Caren Miesenberger
Ausgabe 0816 | 02.03.2016 | 06:00 3

„Ein doppeltes Stigma“

Interview Männliche Prostituierte haben es besonders schwer, weiß der Sozialarbeiter Manuel Hurschmann

der Freitag: Herr Hurschmann, Sie helfen als Sozialarbeiter Männern, die anderen Männern sexuelle Dienste verkaufen. Wie sieht der typische Arbeitstag im Leben eines Ihrer Klienten aus?

Manuel Hurschmann: Die meisten arbeiten weder in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis, noch sind sie Vollzeit in der Prostitution tätig. Wir arbeiten nicht mit dem Escort, der sich neben dem Studium noch eine Reise finanziert. Unsere Klienten sind in der Regel auf das Geld aus der Prostitution angewiesen, zum Beispiel weil sie eine Suchtproblematik oder kein Anrecht auf Sozialleistungen haben. Sie gehen aufgrund von Armut anschaffen. Bei vielen beginnt der Tag erst etwas später. Sie besuchen unsere Anlaufstelle und stehen dann abends auf Essens Straßenstrich.

Wie viele Stunden arbeiten sie am Tag?

Ich bekomme am meisten vom Straßenstrich mit, wo Autos herumfahren. Es ist nicht so, dass die Jungs, die da jeden Abend stehen, auch immer eine Tour mit einem Freier bekommen. Die stehen häufig vergeblich dort. Natürlich ergibt sich hin und wieder etwas. Die Jungs arbeiten durchschnittlich eine Stunde am Tag. Andere, die es professioneller machen, sind mehrere Stunden am Tag mit Prostitution beschäftigt.

Was macht deren Arbeit „professioneller“?

Die nutzen das Internet, unter anderem die Datingplattform PlanetRomeo. Die wird auch das „schwule Einwohnermeldeamt“ genannt, weil sie so verbreitet ist.

Zur Person

Manuel Hurschmann, 36, hat Sozialpädagogik studiert und arbeitet seit 2007 bei der Anlaufstelle „Nachtfalke“, einem Projekt der Aidshilfe Essen, das Sozialarbeit für männliche Sexworker anbietet. Auf dem Sexarbeits-Kongress vom 2. bis 4. März an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Hamburg hält Hurschmann am Eröffnungtag einen Vortrag zum Thema "Männer in der Prostitution".

Macht die Verlagerung ins Internet die Arbeit Ihrer Klienten sicherer als auf der Straße?

Mir hat ein Klient mal gesagt, dass beides seine Fallstricke hat – im Internet kann man mit einem Fake konfrontiert sein, der nicht der Person entspricht, die er zu sein vorgibt. Das Sicherste ist, sich im Hotel zu treffen. Auf der Straße gibt es auch Gefahren: Oft sind die Leute, die häufiger kommen, bekannt. Wenn man mit jemand Neuem mitfährt, lässt man sich auf ein Risiko ein. Da ist es eine Strategie, einem Freund das KFZ-Kennzeichen des Autos per SMS zu schicken.

Wie alt sind die Männer, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Die jüngeren sind so 17, 18, und es geht bis Ende 30. Der Schwerpunkt liegt bei Ende 20. Ich würde aber sagen, dass es in der Schwulenszene einen Jugendfetisch gibt. Bei weiblicher Prostitution ist auch mal die ältere, erfahrene Frau gefragt. Bei männlicher Prostitution ist das seltener der Fall. Der Verdienst hängt deshalb sehr mit der eigenen Attraktivität und dem Alter zusammen. Kleine Dienstleistungen werden ab fünf bis zehn Euro angeboten. Manche schaffen es, mehrere hundert Euro in einer Nacht einzunehmen. Oft ist es so, dass es einen Schnitt von 20 bis 50 Euro gibt.

Wer sind die Kunden?

Die Kundschaft ist genauso heterogen wie die Klienten, die wir antreffen. Einige haben tatsächlich eine Identität als offen schwuler Mann. Es gibt auch Männer, die jeden Abend mit ihrem Auto auf Essens Straßenstrich parken, wie andere zum Stammtisch in die Kneipe gehen. Die fahren da abends hin, stellen ihr Auto ab, kurbeln die Scheibe runter und unterhalten sich. Da wird mal ein Junge mitgenommen, mal nicht. Ein anderer Teil der Kundschaft sind diejenigen, die es etwas verborgener machen. Die haben vielleicht Frau und Kinder. Und es gibt natürlich auch den Geschäftsmann, der viel unterwegs ist, sich über das Internet Prostituierte sucht und ein Hotelzimmer mietet.

