Die Wunde bleibt

Berlin Art Week Wer kümmert sich eigentlich um wen? Die Ausstellung "YOYI! Care, Repear, Heal" im Berliner Gropius Bau stellt wichtige Fragen
Versehrte Körper: On Silence, 2021, von Kader Attia
Versehrte Körper: On Silence, 2021, von Kader Attia

© Paula Rego/Courtesy Paula Rego und Cristea Roberts Gallery, London

Mal braucht der Mensch Fürsorge, mal ist er in der Rolle der*des Fürsorgenden. Im besten Fall ist beides in Balance. Ein Gefühl dafür zu vermitteln, hat sich die Ausstellung YOYI! Care, Repair, Heal im Berliner Gropius Bau vorgenommen. Wobei „Yoyi“ – der Begriff für eine zeremonielle Zusammenkunft in der Kultur der Tiwi im Norden Australiens – sowohl auf das Prozesshafte als auch auf die Perspektivenvielfalt der Gruppenschau verweist. Das Kurator*innenteam um Leiterin Stephanie Rosenthal hat sich ungewöhnlich viel Zeit genommen, um Fragen der Fürsorge, Reparatur und Heilung kritisch zu hinterfragen, nicht zuletzt in Zeiten einer Pandemie, die uns allen die eigene Verletzlichkeit plötzlich sehr verdeutlicht und das Bewusstsein für den eigenen Körper und sein Umfeld geschärft hat.

Eine indigene Perspektive eröffnet die samische Künstlerin Outi Pieski, die sich mit dem Kolonialismus im skandinavischen Kontext auseinandersetzt. Sie greift in ihrem Werk auf das Kunsthandwerk ihrer Vorfahren, die sogenannten Hornhüte, zurück – die von samischen Frauen getragenen „Ladjo“ wurden von christlichen Priestern dämonisiert und verboten. Sie wurden dann versteckt und später nicht mehr verwendet. Outi Pieski versucht, das verlorene Wissen wiederzubeleben und jüngeren Generationen zu vermitteln. „Einige dieser Hüte sind in der Sammlung des Museums Europäischer Kulturen in Dahlem“, sagt Natasha Ginwala, Kuratorin am Gropius Bau und mitverantwortlich für die Ausstellung. Wichtig sei, die Umstände, unter denen sie entwendet wurden, mitzubedenken. „Es geht um die Genesung eines bestimmten kulturellen Systems und darum, die Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen in Europa zu erneuern.“

Narben sichtbar machen

Wichtig ist das Wie. Dabei hilft auch ein Blick auf das zweite Stichwort: „Repair“ – ein Thema, das sich durch das Werk von Kader Attia zieht, ebenfalls Co-Kurator und selbst Künstler sowie Leiter der diesjährigen Berlin Biennale. „Vorzugeben, dass wir vor die Verletzung zurückkönnten, ist ein Problem, weil es die Zeit verleugnet“, sagte er im Rahmen des viertägigen Festivals Ámà im vergangenen Jahr in Vorbereitung auf die jetzige Ausstellung. Schon dort wurden die Vielschichtigkeit der Themen und die Offenheit des Museums dafür, sich auch mit der eigenen Rolle auseinanderzusetzen, deutlich. Attias Heilungsgedanken schließen die Offenlegung von Wunden mit ein: „Narben erinnern uns daran, dass die Vergangenheit real ist.“ Da sie die Gegenwart prägen, sollten sie sichtbar bleiben. Seine Installation On Silence besteht aus etwa 150 Prothesen für Menschen aus Konfliktzonen, die Körperteile verloren haben, und zehn Paar Schuhen. „Die Reparatur ist keine Metapher“, meint Attia. Sie sei mit der Verletzung für immer verbunden.

Einen feministischen Blick vermitteln Arbeiten der portugiesischen Malerin Paula Rego, die sich mit Frauenrechten und dem weiblichen Körper auseinandergesetzt hat: dem Recht auf Abtreibung, auf medizinische Versorgung, verbunden mit selbstbestimmter Sexualität und Fortpflanzung. Sie schuf 1998 eine Serie großformatiger Frauendarstellungen, kurz vor oder nach einer illegalen Abtreibung: Ihre Figuren sind allein. Trauer und Schmerz, aber auch Entschlossenheit und Stärke spiegeln sich darin. Es lässt sich erahnen, was es dafür braucht. Zunächst Untitled, erhielten sie später den Zusatz The Abortion Pastels – Portugal hatte kurz zuvor in einem Referendum gegen eine Lockerung des Abtreibungsgesetzes gestimmt. Zu sehen sind Pastellmalereien und auch Radierungen der Serie, die Rego nutzte, um die Bilder besser verbreiten zu können. Auch wenn sie vor Jahrzehnten entstanden sind, zeigt allein der Blick in die USA, wie relevant diese Themen heute noch sind.

