Kalkulierte Klischees

Genderkolumne Lernbücher für Mädchen bringen zwar Geld, schreiben aber Stereotype fort. Mathematische Fähigkeiten werden dadurch eingeschränkt statt gefördert
Kalkulierte Klischees
Pink, pink, pink sind alle meine Farben
Foto: Imagebroker/Imago

„Lisa hat 316 Perlen. Sie will 4 Perlenketten daraus machen. Wie viele Perlen hat eine Kette?“ So lautet eine Rechenaufgabe aus dem Mathebuch Rechenübungen für Mädchen aus dem Pons-Verlag. In Rosatönen gehalten möchte es mit Rechenblumen und Bastelaufgaben die Kreativität und Motivation von Mädchen anregen – „weil Mädchen anders lernen“. Ein Äquivalent für Jungs gibt es auch auf dem Markt, selbstverständlich in Hellbau. In diesem Buch werden keine Perlen gezählt, sondern Maße eines Hubschraubers ausgemessen.

Diese Verkaufsstrategie, die die Konsumenten nach Geschlecht trennt, nennt sich Gendermarketing und ist seit einigen Jahren auch in Deutschland stark verbreitet. Aus einer Zielgruppe werden zwei gemacht, Verkaufszahlen lassen sich auf diese Weise verdoppeln. Der Inhalt unterscheidet sich dabei in den meisten Fällen nicht, bloß die Verpackung und Aufmachung zweiteilt die Warenwelt. Spielzeug in neutralen Farben gibt es immer seltener. Die Produkte für Mädchen in der Farbe Rosa, für Jungs in Hellblau. Doch Gendermarketing beschränkt sich nicht nur auf Produkte für Kinder, wie Legobausteine und Überraschungseier. Auch Alltagsprodukte wie Tee, Batterien oder das Konzentrat für Scheibenwischanlagen stehen im Laden in weiblicher und männlicher Aufmachung.

Für die Hersteller rentiert sich diese Spielart des Marketings. Durch die Vielzahl der Produkte werden aber klischeehafte Vorstellungen, was einem Mädchen und was einem Jungen gefällt, verfestigt. Dass ein Junge das rosafarbene Fahrrad seiner großen Schwester nutzen möchte, ist demnach sehr unwahrscheinlich. Für ihn muss ein neues in männlich codierten Farben gekauft werden.

Mathe für Mädchen

Die nach Geschlecht getrennten Lernbücher sind dabei nur ein Beispiel dafür, welche Gefahren Gendermarketing birgt. Anstatt Mädchen in Mathematik zu fördern, schränken sie deren Erfolg ein – denn Mädchen lernen nicht anders. Bei den angeborenen Fähigkeiten spielt das Geschlecht keine Rolle. Aktuelle Pisa-Studien zeigen aber, dass Mädchen häufig schlechtere Leistungen in Mathematik aufweisen als Jungen. Dass Mädchen einfach schlechter rechnen können, ist aber ein Bildungsmythos. Der Grund hinter den schlechteren Ergebnissen liegt in ihrem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Eine soziopsychologische Studie in den USA fand heraus, dass Stereotype die mathematischen Leistungen von Frauen beeinflussen. In Mathetests erreichten die Probanden weiblichen und männlichen Geschlechts durchschnittlich das gleiche Ergebnis. Wurde ihnen vorher mitgeteilt, dass Frauen in der Regel weniger begabt in Mathe seien als Männer, erreichten diese dann aber weniger Punkte.

Diese Fehleinschätzung wird Mädchen häufig von Eltern und Lehrern vermittelt: Für ein Mädchen sei es vollkommen in Ordnung, wenn es keine guten Noten in Mathe erreicht. Lehrbücher, die zu diesem Rollenklischee beitragen, helfen demnach nicht, die Fähigkeiten der Mädchen zu stärken, sondern schränken vielmehr den Erfolg weiter ein. Es ist ein Beispiel dafür, dass Gendermarketing mehr ist als nur eine Verkaufsstrategie der Unternehmen. Geschlechtsspezifische Stereotype werden dadurch fortgeschrieben.

Die Autoren Almut Schnerring und Sascha Verlan haben in ihrem Buch Die Rosa-Hellblau-Falle über die negativen Auswirkungen von Gendermarketing geschrieben. Auf dem gleichnamigen Blog sammeln sie Produktfotos, die veraltete Rollenklischees reproduzieren. Anfang März küren sie in Berlin dann den Negativ-Award „Der Goldene Zaunpfahl“. Die Mathelernhilfe Rechenübungen für Mädchen ist da durchaus preisverdächtig.

06:00 06.02.2017

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