Unsicherer Boden

Ausstellung Die Künstler des Informel wollten allem Ideologischen widerstehen. Wie radikal sie den Werkbegriff nach dem Zweiten Weltkrieg weiteten, zeigt „All I Think About Is You“
Unsicherer Boden
Wo fängt Kunst an, wo hört sie auf? Installationsansicht mit Michael Buthe, Armando Mesías und Renaud Regnery (Detail)

Courtesy Galerie Georg Nothelfer, The Artists, Klemm’s. Foto: Katrin Rother

Was wissen wir denn schon? Ein nicht ganz ungefährlicher Satz in Zeiten gesellschaftlicher Grabenkämpfe, die nicht zuletzt darauf beruhen, dass Fakten durch Behauptungen ins Wanken gebracht werden. Aber auch eine gute Frage, denn aufgrund der Fülle an Informationen fußen unsere Überzeugungen oft auf dem Vertrauen in Spezialisten, die zumindest ihren Fachbereich durchdringen. Universalgelehrte gibt es ja längst nicht mehr.

Die Fallen Gardens (2013/2021) der Künstlerin Jenny Michel werfen diese Frage auf. Das Werk ist als Kritik zu verstehen, weniger an der Wissenschaft als unserer Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten in einer komplexen Welt. Lange, schmale Textbahnen ergießen sich wie ein Wasserfall von der viereinhalb Meter hohen Decke des Ausstellungsraums der Galerie Georg Nothelfer in Berlin. Michel hat die Informationen darauf mithilfe von Klebebändern aus Enzyklopädien abgezogen. Denn vieles darin ist überholt. Zurück bleiben leere Buchseiten, die sich wiederfinden in kleinformatigen Collagen, die sie Hidden Encyclopedia (2020) nennt.

Abstraktion statt Realismus

Wie aber ist sicherer Boden wiederzugewinnen? Diese Frage stellt sich in Krisenzeiten immer wieder neu. Der Maler Gerhard Hoehme war damit nach dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert. Nothelfer nahm ihn schon in den 70ern neben Emil Schumacher, Walter Stöhrer oder Arnulf Rainer auf in sein Programm, das sich konzentrierte auf die sogenannten Informellen. Die wollten vor allem eins: allem Ideologischen widerstehen. Das bedeutete auch weg vom Realismus hin zur Abstraktion.

Die Ausstellung All I Think About Is You – eine Kooperation mit den Kunstsaelen Berlin – zeigt sie jetzt zusammen mit jungen Positionen. Sie ist der erste große Aufschlag der Galerie nach dem Tod Nothelfers im vergangenen Jahr, initiiert von Vera Ehe, langjährige Mitarbeiterin, die die Galerie mit Irene Schumacher weiterführt.

Kurator Michael Müller hat Hoehmes von grauen Farben dominiertes Oktagon mori-mori (1985) auf eine graue Wand gehängt, was die weißen, gebogenen Linien und das sparsam eingesetzte Gelb umso mehr betont. Wahrnehmungsprozesse zu verschieben, darum geht es Müller in dieser Ausstellung. Hoehme hatte sich mit seinen „shaped canvases“ vom rechteckigen Tafelbild verabschiedet und tastete sich mit Schläuchen oder Drähten zugleich in den Raum vor. Solche Befreiungsschläge interessieren Müller an den Informellen, heute selbstverständliche Voraussetzung für alles künstlerische Schaffen. 100 Jahre Kunstgeschichte liegen zwischen dem ältesten und dem jüngsten Künstler in der Ausstellung. Wie radikal die Informellen den Werkbegriff weiteten, zeigt sich auch daran, dass hier gar nicht so leicht nachzuvollziehen ist, wer zu welcher Generation gehört.

Auch die Materialien ändern sich nach dem Krieg. „Auf einmal finden wir so Dinge wie das Millimeterpapier“, sagt Müller. „Das hat auch etwas mit der Mechanisierung der Welt zu tun.“ Die Künstler arbeiten nun auch auf industriellen Vordrucken, die an sich schon Informationen transportieren. Bei Nothelfer ist die Galeriewand selbst mit rotem Raster tapeziert. Darauf muss sich das ebenso rote Raster auf Renaud Regnerys auf Leinwand gezogener Vintage-Küchentapete (FTPTG, 2016) nun behaupten. „Das ist auch eine Frage, die in dieser Zeit aufkommt“, sagt Müller: „Wo beginnt ein Werk und wo hört es auf?“

Bei Michael Buthe waren Künstler und Kunstwerk kaum mehr auseinanderzuhalten. Alltagsfragmente brachte er in eine künstlerische Form. In der Ausstellung ist er mit zarten Zeichnungen auf Collagen (Untitled, 1967) aus Abrisspapier, leichtem Karton und Klebestreifen zu sehen. Auf Durchschlagpapier greift die Künstlerin Nadine Fecht zurück. „Ich Ideal“, so auch der Titel der Zeichnung (2018), steht da in Großbuchstaben in scheinbar endloser Reihung und abnehmender Stärke auf leicht versetzt und akribisch übereinandergelegten, transparenten Archivbögen. Pro Zeile einmal in herkömmlicher Schreibweise, einmal spiegelverkehrt. Eine mantraartige Beschwörungsformel, die viel erzählt über unsere Gegenwart. „Wir leben in einer absolut barocken Zeit, wo man nach außen blendet, sich selbst blendet und sich blenden lässt“, sagt Vera Ehe. „Der daraus entstehende Druck kommt hier zum Tragen.“

Eine Wechselbeziehung beschreibt auch der Ausstellungstitel All I Think About Is You. „Kunst ist eine Sprache und da macht es Sinn, dass ich ein Gegenüber habe“, sagt Michael Müller. „Die Kunst findet in unserem Kopf oder Gefühl statt und nicht an der Wand. Wenn das Bild keinen Menschen kennt, dann hängt es nur da und ist nichts.“ Den informellen Künstlern sei oft vorgeworfen worden, sie hätten bloß Inneres visualisiert, sagt Ehe. „Das ist natürlich emotional. Die haben ja auch ordentlich was zu verarbeiten gehabt nach dem Krieg, die große Geste ist da – und trotzdem hat es auch etwas sehr Kontrolliertes, ist komponiert.“ So lässt sich viel lernen in dieser mutig und genau kuratierten Ausstellung. Das Unwissen, das bleibt, gilt es auszuhalten.

Info

All I Think About Is You Galerie Georg Nothelfer, Berlin, bis 26. Juni 2021

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06:00 26.05.2021
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Ausgabe 25/2021

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