A day in my life

Betrachtungen eines Zurückgebliebenen im Zeitalter des social climate change
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

A day in my life – Botschaften aus der realen Welt
Ysabelle ist 29 Jahre alt, gutaussehend. Ihr Job als Administratorin füllt sie nicht mehr aus, sie sucht aktuell eine neue Herausforderung. Seit der Trennung von ihrem Partner vor 6 Monaten lebt sie alleine. Ysabelle ist hochsensibel. Ihre Wahrnehmung ist so scharf, ihr Urteil bisweilen so erstaunlich und unmittelbar zutreffend, dass es selbst mir – als ihrem Arzt – schwer vorstellbar erscheint, dass es in ihrem Leben Phasen geben kann, die man als Dissoziation bezeichnet, Phasen, die für sie einen plötzlich eintretenden Verlust ihrer realistischen Wahrnehmung bedeuten, Phasen, in denen ihr Stimmen, die nur sie hören kann, Wahrheiten suggerieren, in denen sie Raubtiere in verstörend grellen Farben sieht, die bedeutungsvolle Zeichen sind einer höheren Macht. Ihr soziales Netz, die Treffen ihrer Freunde, ihre Yogaklassen und Akupunkturbehandlungen stabilisieren sie bis anhin soweit, dass sie mit Hilfe niedrig dosierter Psychopharmaka eine weitgehende Normalität aufrechterhalten kann. Ysabelle leidet unter einer schizophrenen Störung.

Auf dem Weg in meine Praxis begegnen mir 2 Nachbarskinder. Sie grüssen mich ungewohnt zurückhaltend, machen einen gefühlt 4 Meter langen Bogen um mich und betrachten mich unsicher aus den Augenwinkeln. Auch mir wird es ein wenig mulmig zumute.

Beim Einkauf meiner Smoothiezutaten im benachbarten Supermarkt begehe ich einen Fauxpas. Beim Versuch freundlichen Blickkontakt mit der Verkäuferin aufzunehmen übersehe ich eine gelbe Linie auf dem Boden und übertrete sie um eine Schuhlänge. Die bis anhin so zugewandte, etwas beleibte Dame an der Kasse verweist mich daraufhin in barschen Ton auf die obligatorischen 2 Meter Abstand zu meinem Vorgänger. Ansonsten bleibt Sie Wort-karg. Ich fühle mich für einen Augenblick schuldig, entscheide mich aber rasch, meine Positivität wiederzufinden und verabschiede mich höflich.

An diesem Tag Anfang April 2020 sehe und telefoniere ich in meiner hausärztlichen Praxis mit 23 Patienten, von denen 18 psychische Belastungen als einen Grund für die Konsultation angeben. Mein psychosomatisch orientierter Praxiskollege telefoniert aus dem Homeoffice am gleichen Tag mit weiteren 18 Patienten. Das Leben dieser Menschen ist seit wenigen Wochen anders als früher, sie alle haben Angst vor den sich abzeichnenden Veränderungen. Die meisten belasten die beruflichen und wirtschaftlichen Folgen der Antiviren-Massnahmen, einige die Angst vor Krankheit und Tod, die soziale Isolation von ihren teilweise schwerkranken Angehörigen, die politischen Konsequenzen eines Ausnahmezustandes, der es den Verantwortlichen erlaubt, ohne Vorankündigung und basierend auf mit teils fragwürdigen Mitteln erhobenen und interpretierten Sterbestatistiken jederzeit weitere Einschränkungen von bisher als selbstverständich erlebten bürgerlichen Grundrechten vorzunehmen. Aus einer konstitutionell pluralen und damit auch gewohnheitsmässig streitenden politischen Vernunftgemeinschaft wurde in weniger als 4 Wochen eine in verschiedenen Angstszenarien verstrickter, Anti-Viren-Volkskörper, der die ihm verpassten Gesichtsmasken freiwillig in Maulkörbe verwandelt hatte und der in Einklang mit den gleichgeschalteten öffentlichen Medien mehrheitlich nach mehr Restriktionen, mehr faktischer Atomisierung und Störung ihres realen sozialen Netzes rief, sofern dies vorher überhaupt vorhanden war.

