Carolin Born
Ausgabe 4916 | 08.12.2016 | 06:00

Mit Vielfalt ist es nicht weit her

Fußball Eine Studie widmet sich den Geschlechterbildern in den Fanszenen. Dort wird der Sport nach wie vor vor allem mit Männlichkeit und Härte verbunden

Mit Vielfalt ist es nicht weit her

Zwischen Bier und Schlachtgesängen bleibt wenig Raum für Zwischentöne

Foto: BPI/Imago

Als die ZDF-Reporterin Claudia Neumann im Sommer ein Fußball-EM-Spiel im Fernsehen kommentierte, wurde sie übel sexistisch beschimpft. Eine Frau im Männerfußball! Wobei, dass es sich um Männer handelt, braucht man nicht dazuzusagen. Wer Fußball sagt, meint doch sowieso Männerfußball. Da haben es Frauen nicht nur in der Kommentatorenkabine schwer, sondern auch auf der Zuschauertribüne. Dazu hat nun die „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“, kurz KoFaS, die Expertise Geschlechtervielfalt in Fuballfanszenen veröffentlicht.

Zentrales Ergebnis: Mit der Vielfalt ist es nicht weit her. Fußball bleibt Männersache. Und dient als Männlichkeitsmaschine: Wo sonst können Fans sich schon morgens auf der Auswärtsfahrt betrinken, für „ihre Jungs“ grölen und laut gegen die Gegner pöbeln? Für viele ist zudem Sexismus ein Fangesang. Hier zeigt er sich besonders deutlich und bleibt oft unwidersprochen.

Für die weiblichen Fans ist es deswegen nicht einfach. Viele haben es deutlich schwerer, akzeptiert zu werden. Sie werden am Anfang abgescannt, brauchen ein dickes Fell, aber sie sind dabei. Das Wir-Gefühl stößt aber auch an Grenzen: Oberkörperfrei in der Kurve stehen, das geht für sie nicht.

Dass zwischen Bier und Schlachtgesängen wenig Raum für Zwischentöne bleibt, steht auch in der Expertise: Es geht um Sieg oder Niederlage, stark oder schwach, hetero- oder homosexuell. Sätze wie „Ich dusch nur mit dem Arsch zur Wand“ hört man auf dem Platz, genauso wie auf den Rängen, häufig. Andererseits gibt es neben homophoben Sprüchen auch Solidaritätsbekundungen für ehemalige Profifußballer, die sich geoutet haben. Frauen, die Fußball spielen, wird dagegen häufig per se das Lesbischsein unterstellt.

Eingeübte Verbindung

Wie so oft gilt auch hier: Es ist kompliziert. Auch bei Fußballfans gibt es neben dem herrschenden Ideal der Härte noch andere Männlichkeitsformen. Da stehen auch Fans mit weichen Bierbäuchen auf den Rängen, Männer weinen über dramatische Niederlagen oder liegen sich in den Armen. Ultras führen kreative Choreografien auf, und wahrscheinlich findet man nirgendwo sonst so viele Jungs, die mit einer Nähmaschine umgehen können, weil sie Banner und Fahnen herstellen.

Die Fans sind füreinander da. Dass ein solcher Zusammenhalt aber durch Abgrenzung gefestigt wird, erklärt, warum Gruppen wie Homosexuelle oder Frauen oft ausgegrenzt werden. Jahrzehntelang wurde beim Fußball die starke Verbindung mit Härte und Männlichkeit eingeübt.

Das war nur nicht immer so. Als Fußball von England aus auf den Kontinent kam, galt er im Gegensatz zum deutschen Turnen als verweichlicht. Als neuer Nationalsport wurde er dann mit den Vorstellungen von Männlichkeit und Stärke verbunden. Es wäre schön, wenn die Fans die Wandelbarkeit dieser Zuschreibungen nicht völlig vergessen würden, sobald der Ball rollt.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 49/16.