft. Bis er das Angebot von DDR-Vertretern erhielt, er könne in einem Getränkekombinat arbeiten. Ein Regierungsabkommen mit Mosambik ermöglichte jungen Leuten eine Lehre, die Ausbildung sollte später beim Aufbau der Heimat nützlich sein. Mahoche sah seine Chance und zog aus dem Bürgerkriegsland in eine neue Welt. Mit 22 Jahren landete er als einer von 30 Afrikanern in Sachsen und wurde Lehrling in der Freitaler Brauerei.

Dort fällt der Blick nun auf die Leerguttürme und die riesigen silbernen Tanks. Als einer der Braumeister hat Mahoche den Gärprozess zu kontrollieren. „Das war keine schöne Atmosphäre damals“, erinnert er sich, „da gab es auch Proteste.“ Mit sechs anderen Afrikanern teilte er sich eine Dreiraumwohnung in einem Häuserblock. Von den einheimischen Nachbarn wurden sie misstrauisch beobachtet. Wenn sie mit den Angestellten des Wohnheims unterwegs waren, hörte er schwer fassbare Sätze wie: „Da kommt die deutsche Schlampe mit den schwarzen Schweinen.“ Kann man das vergessen? Mahoche schweigt. Er könne aber auch verstehen, sagt er dann, dass die Leute sie dort nicht haben wollten. Deren Kinder hätten nachts manchmal nicht schlafen können, weil sie so laut gewesen seien. Doch wer sich nicht an die Regeln hielt, wurde bald zurückgeschickt. „Zu Recht“, betont er. Anpassung als Überlebensstrategie – Candido Mahoche wurde eine Art Vorzeigeimmigrant. „Ich wollte unbedingt einen Beruf erlernen, deswegen habe ich mich sofort integriert. Und einen schönen Beruf habe ich bekommen!“, sagt Candido Mahoche mit leicht sächsischem Akzent. Das Bierbrauen mache ihm große Freude, auch wenn er selbst nur mal am Wochenende Bier trinkt. Der erste schwarze Braumeister Sachsens zu sein, ist das nicht zugleich auch ein Stigma? Ja, aber das störe ihn nicht. „Es zeigt trotzdem, dass die Menschen mich respektieren, so wie ich bin. Und darauf bin ich auch ein bisschen stolz.“

Aber irgendwas hat sich in Freital doch verändert? Mahoche zögert. Ja, die Freundlichkeit habe „mit den Flüchtlingsdebatten schon nachgelassen“, gibt er schließlich zu. Manche grüßten ihn nicht mehr, gelegentlich höre er sogar Affengeräusche hinter sich. „Was soll ich dazu sagen?“ Er reagiere einfach nicht darauf. „Es gibt immer ein paar Idioten. Und viele normale Menschen, in Freital und auch anderswo.“ Mahoche spricht nicht von Hass, Rassismus, Menschenverachtung. Mahoche sucht nach Erklärungen. Die Leute seien unzufrieden und suchten dann jemanden, an dem sie das auslassen könnten. Durch die Flüchtlinge werde die Frustration sichtbar.

Offener Rassismus

Zuletzt explodierte in Freital in der Sächsischen Schweiz das Auto eines Kommunalpolitikers der Linken. Unbekannte hatten Ende Juli einen mutmaßlichen Sprengstoffanschlag verübt, der Wagen gehörte Michael Richter, dem Fraktionsvorsitzenden der Linken im Freitaler Stadtrat.

Wegen anhaltender Proteste gegen eine Unterkunft für Asylbewerber ist Freital in den vergangenen Monaten immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Im Februar 2015 wurde bekannt, dass das örtliche Hotel Leonardo umgebaut werden soll. Vor dem sächsischen Erstaufnahmezentrum, das etwa 400 Geflüchteten Platz bieten kann, haben sich daraufhin über mehrere Monate Rassisten und Rechtsextremisten versammelt. Ihnen standen hunderte Gegendemonstranten gegenüber. Eine Bürgerversammlung zum Thema Asyl Anfang Juli wurde mit Hetztiraden gestört und eskalierte vollends. Versammlungsteilnehmer, die sich für die Flüchtlinge eingesetzt haben, sind von anderen niedergebrüllt und mundtot gemacht worden, indem ihnen das Mikrofon weggenommen wurde. Auf Facebook wird der Rassismus zusätzlich befeuert, etwa auf der Seite Freital wehrt sich. Nein zum Hotelheim. Dort werden Ängste mit sogenannten Fakten über Asylbewerber geschürt, man beschimpft die geflüchteten Menschen außerdem als „Schmarotzer“ und „Kriminelle“.

Hasskommentare und rechtsradikale Foren verbreiten gefälschte Meldungen, die suggerieren sollen, dass es den Migranten unverhältnismäßig gut gehe. Ein vor kurzem ausgestrahlter Bericht der Reportagesendung Spiegel-TV hat gezeigt, dass viele Kommentatoren inzwischen sogar unter ihrem Klarnamen posten. Maxi Leinkauf