Als Ysabelle an diesem Tag um wenig nach 16 Uhr mein Praxiszimmer betritt, wirkt sie auf den ersten Eindruck wie gewohnt. Ich entschuldige mich bei ihr für die aussergewöhnlich lange Wartezeit. Sie erstaunt mich erneut, diesmal durch Schilderung einer mir bis dahin noch nicht bewussten Krisenangstkategorie. Sie sagt, sie hätte mit der Krise kein Problem bis auf die Angst, dass sie bisher zu wenig Gottes Willen erfüllt haben könnte – eine metaphysische Versagensangst sozusagen. Bei der körperlichen Untersuchung fallen mir 3 tiefere, 2-5 cm lange, etwas entzündete Stichwunden über ihrem Brustbein auf. Darauf angesprochen berichtet sie, dass sie vor 2 Tagen eine ungeheuer aggressive kosmische Energie verspürt habe, die in sie eingeströmt sei. Die erzeugte innere Spannung machte sich mittels eines Fleischmessers Luft, welches sie in einer Zwangshandlung dreimal in ihr Herz zu stossen versuchte. Glücklicherweise wurde sie dabei durch ihr Brustbein gehindert. Im anschliessenden Gespräch überzeugte sie mich, dass diese Episode vorbei ist, sie sich wieder seelisch stabil fühlt und so etwas nicht wieder vorkommen wird. Ich desinfizierte die Wunden und verabschiedete mich.

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Realität und Virtualität sind unvereinbar miteinander verbunden
Zeiten des Wandels sind Zeiten der Unsicherheit. Unsicherheit braucht Sicherheit. Einfache Lösungen und ein zu Hause geben Sicherheit. Der Virus ist da, der Virus macht krank, der Virus bringt Tod, der Virus Dein Feind, der Virus unser aller Feind, der Virus in der Luft, die Luft ein Feind, der Virus in deinem Nachbarn, der Nachbar Dein Feind, deine Emotionen gefährlich und unerwünscht. Deine Facebook community und Skype ist physically distanced, whatsapp safe. Facebook, Twitter und Whatsapp Dein Freund, Netflix-Serien das identifizierte Surrogat für eigene authentische Gefühle in einem realen Beziehungsnetz. Statt in Rückhalt-gebender, immunisierender Realität jeden Tag sterben und ihn damit erleben zu dürfen vollziehen wir zunehmende Abspaltungen von uns selbst, opfern unser Leben voller Potentiale einer scheinbar omnipotenten Virtualität. Diese lässt uns weder real sterben noch leben, die immanente Dialektik aus Erleben und Loslassen, welche den Augenblick konstruiert, ist aufgehoben. Die digitale Existenzform besteht dagegen aus Anhäufen von virtuellen Erlebnisbahnen, ihrer Registrierung und ihrer ewigen Abrufbarkeit. Die digitalen Augenblicke sterben nie, sie haben bereits das ewige Leben, bevor sie sterben könnten. Extrem gedacht, muss sich der durchdigitalisierte Mensch daher keine Sorgen um sein Leben machen, da es virtuell ohnehin ewig ist und es real gesehen gar nicht existiert.

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Living is easy with eyes closed, misunderstanding what you see
Henry, 52 Jahre alt und CEO eines grösseren Finanzunternehmens ist übergewichtig, leidet unter Diabetes und einem hartnäckigen Hautausschlag. Als er wenig nach meiner Verabschiedung von Ysabelle mein Sprechzimmer betritt wirkt er so entspannt, wie selten zuvor. Er sagt, er hätte sich noch nie so wohl gefühlt seit er im Homeoffice alle seine Transaktionen und administrativen Tätigkeiten im Kreis seiner sympathischen Familie erledigen kann. Er geniesst die Zeit mit seinen Kindern und seiner Frau. Angesprochen auf die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen ist er optimistisch. Er moquiert sich, wie fast alle meiner Patienten, über das Hamstern von Klopapier, hängt keiner aktuellen Verschwörungstheorie an, denkt, dass die Wirtschaft sich schnell erholen wird und rät ansonsten zum Krisen-sicheren Kauf von Immobilien und Blue-Chip-Aktien aus der Pharma-und Lebensmittelbranche. Der gelassene und humorvolle Henry ist der Lichtblick des heutigen Tages – sein Optimismus überträgt sich für einige Minuten auf mich und lässt mich ruhiger atmen.

