„Die Krise geht gerade erst los“

Interview Christoph May macht Workshops, in denen Männer sich kritisch mit ihrer Männlichkeit auseinandersetzen

In seiner Doktorarbeit analysiert er Graffiti und Männlichkeit. Mit seinem Wissen nur an der Universität zu bleiben, reicht Christoph May aber nicht. Durch Vorträge und Workshops will er Männer dazu bringen, sich mit ihrer Männlichkeit zu beschäftigen. Sie sollen sich miteinander vernetzen – und ihren Platz im Feminismus finden.

der Freitag: Herr May, Sie bieten Workshops für Männer zum Thema „Feindbild Frau“ an. Und Sie forschen zu Filmen und Serien. Schauen Sie, wie Frauen darin als Feindbild produziert werden?

Christoph May: Ja, daraus habe ich Workshops gebastelt, die mit jeweils ungefähr siebzig Bildern arbeiten – von Donald Trump bis hin zu Game of Thrones. „Feindbild Frau“ handelt von der unbewussten Angst vor Frauen. Die Idee kommt aus dem gleichnamigen Buch von Rolf Pohl. Er stellt fest, dass 88 Prozent aller Männer unbewusst Frauen fürchten, und 84 Prozent das Versagen ihrer Potenz.

Zur Person

Christoph May, 37, promoviert momentan im Fach Germanistik zum Thema „Graffiti – von Männern und Mauern“. 2016 gründete der Berliner das „Institut für Kritische Männerforschung“

Was machen Sie dann in den Workshops?

Ich zeige, wie die verschiedenen Facetten der Abwehr dieser Angst aussehen. Das kann sich eher subtil äußern, wie im Mansplaining oder im Degradieren von Frauen zum Objekt. Oder in aller Deutlichkeit in der Hook-up-Kultur, die im Grund nichts Anderes macht, als Männer zu normieren, damit sie irrsinnigen Bildern von Frauen hinterherrennen. Da werden die Frauen als Jagdobjekt inszeniert.

Am Anfang Ihrer Workshops gebe es oft eine mitunter subtile Abwehrreaktion, sagen Sie. Wie zeigt sich diese?

Ich mache zum Beispiel einen Workshop zu männlicher Psychogeografie. In dem geht es um Gefühlswelten und archaische Inszenierungen, wie etwa bei Harry Potter. Ich zeige, was in diesen Männerwelten so passiert und plötzlich sagt jemand: „Aber Frauen schreiben doch auch Fantasy-Romane!“ Ich stellte fest, dass es da oft eine Abwehrhaltung gibt. So sehr ich bemüht bin, über Männer zu sprechen, versuchen jene, oft auszuweichen und auf Frauen zu sprechen zu kommen.

Wie gehen Sie damit um?

Ich sage eingangs immer, dass es cool wäre, wenn wir nicht über Frauen sprechen. Das klappt auch meistens. Wenn Abwehrreaktionen kommen, versuche ich, sie möglichst schnell zu bemerken und benenne sie dann als solche. Das sind ganz subtile Formen. Dieses Abweichen vom Thema hin zu „den Anderen“ und „den Frauen“ – im schlimmsten Fall wird selbst eine Opferrolle eingenommen. Aber die meisten Männer sind aufgeschlossen und wollen mehr wissen, viele haben einen Aha-Moment. Wichtig ist aber auch: Meine Workshops sind nicht nur für Männer, sondern genauso für Frauen, weil sie ebenso Geschlechterstereotype reproduzieren.

Es gibt Pick-up-Artists und Maskulinisten-Trolle, die beide eher antifeministische Positionen vertreten. Fehlt es da an einem organisierten Gegenpol?

