Das ist sehr interessant

Rassismus „Unter Weißen“ zeigt eindrücklich, „was es heißt, privilegiert zu sein“
Das ist sehr interessant
Mohamed Amjahid ist als Sohn von marokkanischen Gastarbeitern in Frankfurt am Main geboren
Foto: Götz Schleser

Weit vorn würde ich beim Privilegienspiel stehen. Es funktioniert so: Einer liest Fragen vor. Wer mit „Ja“ antwortet, geht einen Schritt nach vorne, wer mit „Nein“ antwortet, einen Schritt zurück. Fragen wie „Haben Sie einen festen Wohnsitz?“, „Können Sie problemlos ins Ausland reisen?“ oder „Werden Sie von der Polizei ignoriert, wenn Sie an Bahnhöfen und Flughäfen unterwegs sind?“ sollen herausstellen, wie viele Privilegien die Spielteilnehmer haben. Ich bin weiß, ich bin heterosexuell, cisgender, lebe ohne Behinderung und habe studiert. Das Buch Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein von Mohamed Amjahid richtet sich an Menschen wie mich.

Amjahid beschreibt pointiert und selbstironisch, wie ist es, als Nichtweißer in einer weißen Mehrheitsgesellschaft zu leben. Als Amjahid das Spiel kennenlernte, landete er auf dem vorletzten Platz. Als Sohn von marokkanischen Gastarbeitern ist er in Frankfurt am Main geboren, er verbrachte seine Kindheit größtenteils in Marokko. Der heute 28-Jährige lebt in Berlin und arbeitet als Reporter bei der Zeit. Seine Biografie macht ihn in Deutschland zu einem „Integrationsvorbild“. Ein Ausdruck, der Ahmjahid nervt. Denn wenn er zu seinen „liberalen Ansichten beglückwünscht wird, stehen alle anderen Araber automatisch als Demokratiefeinde da“. Mit seinem Buch ordnet er sich in die aktuelle Critical-Whiteness-Debatte ein. Eine akademische Disziplin, die eine Auseinandersetzung von Weißen mit ihren Privilegien behandelt. Das fordert der Autor auch von Biodeutschen. In vielen Beispielen legt er dar, dass es Menschen mit nichtweißer Hautfarbe in Deutschland schwerer haben. Dazu gehört auch die Praktik des Othering, also wenn eine Gruppe einer anderen bestimmte Attribute zuschreibt. Die einen rennen schnell, die anderen sind leidenschaftlich, sie haben Rhythmus im Blut, sie sind eher pragmatisch. Wer zu diesen Aussagen Menschen bestimmter Nationalität oder Hautfarbe im Kopf hat, wendet das Othering an. Das Gefährliche daran ist die Verallgemeinerung. In der Kolonialzeit wurde Othering von Weißen betrieben. Es entstand aber auch die Vorstellung, desto ähnlicher man den Kolonialherren sei, je besser sei man selbst. Amjahid erkennt diese Vorstellung auch bei seiner Mutter wieder, die sich so sehr ein weißes Enkelkind wünscht.

In Berlin-Neukölln begegnet dem Autor immer wieder auch Rassismus zwischen Minderheiten. Türken schimpfen gegen Araber, Araber gegen Roma und Roma gegen Araber. Sie werten sich gegenseitig ab und kämpfen darum, wer der bessere „Ausländer“ sei. Die anderen seien faul, nähmen Arbeitsplätze weg oder vergewaltigten ihre Frauen. Sie kopieren die Mechanismen der Andersmachung und der Machtausübung. Amjahid folgert daraus, dass so herrschende rassistische Strukturen bestehen bleiben und somit auch die Privilegien der Weißen. Eine konkrete Anleitung gegen Rassismus stellt Amjahid nicht vor. Sein Buch ist jedoch keine reine Anklage gegen Weiße, sondern vielmehr ein Wunsch nach Solidarität. Er betont an mehreren Stellen, dass kein Mensch, er selbst eingeschlossen, frei von rassistischem Denken ist und keine Vorurteile gegenüber anderen hegt. Sein Vorschlag: Gemeinsam müssen Weiße und Nichtweiße reflektieren, sich engagieren und miteinander ins Gespräch kommen. In der deutschen Debatte fehlen dazu teilweise die passenden Wörter, um den Diskurs für alle verständlich zu machen. So muss auch der Autor in seinem Buch auf englische Begriffe, wie People of Color, Tokenism oder Othering zurückgreifen. Ein wichtiger Punkt, wenn Amjahid richtigerweise fordert: „Privilegien, rassistische Sprache, Tokenismus, der White Saviour Complex, postkoloniale Seelenknoten, strukturelle Diskriminierung“ müssen Gesprächsthema werden.

Info

Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein Mohamed Amjahid Hanser 2017, 192 S., 16 €

06:00 12.04.2017

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