Die nächste Patientin, Susanne, 83 Jahre alt ist anders von den sich vollziehenden Veränderungen betroffen als ihr Vorgänger. Von ihrem Alterspflegeheim wurde ihr eine Ausgangssperre verordnet. Den gestatteten Besuch in meine Praxis nutzte sie, um vorher im nahegelegenen Supermarkt ein wenig Schokolade zu kaufen. Dort wurde sie von Konsumenten angepöbelt, sie soll doch gefälligst zu Hause bleiben. Sie würde sonst noch den jüngeren Patienten einen Beatmungsplatz in der Intensivstation wegnehmen. Sie weint, und fühlt sich eingesperrt. Ich versuche ihr das Positive zu zeigen.

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Welcome Home
Stay Home! Stay home! stay home! ist das omnipräsente Mantra einer neuen Zeit des digitalen Biedermeier in dem reale Sozialbezüge zunehmend verunmöglicht werden. Das menschliche Sozialbedürfnis muss sich jetzt mit den gewohnten Mitbewohnern begnügen - was auch den friedlichsten Seelen irgendwann zu viel wird- oder es tobt sich im rechteckigen Rahmen der unendlichen begrenzten Möglichkeiten der sozialen Medien aus. Diese gewährleisten eine illusorische, überwachbare und überwachte Scheinsozialität, die begrenzt dazu geeignet ist, die reale soziale Bindung, die 3-dimensionale Reibung, die Musik unmittelbarer Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu ersetzten. Der Freund kommt hier niemals zu nah, ist niemals wirklich Freund, ist meist unsichtbar und zahllos, zwischenmenschliche Resonanz beschränkt sich auf einen körperlosen, rein intellektuellen und oft unwahren Teilbereich der menschlichen Persönlichkeit. Der digitale Freund ist auch mal ganz schnell Dein Feind, und im schlimmeren Fall zahlenmässig übermächtig in Form eines gefürchteten Shitstorms. Der erschüttert das labile Selbst in seinen Grundfesten, weil dieses eben nicht durch Realbeziehungen stabilisiert wird. Wie frei sind unsere vielen anonymen Avatare wirklich, deren Erzeuger ausser uns selbst nur den allmächtigen Providern und Überwachern unserer Sozialplattformen bekannt sind? Diese setzten uns dann wieder zusammen zu einer digitalen Zwillingspersönlichkeit, organisiert in digitalen Stätten, in denen alles künstlich intelligent erkannt und aus allem Bekannten die virtuelle Zukunft berechnet und erzeugt wird. Wagen sich dann reale Menschenanteile diesen Zukunftsvisionen in den Weg zu stellen, wird dies technologisch schnell und umfassend erkannt werden. Wie ehrlich kann und darf dann eine Meinungsäusserung sein, wenn sie fürchten muss, als Sand im Getriebe erkannt zu werden des künstlich intelligenten Masterplans zur Rettung der Welt und dem erwünschten Nebeneffekt des ewigen Machterhalts der durch sich selbst legitimierten Eliten?

Nach 2 weiteren Patienten stellen meine Assistentinnen einen dringenden Telefonanruf in mein Büro durch. Es ist die aufgebrachte Mutter von Beat, einem 27-jährigen schizophrenen, medikamentös schwer einzustellenden Patienten, der bis dahin bei seiner Mutter wohnte und von ihr versorgt wurde. Beat wurde von ihr am Vorabend bewusstlos auf dem Küchenfussboden liegend in einer Blutlache aufgefunden nachdem er sich mehrere Schnitte mit einem Gemüsemesser am Hals zugefügt hatte und dabei seine Halsschlagader nur um Millimeter verfehlte. Er ist jetzt im Spital. Ich beruhige die Mutter und bespreche mich anschliessend mit der betreuenden Psychiaterin.

