Carolin Born
Ausgabe 4716 | 07.12.2016 | 06:00 8

Wie Frauenrechte ausgehöhlt werden

Abtreibung Bei dem hochumkämpften Thema droht gerade ein gewaltiger Backlash. Nicht nur in Polen und den USA – auch im niedersächsischen Landkreis Schaumburg

Wie Frauenrechte ausgehöhlt werden

Derzeit wird vielerorts protestiert

Foto: Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Eine Abtreibung ist im niedersächsischen Landkreis Schaumburg bald nur noch im Notfall möglich, also nach einer Vergewaltigung oder wenn die Schwangere gefährdet ist. Der christliche Agaplesion-Konzern betreibt dort ab März das einzige Kreisklinikum und weigert sich, auf Wunsch der Frau abzutreiben. Keine Schaumburger Arztpraxis bietet außerdem die ambulante Möglichkeit mit einer Abtreibungspille an.

Als Alice Schwarzer noch cool war, lancierte sie die Kampagne „Wir haben abgetrieben!“. Das ist über 40 Jahre her – und trotzdem können Frauen heute noch immer nicht überall über ihren Körper bestimmen. Auch jenseits von Schaumburg werden Frauen vor einem Schwangerschaftsabbruch Schuldgefühle eingeredet. Und das, obwohl in Deutschland straffrei bis zur zwölften Woche abgetrieben werden darf, wenn die Frau an einer Beratung teilgenommen hat. Pro Familia ist eine nichtkonfessionelle Anlaufstelle, die solche Beratungen durchführt. Das macht sie immer wieder zum Zielobjekt von Abtreibungsgegnern. Auch im Internet lauern sogenannte Lebensschützer mit dem Vorwurf, ungeborene Kinder zu töten. Solche Aussagen verzerren die Wirklichkeit und erzeugen enormen Druck. Dass der Fötus bis zur 24. Woche noch keinen Schmerz empfindet, ist dagegen weitgehend unbekannt.

Beim hochumkämpften Thema Abtreibung droht gerade ein gewaltiger Backlash. Hierzulande wird für das Leben marschiert, in den USA will Donald Trump den Abtreibungsgegner Mike Pence zu seinem Vizepräsidenten machen, und in Polen demonstrieren Frauen mit Kleiderbügeln, um drastisch zu verdeutlichen: Dann müssen wir es eben so machen. Auf ihren Plakaten ist aber auch eine Gebärmutter, die ihren Gegnern den Mittelfinger zeigt.

Es gibt aber auch Gruppen wie Ciocia Basia, mit denen Pro-Choice-Aktivistinnen Abtreibungen für polnische Frauen in Deutschland organisieren. Oder Women on Waves, die Schwangerschaftsabbrüche auf Klinikschiffen durchführen, weil die Behandlung in internationalen Gewässern legal ist.

Wenn sie nicht viel Geld für Abtreibungstourismus zahlen wollen, bleibt den Schaumburgerinnen künftig noch eine weitere Möglichkeit. Aktivistinnen empfehlen sie für Länder mit Abtreibungsgesetzen, in denen die Abtreibungspille RU-486 verboten ist. Durch Tabletten mit dem Wirkstoff Misoprostol lässt sich eine Abtreibung selbst einleiten. Die Pillen werden gegen Mutters Magengeschwüre oder Großmutters Arthritis verschrieben.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 47/16.

Kommentare (8)

Sünnerklaas 12.12.2016 | 11:01

Wen wundern solche Vorkommnisse in einem Landkreis, in dem noch die Grenzsteine der alten Staatsgrenze zwischen der Hessischen Grafschaft Schaumburg und dem Fürstentum Schaumburg-Lippe gepflegt werden? Ein Landkreis, der zwei evangelische Landeskirchen - Schaumburg-Lippe hat sogar einen eigenen Landesbischof (!) - beherbergt? Ein Landkreis, in dem die Gremien nicht in der Lage sind, dafür zu sorgen, dass der komplette Landkreis dem Großraumtarif Hannover (GVH) beitritt? - Kurz: ein Landkreis, in dem Kirchturmdenken und altdeutsche Kleinstaaterei immer noch die seltsamsten Blüten treiben?

CS Spuhr 16.12.2016 | 10:50

Klar, wenn Frauen das mit dem Kleiderbügel machen müssen, wenn sie von der Gesellschaft und dem Stat, oft auch von Ärzten, eingebleut bekommen, daß sie etwas schlimmes machen, denken sie danach vielleicht anders darüber. Realität ist jedoch, daß in Ländern in denen es legal ist, hauptsächlich medikamentös durchgeführt wird und die Frauen sich nicht alleingelassen fühlen, 95% der Frauen sagen, sie fühlten hauptsächlich Erleichterung nach dem Schwangerschaftsabbruch.

CS Spuhr 16.12.2016 | 10:54

Ich frage mich, ob das legal ist, wenn sie tatsächlich das einzige Krankenkaus sind. Muss eine Flächendeckende ärztliche Versorgung nicht gewährleistet sein? Also, wenn ich Gynäkologe in Hannover wäre, würde ich mir schnell ein paar Werbemassnahmen einfallen lassen, um Frauen in Schaumburg zu informieren, daß Ihnen bei mir geholfen werden kann, z.B. mit Rezept für die Abtreibungspille.

Ratatörskr 20.12.2016 | 10:22

Eigentlich kann es nicht sein, dass ein Land ein Bundesgesetz unterläuft und den Frauen die ihnen zustehende Hilfe verweigert.

Die Gesundheitsämter könnten ambulante Behandlungen durchführen und es wird vermutlich mutige ÄrzteInnen geben, die in ihren Praxen ihre rechtmäßige Hilfe durchführen.

Zwangsgebären kann man das nennen. Frauen sollten ihre Mitgliedschaften in allen Institutionen kündigen, die ihnen dieses Recht ihrer Lebensentscheidung verweigern. Gleich ob politisch oder religiös. Gemeinsam sind wir stark. Politiker wollen gewählt werden! Kirchen brauchen Frauen schon immer im eigenen Interesse.