Ist die gesellschaftliche Akzeptanz noch geringer, wenn Männer sich prostituieren?

Auf jeden Fall. Es gibt eine doppelte Stigmatisierung, da neben dem Thema Prostitution noch Homosexualität dazukommt. Das wird zum einen in der geringeren Zahl männlicher gegenüber weiblicher Prostituierter deutlich, aber auch darin, dass männliche Prostitution deutlich weniger sichtbar angebahnt wird. Auf dem weiblichen Straßenstrich hat man so seine Bilder, dass Frauen in kurzen Röcken und auffallend gekleidet stehen und offensiv auf die Autos zugehen, um Kunden zu akquirieren. Beim Männerstrich ist es eher so, dass es zufällig so sein könnte, dass dort einige Männer herumstehen und sich unterhalten.

Wie erklären Sie sich die unterschiedliche Sichtbarkeit?

Ich glaube, dass es in heterosexuellen Kreisen teilweise legitimer ist, sich Sex zu kaufen. Ich kann mir schon vorstellen, dass es Leute gibt, die sagen: „Komm, wir gehen alle zusammen in den Puff!“ Ich glaube, dass es das im Bereich der schwulen Szene nicht so gibt. Es ist immer ein Sich-Eingestehen, dass man es woanders nicht bekommt, dass man es nicht schafft, attraktive Sexualpartner zu gewinnen, ohne zu bezahlen.

Mit welchen Vorurteilen kämpfen männliche Sexarbeiter?

Zum einen gibt es das Klischee der „Virenschleuder“, das ist jetzt sehr negativ ausgedrückt. Das resultiert daraus, dass die Strichereinrichtungen, die es gibt, als Reaktion auf die Aidskrise in den 1980er Jahren entstanden sind. Auch gibt es das Klischee, dass männliche Prostituierte immer kriminell und verwahrlost seien. Und es gibt Vorurteile gegenüber denjenigen, die heterosexuell leben, aber homosexuellen Sex anbieten. Denen wird vorgeworfen, dass sie ihren Job nicht so ganzheitlich machen, wie man es als Kunde gern hätte.

Sie plädieren dafür, Lobbyarbeit für männliche Prostituierte zu leisten. Es existieren einige Berufsverbände weiblicher Prostituierter, öffentlich wahrnehmbar gibt es aber keine ausschließlich männlichen. Wieso?

Viele haben wegen der Stigmata gar keine Identität als Sexarbeiter. Auch ist die Größenordnung, in der hier gearbeitet wird, geringer. Es sind wenige Leute, die das ihr ganzes Leben machen. Einige Frauen gehen dem Beruf der Sexarbeiterin über viele Jahre nach. Im Bereich männlicher Prostitution dient es oft dazu, kurzfristig Geld zu verdienen.

Das Prostitutionsgesetz soll so reformiert werden, dass die Anbietenden sexueller Dienstleistungen sich anmelden und regelmäßige Gesundheitsvorsorgeuntersuchungen machen müssen. Welche Konsequenzen hätte das für Ihre Klienten?

Dadurch, dass unsere Klienten oft eben keine Identität als Sexarbeiter haben, würden sie sich wahrscheinlich nirgendwo anmelden. Sie sehen das nicht als eine professionelle Dienstleistung. Wenn sie alle zwei Jahre zu einer verpflichtenden Gesundheitsuntersuchung müssten, würde man sich viel kaputt machen. Aus den 30 Jahren Aidshilfe, zu denen unser Projekt gehört, haben wir gelernt, dass niedrigschwellige und freiwillige Angebote Menschen dazu bewegen, Dinge anzusprechen, die sie in einem Zwangssetting nicht ansprechen würden. Deswegen halte ich von verpflichtenden Gesundheitsberatungen eher wenig. Wenn es die gibt, kann das auch dazu führen, dass Freier häufiger Sex ohne Kondom verlangen. Der Gesetzgeber kann dann natürlich entgegnen: „Wir haben aber eine Kondompflicht eingeführt.“ Aber machen wir uns nichts vor, wer will eine Kondompflicht überprüfen?