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Mantren der Krise zur Massenbeschwörung
Auch in früheren Zeiten der Veränderung oder der Freiheitsbeschneidung gab es Mantren, die Handlungszwänge begründeten. Gegenüber dem tröstenden «shit happens» der 90er, Obamas «Yes, we can!» und Merkels «Wir schaffen das!», wirkt «stay home!» doch etwas direktiver.

Ein anderes Mantra, welches auch mit den Anfangsbuchstaben von «stay home» und «shit happens» übereinstimmt, ist «sieg heil!» - jene von entindividualisierten Nazihorden in Aufmärschen endlos und überlaut gegrölte Durchhalteparole der klar nach Feindbildern geordneten 30er und 40er Jahre. Beide Mantren weissen gewisse Parallelen, vor allem aber gravierendere Unterschiede auf, die für das Verständnis der jetzigen Ereignisse hilfreich sein können. Sowohl «Stay Home» als auch «Sieg Heil» betonen beide als politisches Instrument die Dringlichkeit und Einheitlichkeit der erwünschten Handlung, des Handlungszwangs gegen einen mental aufgebauten gemeinsamen Feind und die Präferenz des Kollektivs gegenüber dem Individuum; beide suggerieren in einer verfahrenen Situation eine einzige einfache reduktionistische Lösung für ein falsches, respektive unvollständig erfasstes Problem. Deutliche Unterschiede bestehen dagegen im historischen Kontext und den ethischen Zielsetzungen: Zunächst erscheint es einigermassen beruhigend, dass sich «Stay Home!» in der Realwelt gegen einen Virus als kollektiven Feind richtet und das Hauptziel darin besteht, Menschenleben zu verlängern, während im anderen Fall die Feinde Menschen waren, die es zu vernichten galt. Hauptzielgruppe der Nazis war die Jugend, die todesmutig und -willig eine räumliche Expansion und den Endsieg erzwingen sollte, während sich «stay home» in erster Linie an die Alten und Schwachen richtet, die sich jetzt in Schutzhaft befinden und die es jetzt in einer passiven Durchhalteschlacht undefinierter Dauer zu retten gilt. Heute muss also ohne allzu viel Rücksicht auf Verluste ein Virus endbesiegt werden wobei die weiteren politischen Ziele der Virenschlacht allmählich offensichtlich werden.

Ein ganz wesentlicher Unterschied beider Stossrichtungen besteht meiner Meinung nach in der Beziehung des Öffentlichen zum Privaten. Während die Nationalsozialisten das Private verachteten, erfährt das biedere traute Heim und Familienglück mit der «stay home» Bewegung eine neue Renaissance – zumindest vordergründig. Staying Home bedingt allerdings in vielen Fällen auch eine drastische Verschiebung der realen Erlebnis-, Beziehungs- und Gefühlswelt. Diese verlagern sich noch mehr in den virtuellen, kontrollier- und manipulierbaren digitalen Bereich, in eine potentiell schizoidisierende, persönlichkeits-spaltende Selbstreferenzialität. Bezogen auf das Gefühls- und Bedürfnisleben und die reale Existenzform von autonomen und selbstbestimmten Menschen bedeutet diese Verlagerung ihrer Sozialität in den digitalen Bereich- überspitzt formuliert – einen Verlust nicht nur ihrer Privatheit sondern auch ihrer realen Existenz, auch wenn sie – anders als in den «geordneten» 40er Jahren noch ihr physisches Leben behalten dürfen. Wie stark dieser Verlust betrauert wird, hängt davon ab, wieviele reale Anteile in der betroffenen Person noch vorhanden waren, bevor sie sich in die digitale Verbannung begeben musste.

Lorena, 42, gelernte Goldschmiedin leidet unter schweren Depressionen, die sie aktuell mit Hilfe von Psychopharmaka und psychotherapeutischer Unterstützung begrenzen gelernt hat. Sie ist seit 6 Monaten auf Arbeitssuche und hatte auch schon einige Möglichkeiten in Aussicht, die jetzt alle aufgrund der Geschäftsschliessungen abgesagt wurden. Sie sieht ihre Felle davonschwimmen und fühlt sich zunehmend unruhig und gespannt. Mein Kollege hat ihre Antidepressiva-Dosis erhöht. Ich mache ihr Mut, rate ihr, den Jobwunsch auf die Seite zu stellen und sich auf die Weiterentwicklung ihrer persönlichen Qualifikationen zu konzentrieren.

