Carolina Schwarz
Ausgabe 0617 | 13.02.2017 | 06:00 1

„Es braucht viel Mut“

Medien Rebecca Beerheide, Vorsitzende des Journalistinnenbunds, beschreibt den Kampf gegen Diskriminierung

Frauen verdienen im gleichen Beruf nach wie vor weniger Geld als Männer. Birte Meier ist die erste Frau, die wegen Entgeltdiskriminierung gegen das ZDF geklagt hat. Die preisgekrönte Frontal-21-Reporterin sah sich im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen schlechter bezahlt. Der Arbeitgeber bot ihr einen Vergleich an, wenn sie dafür das Unternehmen verlasse. Birte Meier ließ sich nicht darauf ein und zog vors Arbeitsgericht Berlin. Vergangene Woche hat es die Klage abgelehnt, Frauenverbände kritisieren die Entscheidung: ein Gespräch mit der Vorsitzenden des Journalistinnenbunds, Rebecca Beerheide, über die Klage, Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt und Lösungsvorschläge.

der Freitag: Frau Beerheide, warum ist die Klage von Frau Meier gescheitert?

Rebecca Beerheide: Ich bin keine Juristin, aber soweit ich die Berichterstattung verfolgt habe, war der Richter der Überzeugung, dass die Diskriminierung nicht belegbar sei. Meiers Anwalt behauptet das Gegenteil. Wir sehen Frau Meiers Fall aber als einen Präzedenzfall, der zeigt, dass es neue Regelungen braucht, wie man Lohndiskriminierung nachweisen kann.

Würden Sie Frauen trotzdem ermutigen, bei ungerechter Bezahlung gegen den Arbeitgeber zu klagen?

Der Weg zum Gericht ist kein einfacher, die Klage sollte immer der letzte Schritt sein. Jede Frau muss selbst entscheiden, ob sie diesen Weg gehen möchte. Ich rate jedoch jeder Frau, nachzufragen, was Kollegen verdienen. Das ist in Deutschland eher verpönt, doch es ist wichtig, damit wir nicht unwissend in Vertragsverhandlungen gehen. Im Zweifel sollten sie das Gespräch mit dem Arbeitgeber suchen. Das kostet viel Mut, doch der wird gebraucht, um Änderungen zu erreichen.

Der Journalistinnenbund hat zur Solidarität mit Birgit Meier aufgerufen. Wie sieht die aus?

Wir möchten auf das Problem aufmerksam machen. Es ist kein Einzelfall, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Gleichzeitig fordern wir Frauen auf, sich zusammenzuschließen. Wir finden es auch stark, dass die Kollegin in die zweite Instanz geht. Das ist ein gutes Signal für andere. Es braucht noch einige Prozesse, um zu zeigen, wie man gegen Diskriminierung vorgehen kann.

Zur Person

Rebecca Beerheide ist 35 Jahre alt und ehrenamtliche Vorsitzende des Journalistinnenbunds. Ein Frauennetzwerk, das sich für Qualitätsjournalismus, Menschen- und Frauenrechte einsetzt. Zudem arbeitet sie als Leiterin der politischen Redaktion beim Deutschen Ärtzeblatt

Foto: Viktoria Schilde

Inwiefern erfahren Frauen im Journalismus sonst Diskriminierung?

Unsere Erfahrung zeigt, dass Diskriminierung auf ganz vielfältige Weise passiert und dabei auch schwer nachzuweisende Formen annimmt. Wir wissen beispielsweise von einer Kollegin, die gemeinsam mit einem männlichen Koautoren einen Film produziert hat. Sie waren bei der Arbeit absolut gleichgestellt. Doch bei der Google-Suche erscheint sein Name viel häufiger, da er vermehrt in Interviews gesprochen hat. Das hat natürlich zur Folge, dass er bekannter wird und künftig mehr Aufträge und Geld erhält. Doch die Diskriminierung an dieser Stelle nachzuweisen, ist sehr schwierig. Denn häufig beruhen Entscheidungen, wer interviewt oder eingestellt wird, auf einem Bauchgefühl.

