Was fliegt denn da?

Fotografie Von der Selbstüberwachung bis zur gezielten Bloßstellung der Überwacher: Zwei Berliner Institutionen zeigen, wie Fotografen mit diesem Thema umgehen

Zehn Euro kostet der Eintritt zur Ausstellung Watched! bei C/O Berlin. Es sei denn, man schnallt sich die Kamerainstallation des Künstlerkollektivs Üb3R um und willigt ein, sich während seines Ausstellungsbesuchs beobachten zu lassen – und die Aufnahmen ins Internet zu streamen. Umsonst gibt es also nichts. Daten sind längst zu einer eigenen Währung geworden. Und die Kostenloskultur im Internet ist nur ein dummer Traum.

Wie reagieren zeitgenössische Künstler auf die allgegenwärtige Überwachung? Dieser Frage geht C/O Berlin gemeinsam mit der Ausstellung Watching You, Watching Me im Museum für Fotografie nach. Neben den Zeitgenossen wird das Thema hier zudem historisch aufgefächert. Beginnend mit einem Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert, der eine Landschaft zeigt, in der das Feld Augen und der Wald Ohren hat, bis hin zu einer Fotoserie aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv, die lehrt, wie man eine Spionagekamera trägt.

Eine künstlerische Strategie im Umgang mit Überwachung ist die Kollaboration als Akt der Rebellion. Die raumhohe Installation Thousand little Brothers des US-Amerikaners Hasan Elahi setzt sich aus Zehntausenden von Fotos aus seinem Alltagsleben zusammen: Orte, die er besucht, Toiletten die er aufgesucht, Essen, das er gegessen hat. Seitdem er 2002 irrtümlicherweise terroristischer Aktivitäten verdächtigt und sechs Monate lang vom FBI untersucht worden war, begann Elahi sich selbst zu überwachen und flutet die Sicherheitsbehörde bis heute mit persönlichen Informationen (Freitag 33/2013).

Ähnlich Ai Weiwei, der 2011 nach seiner Haftentlassung von der chinesischen Behörden 24 Stunden am Tag überwacht wurde. Der Künstler installierte selbst weitere Kameras im Schlafzimmer und anderen Privaträumen, die dem Staat noch verborgen blieben, und veröffentliche die Livebilder auf einer Webseite. Diese Selbstüberwachungsprojekte generieren zwar Aufmerksamkeit, wirken aber dennoch wie ein hilfloser Akt, der staatliche Praktiken zwar punktuell offenlegen mag, ihnen sonst aber wenig entgegenzusetzen weiß. Zumal wir seit Edward Snowdens Enthüllungen im Jahr 2013 wissen, dass die Privatsphäre quasi abgeschafft ist.

Vogelbeobachtung heute

Der italienische Künstler Paolo Cirio dreht den Spieß um. Er zerrte hochrangige US-Geheimdienstler in die Öffentlichkeit, indem er Porträts von ihnen, die er in den sozialen Medien aufspürte, als Graffitis an Häuserwände in London, Paris oder Berlin sprühte. Einen weniger satirischen Umgang mit der Überwachungsrealtität findet der US-amerikanische Künstler und Geograf Trevor Paglen. Er zeigt zunächst eine unschuldig wirkende Küstenlandschaft bei Marseille. Eine Seekarte daneben offenbart allerdings: Hier laufen Glasfaserkabel zusammen, die einen Großteil des weltweiten Internetverkehrs über den Grund der Weltmeere leiten. Paglen ergänzt die Wandinstallation durch interne Dokumente aus dem Snowden-Archiv. Der legte bloß, dass es dem britischen Geheimdienst mit Unterstützung der NSA gelungen war, Zugang zu diesem Kabelsystem zu bekommen, das Europa und Asien miteinander verbindet. Der Snowden-Schock sitzt tief, und doch ist es erstaunlich, wie wenig solche Arbeiten aufwühlen. Jede neue Aufdeckung erscheint wie ein Schicksal, in das man sich fügt. Immerhin: Das meist Unsichtbare nimmt Gestalt an. Nur erahnen lässt sich aber, was alles topsecret bleibt.

Wie Paglen benutzt Julian Röder in seiner Serie Mission and Task dokumentarische Strategien im Umgang mit Überwachung. Seine Fotografien zeigen Polizisten einer griechisch-bulgarischen Frontex-Einheit und die Technik, mit denen die Europäische Union ihre Grenzen kontrolliert. Darunter ist eine an einem Zeppelin befestigte Hochleistungskamera, sie ist Teil eines Forschungsprojekts im Rahmen von Eurosur (European External Border Surveillance System), um die Überwachung des Mittelmeerraums kostengünstiger und weiträumiger zu gestalten.

Ruben Paters Drone Survival Guide kommt wie ein Vogelführer daher – der Künstler spricht von „21st Century Birdwatching“. Auf seinem Infoblatt hat er verschiedene Drohnentypen abgebildet und markiert, ob sie zu reinen Aufklärungszwecken oder auch zu Angriffen eingesetzt werden. Auf der Rückseite erklärt Pater verschiedene Techniken, sich vor Drohnen zu verstecken, wie Schutz von Bäumen und Gebäuden zu suchen, die Kamera mit reflektierenden Materialien wie Spiegeln zu irritieren oder auf starken Wind oder Regen zu warten, denn dann funktionieren Drohnen nicht.

Gibt es also doch ein Entkommen in unserer auch von Unternehmen durchgescannten Welt? Wie entflieht man häufig unsichtbaren und übermächtigen Überwachungssystemen? Hito Steyerl hat in ihrer Videoarbeit How Not to be Seen: A Fucking Didactic Educational .Mov File ein paar Lektionen parat, sich unsichtbar zu machen, zum Beispiel: in einer Militärzone leben, ins Darknet gehen, Superheld oder eine Frau und über 50 sein.

Info

Watched! Surveillance, Art and Photography C/O Berlin, bis 23. April

Watching You, Watching Me Museum für Fotografie Berlin, bis 2. Juli

06:00 08.03.2017
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