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We all live in a yellow submarine
Die jetzige Zeit markiert eine Zäsur. Als 8 jähriger schaute ich den Film Momo, an dessen Beginn ich die Szene eines lebendigen, vibrierenden italienischen Dorflebens erinnere, die sich bei mir bis heute als ein romantisches Musterbild für ungezwungenes, gesundes Gemeinschaftsleben erhalten hat. In dieses Bild drängen sich im weiteren Verlauf des Films die grauen Männer als Repräsentanten einer Macht, die den Menschen zunehmend die Zeit und ihre Freiheit stehlen wollen und deren Ziel es ist, eine Gesellschaft zu schaffen in der Zahlen, Gewinn- und Zielorientierung allmählich Spontaneität, Farben und persönliche Beziehungskultur der authentischen Dorfgemeinschaft verdrängen.

Verglichen mit dem italienischen Dorf ist die Zahl der Bewohner des heutigen digital Village, die sich in den letzten Wochen zu einer Opferhilfsgemeinschaft zusammen geschlossen haben um Dimensionen grösser. Sie alle verbindet einerseits der feste Glaube, durch ihr Quarantäne-Opfer gemeinschaftlich Alte, Schwache und Kranke zu retten. Ob sie dabei ein schlechtes Gewissen haben, weil sie dies noch nicht in früheren Jahren anlässlich viel verheerenderer Influenzaepidemien getan haben, weiss ich nicht. Es wäre aber bestimmt ratsam. Sie bilden also einerseits eine moralisch höherstehende Beschützergemeinschaft, die sich abhebt von den unverantwortlichen neoliberalen Kapitalisten und den gewissenlosen, frei herumlaufenden Virenschnauferern – sind es doch immerhin ca. 2 Millionen Viren die wir mit unserer täglichen Atembewegung in 20 Kubikmetern Luft ein – und ausatmen. Die Täter-Opfer Zuordnung ist hier relativ klar und wir haben es mit einem putzigen Käfigkollektiv der besseren Menschen zu tun, die sich ähnlich verantwortlich für die Welt fühlen wie Bill Gates oder Greta Thunberg wenngleich meist aus einer etwas irdischeren, weniger berechnenden respektive autistischen Perspektive. Diese Gemeinschaft fordert nun die Politiker zu noch mehr Restriktionen zum Schutz der Gefährdeten auf und ergötzt sich gleichzeitig an dem neu gefundenen, flachgebildschirmten Gemeinschaftssinn, der sie selbst über den Verlust ihrer realen Bezüge hinwegtäuscht. Die aufgegebene Solidarität mit den mehrheitlich nicht beatmungspflichtigen Opfern dieser sozial-und verfassungsrechtlich zutiefst verstörenden Geschehnisse wird dabei schlichtweg ausgeblendet.

Bei einer anderen Form von virtueller stay-home-together-community, die man auch als digital gezügelte Hurrapatrioten bezeichnen könnte, steht das Motiv der Einigung durch einen gemeinsamen Feind im Vordergrund, der jetzt unter zeitlich unbegrenzten, kollektiv erlebten sozialen Entbehrungen und aufopferungsvollen Desinfektionsschlachten niedergerungen werden muss. Der Wir-sind-ein-Volk-gegen-den-Virus Kämpfer schreit als erstes nach Grenzschliessungen, er kennt klare Schuldzuweisungen und ruft, wie seine philanthropen Mitbürger, nach noch mehr Begrenzung seiner Freiheit.

Während bei den besseren Menschen ihr Altruismus im Vordergrund steht und sich der Selbstmehrwert durch ihr eigenes Opferschutz-Opfer konstruiert, erfolgt dies bei den Virenschlächtern vor allem durch die Aufwertung ihres sozialen Status in einer kollektiv geängstigten und egalisierten Gesellschaft in der imperativ nach einheitlichen Reaktionsschemata gehandelt werden muss. Deren Kontrolle kann dann stets auch mal ein schlichteres Gemüt übernehmen. Man ist wieder wer und man ist vor allem Teil eines virtuellen Volkskörpers der bald den Krieg gegen den Virus gewonnen haben wird und der dank klarer widerspruchsloser Anweisungen von oben endlich wieder handlungsfähig geworden ist. Gesellschaftlich sonst abgehängt ist man jetzt wieder ein Gewinner. Möge der Ausnahmezustand möglichst lange bestehen!

