Lungenstärkung zur Überwindung der Angst

Funktionelle Immunität Von der Dynamik der Lunge lernen und Wege einer neuen Krisenbewältigungsstrategie
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Meine ersten professionellen Begegnungen mit der Dynamik des Organs Lunge machte ich als frisch gebackener Medizinstudent im Rahmen eines Praktikums. Bei der morgendlichen Blutentnahme geriet eine Asthmatikerin unvermittelt in akute Luftnot. Trotz aller medikamentöser Bemühungen meiner kompetenten Kollegin steigerte sie sich in einen bedrohlichen, immer dramatischere Ausmasse annehmenden Zustand, den ich innerlich mitfühlte und der mich immer mehr selbst zu lähmen schien. Sie keuchte, stöhnte, ihre schweissüberströmte Haut wurde schliesslich immer dunkelvioletter, und ihre Hilfeschreie wurden verzweifelter und gleichzeitig kraftloser. Die Situation eskalierte, auch ihre Zimmergenossin, meine Kollegin und ich selbst konnten uns dieser fürchterlichen Erstickungsangst nicht entziehen. Der Zustand der Patientin schien sich fast auf alle anderen im Raum Anwesenden zu übertragen, die alle immer aufgeregter und gleichzeitig sprach- und ratloser wirkten. Nach langen, quälenden 20 Minuten des kollektiven «Aussersichseins» erlöste uns schliesslich eine erfahrene zierliche Oberärztin, die das Zimmer betrat und nach wenigen Augenblicken die Situation im Griff hatte. An Stelle der von allen sehnlich erwarteten pharmakologischen Wunderintervention strahlte sie in erster Linie Ruhe, Vertrauen und Kompetenz aus. Sie redete beruhigend auf die agitierte Patientin ein und begann zu meinem grössten Erstaunen, ihre Waden zu massieren. Die heilsame Kombination aus Sicherheit und real erdendem Kontakt, das Sich-Wieder-Im-Körper-Spüren zähmten die vorher in Todesangst gefangenen, wild im Raum herumirrenden seelischen Anteile der Patientin, die schnell wieder zu sich kam und ihren normalen Atem wiederfand. Die Szene war mir so eindrücklich, dass ich sie selbst jetzt noch – 31 Jahre später - ganz klar vor Augen habe.
Anders als das Herz ist die Lunge per se ein Austauschorgan, d.h. sie verbindet uns unmittelbar mit der Aussenwelt. Das trifft sowohl für den Austausch von CO2 und Sauerstoff zwischen Körper und Aussenluft als auch in einem seelischen Sinn zu. Unsere Sprachfähigkeit und – Qualität hängt eng mit der Lungenfunktion zusammen und auch unserer Fähigkeit, eigene Gefühlszustände anderen mitzuteilen bzw. diese auf andere zu übertragen, wie es vielleicht am Gänsehautgefühl nachvollziehbar ist, welches so manch ein genial gesungener Song bei seinen Zuhörern auszulösen vermag. Erstickungszustände übertragen sich stärker auf die Umwelt und lösen bei Anderen entsprechenden Beklemmungen aus.
Anders als der Herzschlag lassen sich Atembewegungen willkürlich sehr stark beeinflussen, anhalten oder beschleunigen, was vor allem beim Sprechen und Singen nützlich ist. Ein Grossteil der Atemzüge erfolgt jedoch unbewusst, d.h. die Atemregulation passt sich sowohl seelischen als auch körperlichen Impulsen an. Andererseits beeinflusst die Atemqualität wesentlich sowohl Psyche als auch Organfunktionen. Letzteres wird in vielen ganzheitlichen medizinischen Therapieformen wie z.B. Atemtherapie, Yoga, Sprachgestaltung oder Autogenem Training medizinisch nutzbar gemacht.
In der chinesischen Medizin wird die Lunge dem Element Metall zugeordnet, welches die Grenzfläche des Innen mit der Aussenwelt markiert. Die Lunge ist gemeinsam mit dem Dickdarm ein Organ der Trauer und des Loslassens. Die Haut als weiteres Innen-Aussen begrenzendes Organ und das Immunsystems zählen auch zum Funktionskreis Lunge-Dickdarm-Metall.
Aufgrund dieser vielfältigen Vernetzungs- und Verbindungsfunktion (Innen-Aussen, Ich-Du, Seelisch-Körperlich, Vergangenes-Werdendes) gibt es wahrscheinlich kein anderes Organ, dessen Fehlfunktion neben vitaler Bedrohungsangst so vielschichtige Alarmreaktionen in Innen- und Aussenwelt hervorrufen kann.