Mit Maskulinisten habe ich nichts zu tun und distanziere mich deutlich davon. Ich habe lang überlegt, wie ich mein Institut nennen soll. Mir war dann wichtig, es „Kritische Männerforschung“ zu nennen. In Nürnberg gibt es einen sogenannten Genderkongress, an dem hauptsächlich Männer- und Vätergruppen teilnehmen, unter anderem die frauenverachtende WikiMANNia. Feministen vor Ort haben dagegen zu Recht mobilgemacht, denn dieser Kongress ist eine Täuschung. Er kommt als toleranter Genderkongress daher, verhandelt aber ausschließlich Männerinteressen. Jede Diskussion über Probleme von Männern muss aber deutlich mit einer Reflexion von Dominanz und Privilegien einhergehen, die für die meisten Männer schlicht unsichtbar sind.

Gibt es unter Männern denn das Bedürfnis, sich besser zu organisieren?

Das nimmt zu, wie dieser engstirnige Kongress zeigt. Das Bedürfnis gibt es auf verschiedenen Seiten. Die meisten meiner Teilnehmer sind unvoreingenommen und offen, sonst würden sie nicht kommen. In Amerika gibt es diese Vernetzung schon seit den 1980ern. Die American Men’s Studies Association ist gut vernetzt und hat einen jährlichen Kongress. Es gibt sogar die Möglichkeit, Men’s Studies auf Master zu studieren. In Deutschland gibt es das nicht. Mit meinem Institut möchte ich versuchen, das zusammenzuführen.

Was fehlt hierzulande?

Es fehlt an einem Bewusstsein, in der Öffentlichkeit über Männlichkeit zu sprechen. Das zeugt davon, dass Männer in dieser Hinsicht nicht vernetzt sind und es keine Diskussion gibt. Es gibt Männerforscher, Therapeuten und Autoren, die dazu arbeiten. Aber solange wir bei Gleichberechtigung sofort an Frauen und Feminismus denken, sind wir nicht besonders weit. Wirkliche Gleichberechtigung wird nur funktionieren, wenn wir auch die Männer mit ins Boot holen. Das ist den Männern nur selbst noch nicht klar.

Sie sagen, dass Sie es gut finden, Männer zunächst in eine Krise zu bringen. Hat diese eine kathartische Wirkung?

Ich bin kein Therapeut. Da findet auch kein Übertragungsprozess oder dergleichen statt. Das Gefühl, das ich nach den Workshops habe, ist aber gut. Männer jeden Alters kommen danach auf mich zu und sind begeistert. Deshalb habe ich gemerkt, dass sie schon darüber sprechen wollen. Egal, wie kritisch ich bin, die nehmen mir das nicht krumm.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Ich habe zum Beispiel einen Vortrag über Action, Terror und Gewalt und da geht es um Lust und Leid radikalisierter Männlichkeit. Das ist natürlich harter Stoff. Da fühlen viele Männer sich sofort in die Ecke gedrängt und verallgemeinert. Nach einer Weile kommen wir darauf zu sprechen, wie sich das im Alltag zeigt – in Ego-Shootern, im Film. Wie diese Gewalt die Männer, die vor mir sitzen, schon ihr Leben lang begleitet. Da hat man sie dann sofort. Das verstehen sie. Und sie gehen mit einem neuen Bewusstsein aus den Workshops raus.

Männern, die sich öffentlichkeitswirksam mit Geschlechtergerechtigkeit beschäftigen, wird häufig vorgeworfen, dass sie sich die Arbeit anderer aneignen, ohne Frauen und deren Kämpfe im Alltag zu unterstützen. Hält Ihr Vorhaben dieser Kritik stand?

Absolut. Ich würde mich als Feministen bezeichnen. Frauen und das Weibliche sind die Zukunft, davon bin ich überzeugt. Es gibt bisher kein größeres Privileg, als ein weißer, heterosexueller, westlicher Mann zu sein. Aber diese Privilegien sind den Männern nicht bewusst. Ich unterstütze es daher, dass Männer sich an der Frauenrechtsbewegung beteiligen.

Hypermaskuline Bilder von Männern werden in der feministischen Bewegung seit Jahrzehnten kritisiert. Findet dies in der Mitte der Gesellschaft nicht genug Gehör oder warum braucht es nun Sie, um Männer aufzuklären?