Wenn Prostituierte sich beim Amt anmelden müssen, kann der Staat auch besser für ihre Sicherheit sorgen, oder nicht?

Nee, wer Menschen sexuell ausbeuten möchte, wird dafür Sorge tragen, dass er eine möglichst reine Weste hat und sie so ordentlich wie möglich anmeldet.

Das Gesetz würde also nicht vor sexueller Ausbeutung schützen?

Es würde eher dazu führen, dass diejenigen, die es nicht schaffen, sich anzumelden, in einer schwer erreichbaren Anonymität weiterarbeiten. Das würde auch das Misstrauen der Anbietenden sexueller Dienstleistungen gegenüber Institutionen vergrößern, die Sozialarbeit leisten.

Amnesty International hat vergangenes Jahr gefordert, Sexarbeit zu entkriminalisieren. Wie schätzen Sie diese Forderung für männliche Sexarbeiter ein?

Ich denke, dass Sexarbeit immer entkriminalisiert sein sollte. Es gibt ja Straftatbestände wie sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel. Die sind aber separat im Strafgesetzbuch geregelt. Das hat erst mal nichts mit Prostitution zu tun. Da ist es an der Zeit, dass Prostitution als eine von vielen möglichen Tätigkeiten akzeptiert wird. Prostitution wird es immer geben – und immer, wenn sie verboten wird, werden Prostituierte noch schlechter erreichbar. Das trifft für männliche Prostitution genauso zu wie für andere.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 08/16.

Kommentare (3)

schna´sel 02.03.2016 | 18:46

Zunächst finde ich es gut, dass hier im Zusammenhang mit Sexualität und Ausbeutung auch ein reines Männerthema mal eine Chance hat.

Inhaltlich würde mich interessieren, ob es, prozentual auf die Bevölkerung hochgerechnet Schätzungen gibt, wieviele Männer darauf angewiesen sind, das machen müssen. Interessiert sich die Öffentlichkeit für diese Dinge? Was ist mit Organisationen, die sich um männliche Gleichberechtigung bemühen?

Lethe 03.03.2016 | 11:49

Stricher sind also im Wesentlichen ein Phänomen der Schwulenszene. Es gibt aber doch sicher auch männliche Prostituierte, die sich an Frauen verkaufen? Oder zählt das nicht als Prostitution? Oder sind da die Arbeitsbedingungen andere, eher denen von besseren "Escort-Services" entsprechend? Vielleicht auch deswegen, weil sich Frauen als Freierinnen von der schmuddeligen Komponente des Straßenstrichs eher abgestoßen fühlen?

shockley 07.03.2016 | 12:35

Es gibt auch weibliche Freier, kurzer Auszug:

Hier ergab eine Studie des US-Justizministeriums, die im September 2008 veröffentlicht wurde, dass in der Stadt New York 45 Prozent der minderjährigen Prostituierten Jungen sind. Dieses Ergebnis war ausgesprochen unerwartet. Tatsächlich wuchs die Zahl der ermittelten Jungen so schnell an, dass die Forscher irgend-wann aufhörten, weitere Jungen zu registrieren und stattdessen gezielt nach Mädchen Ausschau hielten. Die Rate bei beiden Geschlechtern blieb dennoch annähernd gleich. Die Freier der Jugendlichen waren größten-teils männlich, aber 40 Prozent der Jungen berichteten, auch schon Frau-en bedient zu haben. (14 Prozent von ihnen gaben an, ausschließlich Frauen zur Verfügung zu stehen.) Ein höherer Anteil von Jungen als von Mädchen wird Teil dieses Gewerbes, bevor die Betreffenden das Alter von 13 Jahren erreicht haben (19 gegenüber 15 Prozent). Hauptgrund bei beiden Geschlechtern, anschaffen zu gehen, war nicht Zwang durch ei-nen Zuhälter, sondern wirtschaftliche Not, beispielsweise Obdachlosig-keit: »survival sex«, Sex um zu überleben


Quelle: Arne Hoffmann: "Plädoyer für eine linke Männerpolitik"