Cara Wuchold
Ausgabe 3014 | 06.08.2014 | 06:00

Wattebäusche gegen die Sirenen

Performance Mit "Meeting the Odyssey" kreuzt ein Künstlertrupp quer durch Europa. In Berlin bezaubert er leider nur bedingt

Berlin liegt nun mal nicht am Meer. So ist das große weiße Segelschiff – Herzstück des schwimmenden Theaterprojekts Meeting the Odyssey – in Rostock vor Anker gegangen. Im Mai 2014 gestartet, ist es drei Sommer lang von der Ostsee bis zum Mittelmeer, von Sankt Petersburg nach Athen unterwegs. An Bord reisen europäische Künstler. Neben vier großen Theaterproduktionen sollen lokalspezifische Performances entstehen. Stopps in zwölf Ländern sind vorgesehen, und nach Estland und Polen besucht die Künstlercrew nun eben Berlin. Herauszufinden gilt es, so das selbst formulierte Ziel der Truppe, was das krisengeschüttelte Europa heute noch zusammenhält. Gefördert aus Kulturtöpfen der EU, ist Theater hier als humanitäre Hilfe und kulturelle Brücke zum gegenseitigen Verständnis gedacht.

In Berlin ist der eindrucksvolle Zweimaster also nicht zu sehen. Da liegt vielmehr das Boot „Jimmy“ – wesentlich kleiner und ohne Segel – in der Spree, direkt vor dem Kulturzentrum Radialsystem V, denn hier startet die Bootstour „Instant Berlin“. Zehn Tage hatte der mitreisende italienische Regisseur Michele Losi Zeit, mit dem Berliner Cast eine Performance zu erarbeiten. Jetzt schaukeln die Zuschauer das Ufergelände des umstrittenen Investorenprojekts Mediaspree entlang. Wo temporär genutzte Brachen waren oder sind, werden unzählige Büros, Eigentumswohnungen und Hotels entstehen. Das also ist die Kulisse für die in den Berliner Alltag verwobenen Szenen aus Homers Odyssee. Angelehnt an diesen ersten europäischen Klassiker, soll es um Heimat, Sehnsucht oder Reiselust gehen.

Mein Gott, die Scorpions

Auf dem Boot werden die Zuschauer eingeschworen auf die gemeinsame Reise. Die schöne Penelope – durch einen Vorhang abgeschirmt, blaue Augen, rosarotes Kleid – beteuert glaubhaft gegenüber jedem, der sie aufsucht, sie hätte nur auf ihn gewartet: „Where have you been? Why did it take so long for you to get here? I was waiting for you.“ Begleitet und umsorgt werden die Passagiere auch von Charon, dem Fährmann des Hades, der die Seelen der Verstorbenen ins Jenseits führt. Seine Sicherheitsweste über der Spitzenbluse ist so orange wie die große Zierfeder an seinem Hut. Er bittet darum, sich gegenseitig an die Hand zu nehmen, sich auszutauschen über seinen Heimatbegriff, und er verteilt Wattebäusche gegen die Rufe der Sirenen.

Entlang des Wegs stemmen Performer sich gegen die East Side Gallery, die bunt verzierten Reste der Mauer. Sie versuchen das historische Mahnmal zu erklimmen – und scheitern. „Wind“ haben die Macher von „Instant Berlin“ diese Station genannt. Und da wir uns spielerisch durch die Odyssee bewegen, sei hier Aiolos, der Gott der Winde, erwähnt, zu dessen Insel Odysseus‘ Schiff – kurz vor der ersehnten Heimkehr nach Ithaka – von dramatischen Stürmen zurückgeweht wird. Hier schweift der Blick der Darsteller am Ende in die Ferne, und ob des Titels schleicht sich unweigerlich die Mauerfallhymne Wind of Change in den Sinn. Als gäbe es dem aktuellen Europa seit dieser Zeitenwende nichts Entscheidendes mehr hinzuzufügen. In dieser Szene jedenfalls drängen sich keine neuen Inhalte auf.

Leicht betört

Vorbei an Odysseus selbst, der trotz Megafon nur schwer Verständliches auf einer Insel mitten in der Spree rezitiert, geleitet Charon die Zuschauer an den Ort, wo einmal die Strandbar KiKi Blofeld war. Von hier sind es nur wenige Schritte bis zum sogenannten Teepee Land. Lars, Däne und einer der internationalen Bewohner, lotst die Zuschauer durch diese von der Stadt geduldete Zeltsiedlung. Vorbei an einer Tänzerin, einer weisen Frau, einer Malerin. Um „Languages“ soll es an dieser Stelle gehen, vielleicht um die gelebte Utopie eines friedlichen Miteinanders – doch vieles bleibt leider im Ungefähren bei „Instant Berlin“. Und spätestens hier drängt sich der Gedanke auf: Die Idee von Meeting the Odyssey ist wohl einfach zu groß, als dass sie in flugs erdachten Theatersplittern an den jeweils angesteuerten immer neuen Orten und mit immer neuen Darstellern aufgehen könnte.

Auf dem Gelände neben der verfallenen Eisfabrik hinter dem Teepee Land warten dann: Trommeln, Gesang, eine Fahrradinstallation – ein trojanisches Pferd? –, magische Fahnen mit schwarzer Tusche bemalt. Hier sind die Choreografien kaum zu trennen von der Szenerie vor Ort. Ein Punk schläft selig vor seinem Zelt. Drei Jugendliche auf einem Lastenfahrrad zeichnen inmitten von grünem Rauch ihre eigene Performance auf Video auf. So bekommen die Szenen von „Instant Berlin“ etwas Beiläufiges und entwickeln trotz Undurchsichtigkeit ihren Reiz.

Der Schiffsparcours endet im Club auf dem Holzmarktgelände neben dem Radialsystem. Odysseus’ Schutzgöttin Athena, mit Physaliskrone statt Helm, fordert die Zuschauer in gebieterischem Ton zum Mitsingen, Mitspielen und Mittanzen auf. Doch ihr strategisches Talent und ihre Durchsetzungsfähigkeit fruchten hier nur bedingt.

Die Theatermacher von „Instant Berlin“ haben sprechende Orte gefunden im sich wandelnden Berlin. Und ihre assoziative Arbeit passt zu deren Unbeständigkeit. Der Zusammenhang zwischen Mythen und Gegenwart bleibt allerdings allzu offen.

Vielleicht ist es die Stärke einer liebenden Penelope, die dem schwankenden Europa Heilung verspricht, dachte man als Zuschauerin leicht betört von ihrer Ansprache auf dem Boot. Doch die internationale Theaterproduktion Waiting for the rain – eines der mitreisenden Stücke von Meeting the Odyssey und an drei Abenden aufgeführt im ehemaligen Stummfilmkino Delphi in Berlin-Weißensee – zeigte dann zu guter Letzt die doch eigentlich so kluge und Odysseus ebenbürtige Gattin als eine von Sehnsucht verzehrte, vergewaltigte, gebrochene Frau.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 30/14.