Es braucht natürlich nicht nur mich. Der Autor Jack Urwin macht aber etwa die Erfahrung, dass Männer sich in ihrer Männlichkeit nur reflektieren, wenn sie von Männern aufgeklärt werden. Ich finde es an der Zeit, dass die ganzen hypermaskulinen Männerfantasien analysiert werden. Es reicht nicht, zu sagen: „Das sind Gewaltvorstellungen, so sind die Männer halt.“ Nein, man muss hingucken, warum sie das geil finden, warum die meisten Jugendkulturen männlich dominiert sind. Niemand hinterfragt das richtig. Ich bin angetreten, das zu ändern.

Wie schaden dominante Vorstellungen von Männlichkeit denn den Männern selbst?

Mir persönlich haben die sehr geschadet. Ich komme aus der Berliner Graffiti-Szene, die hypermaskulin ist. Da hatte ich viel mit Gewalt und Autoritäten zu tun. Rückwirkend hat mich dann interessiert, warum ich so begeistert davon war. Und wieso keine Frauen dabei waren. Im Studium war ich dann in der Popliteratur zu Hause und irgendwann fiel mir auf: Ich lese ja nur Männer. Zusätzlich bin ich dann noch in eine persönliche Krise geraten.

Diese persönliche Krise als Ausgangspunkt ist sehr typisch ...

Ich glaube, so geht es vielen Männern. In meinem Freundeskreis kenne ich niemanden, der problemlos über Gefühle sprechen kann. Das alles kam damals bei mir zusammen, und ich habe gemerkt: Es gibt da eine Leerstelle, über die gesprochen werden muss. Durch eine Therapie habe ich gelernt, meine Gefühle zu erkennen und zu formulieren. Das aufzuzeigen ist für Männer auch gesund. Die leiden ja unter dem Stress des Leistungsdenkens. Viele gehen an ihre Grenzen oder kriegen Burnout, weil sie nicht lernen, über Gefühle zu sprechen.

Trotzdem gibt es eine große Zurückhaltung, sich mit der eigenen Männlichkeit auseinanderzusetzen. Ist das die Angst, als Softie stigmatisiert zu werden?

Ja, obwohl die Angst unbegründet ist. Männer würden es nur nicht so nennen. Aber natürlich geht es um Privilegien – und solang man sich die nicht bewusst macht, kann man sie auch nicht ändern. Das versuche ich in meinen Workshops und Vorträgen. Oft sprechen wir über Gefühle und tatsächlich spüre ich dann eine Erleichterung im Raum. Das tut den Männern gut. Jungs werden dazu sozialisiert, ihre Gefühle abzuspalten – und das ist ein Riesenproblem.

Macht sie das gefährlich?

Wenn es extrem wird, ja. Klaus Theweleit, der wichtigste deutsche Männerforscher, hat viel dazu geschrieben. Es wird gefährlich, wenn diese Gefühle sich anstauen. Dann kann das dazu führen, dass Männer ausrasten. Und auch auf subtile Weise werten Männer Frauen ab, wenn sie sich selbst nicht spüren und daher keine Empathie für Frauen haben.

Actionfilme und Männlichkeit werden in verschiedenen Studiengängen, allen voran den Gender Studies, analysiert. Weshalb nun der Schritt raus aus der Uni?

Selbst an der Universität wird Männlichkeit stiefväterlich behandelt. Sie ist natürlich Teil der Gender Studies. Sie muss aber auch außerhalb der Uni diskutiert werden, da es in der Uni ein sehr geschlossener Diskurs ist. Was der Feminismus in seinen hundert Jahren erfolgreich vorangebracht hat, die enorme Reflexion von Geschlechterrollen und die Emanzipation – das steht Männern erst noch bevor. Es fängt gerade erst an. Männerforscher sind sich einig, dass die Krise der Männer jetzt erst losgeht.

06:00 03.05.2017

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