Cara Wuchold
Ausgabe 1913 | 22.05.2013 | 01:00 1

In der stillgelegten Kathedrale der Arbeit

Ausstellung Brigitte Kraemer hat zwischen Autowerkstätten und in Schlachthöfen religiöse Rituale im Ruhrgebiet fotografiert. Ihre Fotos erzählen auch etwas über die Verweltlichung

Den Hindu-Tempel in Hattingen muss man erstmal finden. Er ist untergebracht in einer ehemaligen Werkshalle am Rande eines Gewerbeparks. In den Werkstätten nebenan werden Maschinen gebaut, Autos lackiert. Die Dokumentarfotografin Brigitte Kraemer hat ihn durch eine tamilische Tänzerin am Theater in Oberhausen entdeckt. Auf Kraemers Bildern ist die Umgebung zwischen all den Opfergaben, Wickelröcken und Bindis allerdings kaum auszumachen. Einzig ein knallbuntes Planschbecken, in dem sich stattliche Männer einer rituellen Waschung unterziehen, sorgt für Irritation. Der erste Eindruck: Reisefotografie. Nur dass Hattingen nicht auf Sri Lanka liegt, sondern im Ruhrgebiet.

Verstaubt statt vertraut

Kulturelles Fremdland betreten, das zeigen Brigitte Kraemers Bilder, können wir auch dort. Sie fotografiert einen Schlachthof zur Zeit des islamischen Opferfestes in Herten, die Teezeremonie japanischer Buddhisten in Düsseldorf, jüdische Priester in Dortmund mit Kippa über Thorarollen gebeugt. Im guten Glauben ist der Titel der Foto-Serie, ein Ausschnitt daraus ist zur Zeit in der Zeche Hannover in Bochum zu sehen. Sie hängen im ehemaligen Förderturm des Industriedenkmals, das Teil des Westfälischen Landesmuseums für Industriekultur ist. Religiöses Leben in einer stillgelegten Kathedrale der Arbeit.

Die religiöse Vielfalt in Deutschland ist groß, nur nimmt man selten etwas davon wahr. Von präsidialen Worten oder Streits um Minarette einmal abgesehen. Und auch die christlichen Rituale wirken auf den Fotos eher verstaubt als vertraut. Die Szene im Auto mit einer polnischen Christin, Madonnenstatue auf dem Schoß, hinter ihr ein Mann, der ein großes Jesuskreuz hält, aufgenommen nach einer Prozession zum Gedenken an die Heilige Fatima, wirkt wie ausstaffiert. Normalität spricht nicht aus diesem Bild, eher schleicht sich der Gedanke an die eifrige Missionarin in Ulrich Seidls Film Paradies: Glaube ein. Kraemers Bilder zeigen: Exotisch muten nicht nur ostasiatische Zeremonien an, sondern Religionen an sich. Insofern erzählen die Fotos auch etwas über die Verweltlichung.

„Den Menschen zu zeigen, wie die Ferne aussieht, das ist einfach nicht mehr Aufgabe von Fotografen“, befindet Brigitte Kraemer. „Da gibt es jetzt andere Medien, das ist alles jederzeit abrufbar. Mein Auftrag ist es, das Leben und den Alltag da festzuhalten, wo ich lebe.“ Geboren 1954 in Hamm, ist das bei ihr schon immer und noch das Ruhrgebiet. Ein vielfältiger, sich stetig verändernder Ballungsraum, in dem sie alles findet, was sie für ihre Bilder braucht. Hier kennt sie sich aus. Als sie in Herne erstmals die syrisch-orthodoxe Frühmesse in einer ehemaligen evangelischen Kirche besuchte, entdeckte sie ihre Änderungsschneiderin mit einem Spitzenkopftuch in der zweiten Reihe. Auf ihre griechische Zahnärztin traf sie dann bei den Griechisch-Orthodoxen. Nach ihrem Studium an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen-Werden machte sie zwar einen kurzen Abstecher nach Hamburg, aber ein Stipendium der Kulturstiftung Ruhr holte sie schnell zurück. Sie bekam den Auftrag, ein Jahr lang die Migranten in der Region zu porträtieren. Dabei entdeckte sie ihre Liebe zur Langzeitreportage.