Was beide Gruppen von Community verbindet ist ihr Eingeschlossen-Sein im trauten Heim und die Verarbeitung einer abhanden gekommenen sozialen Normalität mit Hilfe einer Verlagerung ihres realen Sozialbedürfnisses in das weltweite digitale Netz. Statt weniger wirklicher Freunde sind diese jetzt zahl- und gleichzeitig gesichtslos geworden.

Was beide Gruppen auch verbindet ist eine Art Aufbruchsstimmung, das sichere Gefühl, dass sich jetzt endlich etwas bewegt in diesen desorientierten, übersatten und verschwenderischen Demokratien, die im ökologischen Lamento verharren und doch nichts ändern. Ist das mehr Aufbruchs- oder Apokalypsesehnsucht? Jedenfalls gibt es sie wieder, die hysterisch kopflosen Emotionen und kollektive Übersprungshandlungen wie das Horten von Klopapier vor dem Horten von Konservendosen. Es gibt ihn wieder, den klaren Halt, der in Zeiten verschwimmender sozialer Normen und Machtstrukturen Sicherheit verspricht. Ähnlich wie bei Ausbruch des 1. Weltkrieges, als Sigmund Freud die libidinöse Lust beschreibt, die ihn für sein österreichisches Volk übermannt, das sich Hals über Kopf in einen sinnlosen Krieg stürzt. Als Tatmotiv wird Freud später Thanatos, den menschlichen Todestrieb vermuten. Ist es vielleicht so, dass die grosse Langeweile der digitalen Sozialität insgeheim einen orgastischen Befreiungsschlag herbeisehnt, der sich jetzt in der sozialen Apokalypse verwirklichen will? Tragisch nur, dass die implodierende Realexistenz das digitale Sozialleben nur noch mehr blähen, die Ödnis vermehren und die Hoffnung auf Apokalypse enttäuschen wird. Die Mitglieder der virtuellen stay-home-communities sitzen nicht, wie viele glauben, alle in einem Boot. Sie leben, jeder für sich, in einem U-Boot mit begrenzten Sauerstoffreserven.Das U-Boot ist nicht immer gelb, meistens ist es grau und hoffentlich taucht es so bald wie möglich wieder auf.

Die letzte Patientin heute ist Anne-Cristine, eine 92 -jährige äusserst liebenswürdige und hellwache Dame, die von mir seit vielen Jahren betreut wird. Bis jetzt ist sie trotz ihrer vielen Zipperlein weitgehend selbstständig und wohnt alleine in ihrer Wohnung. Sie hat in ihrem Leben noch nie versucht, eine Computertastatur zu bedienen. Im gleichen Haus wohnt ihre 98-jährige Schwester Claire, die von ihr mitversorgt wurde. Claire war die letzten Tage sehr aufgeregt, vorgestern Nacht stürzte sie und wurde darauf in das Alterspflegeheim aufgenommen und dort umgehend isoliert. Anne-Christine darf jetzt ihre betagte Schwester nicht mehr besuchen und weiss nicht, wie es ihr geht. Das belastet sie, ihr Blutdruck ist hoch, sie schläft kaum noch und möchte etwas zur Beruhigung. Ich rede mit ihr und verschreibe ein Schlafmittel.