Was kann man gegen dieses „Bauchgefühl“ tun?

Wir setzen uns seit 30 Jahren dafür ein, dass sich auch in den Redaktionen die Geschlechterverhältnisse verändern. Wir möchten eine Parität in den Redaktionen und wünschen uns mehr Frauen in höheren Positionen. Denn dadurch werden die Sichtweisen vielfältiger und neue Entscheidungswege kommen so in die Medienbranche.

In Volontariaten ist das Männer-Frauen-Verhältnis noch ausgeglichen. Doch nach dem Berufseinstieg sind mehr als zwei Drittel der festen Redakteure Männer. Woran liegt das?

Es gibt viele mögliche Gründe. Einmal liegt es vielleicht daran, dass männliche Chefredakteure größere Sympathien für Volontäre haben, die sie an sie selbst erinnern. Zudem wurde in einer Studie von Katalin Vales gezeigt, dass sich die Berufswahlmotive im Journalismus je nach Geschlecht unterscheiden. Ein Großteil der befragten Frauen möchte verschiedene Perspektiven aufzeigen oder die Welt besser machen. Bloß ein Drittel will Bereiche wie Politik und Wirtschaft kontrollieren. Das gibt Hinweise darauf, mit welchen Themen und Medienbereichen sich Frauen eher beschäftigen. Dazu kommt das Thema Kindererziehung. Obwohl ich das gar nicht immer als Grund anführen möchte, denn Männer werden ja auch Väter.

Für viele ist Kindererziehung immer noch Frauensache.

Das ist natürlich ein Problem, Frauen übernehmen häufig die Kinder und arbeiten in Teilzeit. Sie landen dann in der Teilzeitfalle und ihre Aufstiegschancen sinken. Doch es gibt auch Modelle, die es Frauen ermöglichen, weiterarbeiten zu können, wenn sie das wollen. Und diese Modelle sollten alle von ihren Arbeitgebern fordern. Aber Frauen müssen das, sowohl beim Arbeitgeber als auch in der privaten Beziehung, dann auch durchsetzen.

Der Richter im Fall Birte Meier sagte: „Männer verhandeln besser als Frauen.“ Liegt demnach auch eine Eigenverantwortung bei den Frauen, dass sie nicht so erfolgreich sind wie ihre männlichen Arbeitskollegen?

Der Richter hat nach Medienberichten viele Aussagen getroffen, die 2017 nicht mehr zeitgemäß sind. Allgemein fordern wir, dass Frauen mehr Mut aufbringen und ein bisschen höher pokern müssen. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren, aber ich glaube, die Tendenz ist, dass viele Frauen sich schneller einschüchtern lassen und dann kleinere Schritte machen. Wir brauchen also auf jeden Fall mehr Durchsetzungsstärke, aber auch einen offenen Blick von Arbeitgebern: Sucht die tollen Frauen, die gibt es auch bei euch im Unternehmen.

Familienministerin Manuela Schwesig hat das Lohngerechtigkeitsgesetz auf den Weg gebracht. Dieses fordert eine Lohnauskunftspflicht für Unternehmen ab 200 Beschäftigten. Bringt uns das Lohngleichheit?

Wir als Journalistinnenbund unterstützen den Gesetzesvorstoß von Frau Schwesig. Doch wir sehen auch die Probleme. Gerade die Auskunftsgrenze der 200 Beschäftigten ist schwierig. Viele Unternehmen setzen sich aus vielen kleinen Produktionseinheiten zusammen. Folglich wird das Gesetz bei Medienunternehmen erst einmal nicht so viel bringen. Doch es ist ein gutes Zeichen, dass es das Gesetz gibt. Wenn es in Kraft tritt, ist es für die Beweisführung wegweisend und kann so hoffentlich Lohndiskriminierung offenlegen.