Die Lunge lässt sich auch als Metapher für unsere subtil gesteuerten Wirtschaftskreisläufe betrachten. Hier lohnt sich vor allem eine Wahrnehmung ihrer Funktion, die gut belüfteten Bronchialbereiche über eine Weitstellung der zugehörigen Blutgefässe auch besser zu durchbluten, d.h. in gut beatmete Bereiche fliesst mehr und in schlecht belüftete Areale weniger Blut. So wird der Sauerstoff- und CO2-Austausch ständig maximiert und die Lungenfunktion optimiert. Für die Krisenbewältigung – glaube ich - lässt sich aus dieser als Euler – Liljestrand- Mechanismus bezeichneten Autoregulation der Lunge einiges lernen. Setzen wir das Blut gleich mit unserer Aufmerksamkeit und die Luft in den Bronchien mit unseren Handlungsmöglichkeiten, so scheint es jetzt entscheidend, alle Aufmerksamkeit in die Bereiche zu lenken, wo wir noch Handlungsmöglichkeiten besitzen und die blockierten Zonen weitgehend ruhen zu lassen, um so eine optimal angepasste Funktionsfähigkeit zu erhalten.

Die erschreckenden Bilder der Erstickungsbedrohten, beatmeten Patienten erzeugen aktuell eine soziale und mentale Lähmung eines von mir bisher noch nie erlebten Ausmasses. Die notwendigen Massnahmen zur Eindämmung der Virenverbreitung, d.h. die damit zusammenhängende phobisch besetzte Sicht der Aussenwelt – vor allem auch der Luft, schwächen unsere ohnehin stark beanspruchten Lungen. Zusätzlich belastend wirken sich die erzeugte wirtschaftlich-soziale Unsicherheit, politische Konflikte, Abhängigkeitsgefühle, die Trauer um die menschlichen und sozialen Opfer der Krise aus.

Der Grund dieser Zeilen ist ein Appell an alle, sich neben dem obligaten verantwortlichen Verhalten zur Beschränkung der Virenausbreitung vor allem der Bedeutung unserer LUNGE für den Fortgang dieser Krise bewusst zu sein – sowohl der eigenen als auch der sozialen Lunge in all ihren Facetten.

Körperlich lässt sich die Lunge vor allem durch gute Befeuchtung der Aussenluft, ausreichendes Trinken, Vermeidung von Auskühlung sowie ruhiges, tiefes, bewusstes Atmen, Achtsamkeits- und Entspannungsübungen unterstützen.

Für die Nährung der sozialen Lunge lassen wir ehrliche Trauer zu, unterstützen wir uns gegenseitig, bleiben wir auf dem Boden und sprachfähig, vermeiden wir Katastrophenszenarien, verlassen wir die Matrix eines lähmenden Angstdiskurses, lernen wir wieder zu wünschen und zu vertrauen anstatt zu fürchten. Werden wir von Angst-, Raff-, Wut- und Netflix-Bürgern wieder zu verantwortlichen, hoffnungsvollen und aktiv-handlungsfähigen Mitbürgern!

10:21 15.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Delphine nach Venedig

weil schreiben kunst und realität die einzigen mittel sind schnaufend zu sterben, schnaufend zu leben und gedanken in wörtern virenfrei auszusterben
Delphine nach Venedig

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