Was am Rande passiert

Kraemer verbrachte viel Zeit in türkischen oder polnischen Familien, um deren Leben zu begreifen, inszenierte nichts und wartete geduldig auf eine passende Situation. Für sie heißt das: Eine Situation, in der eine Bildkomposition entsteht. „Ich habe eine relativ kleine Kamera, eine Leica M6, da fotografiere ich so nebenbei“, sagt Brigitte Kraemer. Sie arbeitet ohne Blitzlicht und auch heute noch analog. „Man muss allerdings aufpassen, dass man alles im Blick hat, muss auch sehen, was so am Rande passiert.“

Länger als geplant beschäftigte sie sich auch mit ihrer bekanntesten Fotoreihe Friedensengel (2003) über das Friedensdorf in Oberhausen – eine Hilfseinrichtung, in der kriegsverletzte Kinder für die Dauer ihrer medizinischen Behandlung in Deutschland unterkommen. Ursprünglich handelte es sich um eine Auftragsarbeit für das Magazin Max. Zwei Tage lang fotografierte sie schwer verletzte Ankömmlinge aus Afghanistan. „Das war nicht schlecht, wir haben auch 70.000 Euro Spendengelder für das Friedensdorf zusammen gekriegt, aber mir war das alles zuviel.“ Sie konnte das Leiden der Kinder nicht so schnell verarbeiten, organisierte sich eine Projektförderung bei der VG Bild-Kunst und begleitete das Leben dort ein weiteres halbes Jahr.

Im Gegensatz zu den aktuell ausgestellten Bildern fotografierte sie Friedensengel in Schwarz-Weiß. Um weder die Räumlichkeiten noch die oft bunt bedruckte Secondhand-Kleidung in den Blick zu nehmen und konzentrierter bei den Kindern zu bleiben. Dass sie es schafft, trotz schwerster Verletzungen, Verstümmelungen und Verätzungen an Körpern und in Gesichtern, die Gefühle und die Persönlichkeit der Kinder zu zeigen, das zeugt von ihrem Einfühlungsvermögen und ihrer Geduld. Es folgten eine Stern-Reportage, die Nominierung für den Henri-Nannen-Preis und noch mehr Spenden für das Friedensdorf aufgrund der medialen Aufmerksamkeit, „so dass ich wirklich mal das Gefühl hatte, ich habe geholfen, was ja eigentlich selten ist“, so die Fotografin.

Kraemer öffnet den Blick für soziale Randlagen, sie fotografierte in Asylantenwohnheimen, Mädchen auf Trebe oder Jugendliche, die Lösungsmittel schnüffeln. Aber auch Populäres wie Mann und Auto oder die berühmten Trinkbuden im Ruhrgebiet. Und es gibt Menschen und Themen, zu denen kehrt sie zurück. Schon in ihrer Examensarbeit 1982 widmete sie sich Frauen im Frauenhaus. Kontakte, die sie 1991 in einer Herner Einrichtung knüpfte, bestehen bis heute. In den letzten Wochen verbrachte sie ihre Zeit im Essener Frauenhaus und wird noch in weitere Städte gehen.

Zurückgekehrt ist Brigitte Kraemer auch zum Tempelfest in Hattingen. Im zweiten Jahr hatte das Planschbecken ein Loch, da stand dann jemand ständig mit der Pumpe parat. Wer zwischen Kfz-Werkstätten betet, der beherrscht wohl die Kunst der Improvisation – wie viele gläubige Zuwanderer im Ruhrgebiet, die sich ohne religiöse Infrastruktur provisorische Gebetsräume suchten, sei es in Wohnheimen, Hinterhöfen oder eben im Gewerbegebiet.

Im guten Glauben Zeche Hannover, Bochum, bis 30. Juni 2013

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 19/13.

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