Die Antibaby-App

Gender Statt jahrelang Hormone einzunehmen, kann frau mittlerweile auch verschiedene Apps zur Verhütung nutzen. Hat sie dadurch mehr Freiheiten?
Carolin Born | Ausgabe 44/2016 1
Die Antibaby-App
Eine App, sie zu knechten?
Foto: Franck Fife/AFP/Getty Images

Los geht es meistens mit Pickeln. Dagegen bekommen viele noch als Teenies das erste Mal die Pille verschrieben. Einmal täglich schlucken. Damit sind Pickel und gleichzeitig das Thema Verhütung, nun ja, gegessen. Die Nebenwirkungen schmecken allerdings bitter. Dennoch verhütet jede zweite Frau mit der Pille und – Gleichberechtigung hin oder her – viel zu oft wird von Männern erwartet, dass Frauen sie sowieso nehmen. Schließlich gilt sie als Mittel der sexuellen Befreiung.

Statt jahrelang Hormone einzunehmen, kann frau mittlerweile aber auch verschiedene Apps zur Verhütung nutzen. Dort lassen sich Körpertemperatur und die Konsistenz des Zervixschleims eintragen. Die App ermittelt die fruchtbaren Tage und ersetzt Stift und Papier.

Normalerweise wird die sogenannte natürliche Verhütung in die Hippie-Ecke gestellt. Zu Unrecht, denn wenn die Methode korrekt angewandt wird, ist sie so sicher wie die Pille. Und das ohne Nebenwirkungen und Gewinne für die Pharma-Konzerne. Wer die App nutzt, lernt den eigenen Körper besser kennen. Denn die wenigsten Frauen können erklären, wie ihr Zyklus eigentlich funktioniert. Dabei verrät die jeweilige Zyklusphase spannende Dinge, zum Beispiel über die Stimmung. Einen Zyklus haben übrigens auch die Männer – nur wissen die noch weniger darüber als Frauen.

Bevor es gleich Protest von besorgten Datenschützern hagelt: Ja, viele Apps sind kostenlos, es wird also mit Daten bezahlt. Über das Thema Zyklus gibt es allerdings noch so wenig Forschung, dass die Daten tatsächlich nützliche Erkenntnisse über den weiblichen Körper liefern können. Bisher hat sich nämlich niemand groß darum gekümmert, wie es Frauen in ihrer jeweiligen Zyklusphase geht, zumindest jenseits des Satzes: „Die hat wohl ihre Tage?“

Praktisch ist die App, aber hilft sie dabei, dass Verhütung endlich gemeinsam diskutiert wird, also nicht nur Frauensache bleibt? Die Temperatur messen muss frau zwar weiterhin selbst. Aber zumindest müssen Paare besprechen, ob heute ein fruchtbarer Tag ist. Und die Sache als Frau selbst in der Hand zu haben, ist autonomer, als ständig zum Arzt zu rennen und sich die Pille verschreiben zu lassen. Aus Rückmeldungen von Kundinnen haben die US-amerikanischen Betreiber einer App übrigens erfahren, dass ihre häufigsten Nutzerinnen keine überzeugten Gegnerinnen der Antibabypille sind. Meistens versuchen damit fromme Christinnen, an ihren fruchtbaren Tagen schwanger zu werden. Auch dafür taugt die digitale Hilfe.

06:00 09.11.2016

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