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I read the news today oh boy, about unlucky men who made the grave, and though the news is rather sad – so I just could not laugh
Auf dem Nachhauseweg verarbeite ich diesen Tag, diese Reise in eine neue, mir fremde, unheimliche Welt, die sicher nicht mehr so sein wird wie vorher. Mir wird zunehmend bewusst, dass sich hier tatsächlich ein tiefgehender Wandel vollzieht. Die Schizophrenen sind die Seismographen unserer sozialen Atmosphäre. Zeigen sie mir durch ihre Taten die selbstzerstörerische institutionelle Gewalt, welche im Moment ausgeübt wird, die unbedingte politisch-industriell-technische Gewalt, die sich jetzt auf Kosten der Zivilgesellschaft neuen Raum verschafft und alle Menschen in Schutz- und Geiselhaft nimmt zur Verwirklichung eines totalitären Kontrollanspruches? Wird uns von superreichen, weltentrückten Philanthropen in einer psychologisch grausamen und menschen-verachtenden Rosskur eine Pandemie- und Bargeld-freie, global normierte Öko-Technokratie aufgezwungen, deren höchste menschenfreundliche Ziele die Reduktion von Weltbevölkerung und CO2 sind? Ich hoffe es nicht, auch wenn jetzt der Weg dorthin gebahnt scheint. Die Legitimierung jeder weiteren Einschränkung der Bürgerrechte mit einer neuen Virenkeule, die zu gegebenem Zeitpunkt in den Biotechlabors von Wuhan oder sonst wo geordert werden kann, erscheint jetzt vollkommen realistisch. Weil Zustände sich nicht nur übertragen, sondern auch erinnert werden, ist es jetzt einfacher als früher, den tief gefrästen Angstplatzhalter in unserem Kopf bei Bedarf sofort neu zu besetzen - sei es durch die Verbreitung von Viren oder der medialen Ausschlachtung ihrer Gefährlichkeit.

Auf halber Strecke höre ich Radio. Die verkündeten Opferzahlen, welche im Zusammenhang mit Covid 19 berichtet werden, lassen mich noch nicht kalt – ihre Angehörigen haben – wie alle Opfer mein ehrliches Mitgefühl. Sie haben soviel meines Mitgefühls wie alle anderen Verstorbenen und deren Angehörige dieser Welt – die an Influenza, HIV, Tuberkulose, Hepatitis C, Hunger, Unfällen, Gewalt oder Alkohol zugrunde gegangen sind und gehen werden und deren Tod zu ihrem Glück aktuell nicht politisch instrumentalisiert wird.

Denke aber auch, dass wir anstelle uns gegenseitig beim Sterben zuzuschauen, uns gelegentlich fragen sollten, wie wir unser Zusammenleben in Zukunft aktiv und positiv als ganze Menschen in realen Sozialzusammenhängen gestalten können, die uns nicht ein ständiges gespalten sein in virtuelle Identitäten abverlangen und in denen nicht jede kleinste Bewegung, Emotion oder Geldtransaktion überwacht werden wird. In denen Mitbürger und reales Sozialleben als Bereicherung empfunden wird und nicht primär als potentielle Ansteckungsgefahr. Eine stabile Gesellschaft, in der freie Bürger sich freiwillig zu einer starken Realgemeinschaft bekennen und für die Gesunderhaltung des gemeinsam genutzten Umfeldes einstehen und in der Regierungen Rechtssicherheit und angemessenen Schutz der Bevölkerung gewähren und nicht durch Angst und erzwungene Schuldgefühle Handlungszwänge generieren, die letztlich einer selbstherrlich agierenden, abgehobenen Finanz-Elite in die Hände spielt, die offensichtlich einen globalen Paradigmenwechsel nach ihrem Gusto als einzig mögliche Lösung erzwingen will.

Nach wie vor bin ich der Meinung, dass ein offener politischer Dialog das beste Mittel zur Lösung kniffeliger Fragen ist und nicht Einschüchterungsmassnahmen im Rahmen von Notstandsgesetzten.

Vor allem Menschen, die aufgrund ihrer Krankheit gespalten sind, brauchen mehr als andere ein stabiles und reales Umfeld, das wir verpflichtet sind, aufrechtzuerhalten. Auch diese Menschen leben jetzt und stehen in Resonanz mit uns, das heisst sie zeigen uns Dinge, die wir spüren aber nicht sehen können.

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Hallelujah

00:22 15.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Delphine nach Venedig

weil schreiben kunst und realität die einzigen mittel sind schnaufend zu sterben, schnaufend zu leben und gedanken in wörtern virenfrei auszusterben
Delphine nach Venedig

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