„Das geht nicht gegen dich, Candido“ – den Satz hat er von Ex-Pegida-Chef Lutz Bachmann gehört, der in einem Nachbarort wohnt und den er vom Fußball kennt. Mahoches Ton wird etwas zynisch, als er Bachmann zitiert, man spürt, dass er den Satz für wenig glaubhaft hält. Den Freitaler Stadtverantwortlichen wirft er vor, sie hätten ihre Bewohner nicht richtig auf die Flüchtlinge vorbereitet und viel zu langsam auf die von Pegida und Neonazis unterstützte Ausschreitungen reagiert. Erst jetzt versuchten sie alle gemeinsam, „die Leute mit ins Boot zu holen“. Mahoche zeigt aber auch Verständnis für die andere Seite. „Natürlich haben die Leute ein Recht, zu fragen: Warum ist hier jemand aus Tunesien, wenn in Tunesien kein Krieg ist? Ich kann das nicht beantworten, aber es gibt ein Grundgesetz, die Fälle werden geprüft und dann genehmigt – oder eben nicht.“ Und was sagt er, wenn Freitaler zu den Medien sagen, die Geflüchteten nähmen ihnen Gelder weg? „Das ist einfach Quatsch.“ Doch wenn er gefragt wird, warum die alle Handys hätten, nimmt er sich Zeit und bringt seine eigenen Erfahrungen ein. „Ich habe mir heute am Bahnhof eine Handykarte für fünf Euro gekauft, weil ich mit meinem Bruder telefonieren will und das über das Festnetz zu teuer ist. Genau das Gleiche machen die Geflüchteten.“

Solche Erklärungen können auch etwas schärfer klingen: „Wenn die kommen und denken, dass sie alle in den Arm nehmen – das können die sich abschminken. Ich habe auch nicht darauf gewartet, dass jemand an die Tür klopft und sagt: Du armer schwarzer Mann aus Afrika, du bist willkommen.“ Die Asylbewerber müssten auch zeigen, „dass sie wollen“, für Mitleid sei da kein Platz. Candido Mahoche glaubt, dass man als Ausländer besonders diszipliniert sein muss, das habe er schon von seiner Mutter gelernt.

Jetzt schlurft er in gelben Flip-Flops über das Vereinsgelände des Hainsberger SV, wo er seit den 80er Jahren Fußball spielt. „Nimm die Füße hoch!“, ruft ein Mann von weitem, es ist Steffen Göbel, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende. „Candido ist eine Frohnatur“, sagt Göbel, „wer mit ihm nicht klarkommt, hat selber ein Problem. Und er hat relativ schnell Deutsch gelernt, das hat mir gefallen. Nicht alle Migranten machen das so.“ Man merkt, die beiden kennen sich schon lange. Mahoche, der bald Übungsleiter wurde, trainiert bis heute die Bambini, bei denen er ebenfalls wenig Nachsicht zeigt. „Sie hören auf mein Kommando. Sie ziehen sich um, machen sich warm, wenn ich das sage, und sehen immer ordentlich aus.“ Die Ausstattung verdanken sie den Sponsorenverträgen, die Mahoche ausgehandelt hat. Dass er die Nachwuchsfußballer im Griff hat, bedeutet ihm viel, weil es nach außen wirkt. „Dann kommt kein skeptisches Wort, oh, der Schwarze, sondern: Der schwarze Trainer mit seinen Kindern kommt, wie schön!“ Er habe eben seine eigene Art, die Dinge umzusetzen, sagt Steffen Göbel. Candido gehe immer den geraden Weg, auch wenn das nicht allen passt.

Der Trainer

Wir fahren nach Pirna zum Spiel um den Sachsenpokal. Bei Stahl Riesa kickt Mildo Marques, ein ehemaliger Mahoche-Schützling, der Vater kommt aus Mosambik. Auf dem Weg zum Spielfeld fängt Mahoche ihn ab und flüstert ihm etwas ins Ohr. Ein Tor fällt, Mahoche jubelt, Pirna gewinnt am Ende mit 5:2. Nach dem Match kommen Spieler und begrüßen Mahoche, Marques erzählt von ihrer gemeinsamen Zeit. „Er war beliebt bei den Kids, vielleicht ein bisschen streng. Aber nicht zu streng.“

Seit mehreren Jahren ist Candido Mahoche auch Integrationsbeauftragter für den Landessportbund Sachsen. Beim Turnier in diesem Juli waren auch die Geflüchteten aus dem ehemaligen Hotel Leonardo dabei, sie stellten zwei von zehn Mannschaften. Gab es Vorbehalte im Verein? „Nein, die haben ja mich, die kennen mich seit vielen Jahren und haben gesagt: Wenn die so sind wie du, kein Problem.“ Mahoche lacht. „Ich wollte, dass die Asylbewerber und die Einheimischen nach dem Spiel zusammen am Tisch sitzen, miteinander reden, damit die wissen, wer hier bei uns in Freital ist. Und damit auch die Asylbewerber wissen: Wie kann ich mich hier verhalten, wie benehmen, an wen kann ich mich wenden?“ Ein Grillfest wurde organisiert, Mahoche schenkte den Migranten Hainsberger-SV-Trikots. Für Oktober ist ein weiteres Integrationstunier geplant, diesmal nur für die Kinder. Mahoche hat mit allen Nachwuchstrainern in Sachsen gesprochen. „Ja, wir machen das, Candido, haben die gesagt.“

Mosambik ist Candido Mahoche ziemlich fern geworden. Sein Bruder lebt noch an der Seite der Mutter, die Plantage läuft gut. Mahoche unterstützt sie mit Geld, und alle paar Jahre fährt er hin, beim letzten Mal war auch die Tochter dabei. Und manchmal trifft er alte Freunde, die mit ihm nach Sachsen gekommen und geblieben sind. Dann wird wenigstens mosambikanisch gekocht.

11:00 28.08.2015
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