Der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen ist nirgends so hoch wie in Deutschland. Was machen andere Länder besser?

Skandinavien wird häufig als Vorzeigemodell genannt. Da ist es viel selbstverständlicher, dass Frauen und Männer arbeiten. Diese Selbstverständlichkeit fehlt in Deutschland. Es ist immer noch eine Frage, ob eine Frau ihren Beruf behält, wenn sie in Elternzeit geht. In vielen Ländern gibt es mehr Möglichkeiten und mehr Mut, neue Arbeitsmodelle auszuprobieren. Das ist in einem großen Land mit 80 Millionen Einwohnern schwieriger. Doch es mangelt hier auch an Ideen für innovative Arbeitszeitmodelle.

Müssen wir dafür die Gesetze verändern oder die Gesellschaft?

Ich glaube, dass man mit Gesetzen etwas erreichen kann, denn sie schaffen wichtige Grundlagen. Doch auch das Bild in den Köpfen der Menschen muss sich ändern. Vor allem bei den Arbeitgebern, die innovative Arbeitszeitmodelle schaffen müssen. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir eines Tages dahin kommen – und ich hoffe, dass es jetzt keine 30 Jahre mehr dauert.

Es gab ja auch Verbesserungen.

Die gab es in jedem Fall. Doch kürzlich habe ich einen Film von der Weltfrauenkonferenz in Peking von 1995 gesehen. Die Aussagen und Forderungen der Frauen von vor 22 Jahren gleichen denen von heute. Es wird schon seit langer Zeit über Gleichberechtigung von Männern und Frauen gesprochen sowie für Lohngerechtigkeit gekämpft, dabei sollte das ein Menschenrecht sein. Doch aus irgendeinem Grund kommen wir nicht wirklich weiter. Der gesellschaftliche Wandel benötigt zu viel Zeit.

Was können Frauen tun, um den gesellschaftlichen Wandel voranzubringen?

Der Zusammenschluss und das Netzwerk sind sehr wichtig. Zudem ist vielen Frauen und Männern nicht bewusst, wo die Ungerechtigkeiten in unserem Alltag liegen. Sie sehen vieles als Tradition an. Doch wir müssen mit Aktionen auf die Missstände und Diskriminierungen immer wieder aufmerksam machen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 06/17.

Kommentare (1)

na64 13.02.2017 | 09:03

Mit einem aggressiven Haltung Voranschreiten und gleichzeitig ein neu setzen von Imaginären Grenzen der Ignoranz (Ausgrenzung), werden die Opfer in die Rolle der Schuldigen gesetzt, um als Täter für dieses ausgrenzende Verhalten gefühlte Sicherheit zu erhalten. Wer Schuld hat soll erst mal das Gegenteil beweisen. Das Ganze ist schon eine merkwürdige Auffassung im Umgang mit Menschen, da anscheinen nur noch Vorteile zum eigenen Nutzen als soziale Errungenschaft zählen. Inspirationen im Kapitalismus ein gepflegter Egoismus. Und Bitte alles in korrekten politischen Sprachgebrauch, was dann auch schon wieder die Gegenwehr ins Harmlose degradiert. Fazit: Ich gewinne nur wenn ich Täter bin. Um im ZDF (Zentrum der Finsternis), oder auch woanders seine Anerkennung über die Arbeit zu erhalten braucht man schon Superpower in evil. Die Werte die man früher hochgehalten hatte, auch als Motivation für die Gesellschaft, wie Leistung, wie Fleiß, die wandern dann in den Mülleimer. Bitte spielen Sie Ihre Rolle auf Arbeit. Bitte hinterfragen Sie nicht die ungerechten Dinge auf Arbeit. Bitte liebes Opfer, ich als Täter brauche Sie, damit ich selber nicht zum Opfer der Finsternis werde.