Wie Outi Pieski setzt sich auch Brook Andrew mit „altem“ Wissen auseinander. Andrew, zeitgenössischer australischer Künstler mit indigenen Wurzeln, der ebenfalls mit eigenen Werken und als Kurator an der Ausstellung mitwirkt, hat mit Betty Muffler und Maringka Burton zwei Aborigine-Künstlerinnen eingeladen. Sie sind anerkannte traditionelle Heilerinnen, „Ngangkari“ in der Sprache ihres Volkes Anangu. Ihr Gemälde Healing Country trägt ihre Berufung schon im Titel. Die mal mit dicken, mal mit dünnen weißen Pinselstrichen oder in Punkten aufgetragene kartografische Malerei zeigt ihren engen Bezug zum Land, aus dem sie kommen, zu dessen Geschichte und ihren Vorfahren, genauso wie Reflexionen ihrer spirituellen Fähigkeiten – auf beeindruckend detailreichen drei mal fünf Metern. Was auch zu dieser Geschichte gehört: Betty Mufflers Eltern starben an Krankheiten, die durch britische Atombombentests in Südaustralien verursacht worden waren, in der Gegend, aus der ihre Familie stammt. Maringka Burton ist ihre Nichte. Als Überlebende dieser menschengemachten Katastrophe bekommt der Heilungsgedanke auch in ihren Werken noch einmal mehr Gewicht.

Inwieweit wir bereit sind, uns auf Sprachen einzulassen, die wir nicht kennen, die nicht unserem rationalen Denkmuster entsprechen, treibt Natasha Ginwala um. Und wie sich Kunstinstitutionen Künstlerinnen wie Betty Muffler und Maringka Burton nähern, ist eine weitere entscheidende Frage. Vor allem mit Respekt, der habe in der Vergangenheit oft gefehlt, meint Brook Andrew, der in diesem Fall als Vermittler fungiert. Zudem sind Fallstricke und Gefahren der Ausbeutung, Zurschaustellung oder Vereinfachung immer mitzudenken.

Messer im Museum

„Sie müssen entschuldigen, aber wenn eine Institution auf mich zukommt und über ‚Care, Repair und Healing‘ redet – das kauf ich ihr nicht ab!“ Der*die Künstler*in Johanna Hedva sagte das auf dem Festival im vergangenen Jahr. Hedvas Skepsis speist sich aus vielen schmerzvollen Erfahrungen als nichtbinärer Mensch mit Beeinträchtigungen, der in Zusammenarbeit mit kulturellen Institutionen auf Barrierefreiheit angewiesen ist. „Care“ fußt da vor allem auf dem guten Willen Einzelner, der schnell in Überlastung kippt. Hedva nimmt dennoch teil und zeigt Werke aus der Londoner Wellcome Collection, die sich auf medizingeschichtliche Objekte konzentriert. Solche, die normalerweise nicht mit Gesundheit assoziiert werden, aus Bereichen wie Hexenkunst oder Astrologie, in Kombination mit eigenen Werken – Tintenzeichnungen, Objekten, Stoffen, Sound- und Videoarbeiten. Als Sinnbild für Hedvas Bedenken gegenüber dem Care-Konzept im Museum stecken 22 Messer in der Museumswand. Und Hedva hat zwei handgemalte Dämonen aus einem Manuskript mit dem Titel How to be an evil witch? auf sieben Meter hohe Textilbahnen gedruckt. „Ich sehe sie als Wachtposten für meinen Raum.“

Das Dilemma ist auch den Kurator*innen bewusst. „Care, Repair, Heal – wir haben sehr lange darüber nachgedacht, ob wir diese Begriffe benutzen“, sagt Natasha Ginwala, „wissend, dass sie selbst für uns ganz unterschiedliche Bedeutungen haben.“ Sie seien vielleicht nicht so sehr als Ziel, sondern vielmehr als Samen zu verstehen.

YOYI! Care, Repair, Heal Gropius Bau, 16. September 2022 bis 15. Januar 2023

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