Zombies, Gurken und Psychopharmaka

Sie leben unter uns: Zombies – sind gerade sehr präsent in den Medien: Wir assoziieren sie mit toten Persönlichkeiten in lebendigen Körpern, ...
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Schweine- und Vogelgrippe, Rinderwahnsinn, EHEC, verseuchte Döner und Gurken oder gar die Sojasprossen? So wurden und werden die Menschen in Sorge getrieben. Persönlich habe ich niemanden gekannt, den es tatsächlich getroffen hätte. Dafür kenne und begegne ich jeden Tag Menschen, die irgendwie vom Thema Psychiatrie betroffen sind oder waren: Das sind unsere Verwandten, Freunde oder sogar unsere Partner. Und das Arsenal dieses Systems reicht tief – von Therapien, über Notdienste, geschlossene Anstalten, Sorgentelefone und ambulante Pflegedienste bis hin zu (Alters-)Heimen und Jugend-einrichtungen.

Wir sind alle davon betroffen und doch fürchten sich viele mehr vor totem Fleisch und verseuchten Gurken, obwohl unzählige von uns tatsächlich vergiftet werden, ohne dass wir unser Augenmerk darauf richten. Als wolle unser Verstand diese schreckliche Wahrheit nicht zulassen und suche sie zu ver- drängen. Es würde die Welt von vielen auf den Kopf stellen, die den Gedanken, Schutz, Hilfe und Unterstützung durch staatliche und kirchliche Institutionen zu finden, als tröstlich empfinden. Noch mehr würde es jenen ans Fundament gehen, welche dieses Glaubenssystem über Jahr- und Jahrzehnte studiert und eingeprägt bekommen haben und glauben, etwas Gutes zu tun. Schmerzlich würde es insbesondere aus dem Grund, dass Fachleute weitaus weniger Hilfe leisten können, als Menschen, die mit Lebenserfahrung, guter Gesinnung und Liebe an die Menschen herantreten.

Zombies – sind gerade sehr präsent in den Medien: Wir assoziieren sie mit toten Persönlichkeiten in lebendigen Körpern, die Jagd auf Menschen machen, um sie oder ihre
Gehirne zu fressen und sie zu infizieren. Das ist ein sehr abschreckendes und körperliches Bild. Es gibt sie, aber anders als wir vielleicht denken mögen. Denn die Zombies unserer Gesellschaft ernähren sich ganz einfach von Obst, Gemüse, Fleisch und Wasser. Sie wandeln unter uns – ungesehen und oft allein. Sie leiden, sind stumpf, müde, emotionslos und leer. Konsequenzen eines Umkehrschlusses: Psychiater geben die Wirkungen von Psychopharmaka als Symptome einer Krankheit aus.

Menschen, die diese Substanzen (Tabletten, Spritzen, etc.) konsumieren - tatsächlich gibt es auch einen erheblichen Konsumbezug – werden faktisch gelähmt und von der Außenwelt abgeschnitten. Diese Substanzen machen, grob formuliert, fett, impotent, müde- und kraftlos, konzentrationsunfähig wie verwirrt. Man betrachtet die Welt nur noch durch einen Schleier und verliert seinen Bezug zur Klarheit. Da rücken angenehme Alltäglichkeiten, wie eine Beziehung, Lesen, körperliche Aktivität oder gar Attraktivität schnell in weite Ferne.

Vielmals ist die Furcht vor Gespenstern größer, als das Offensichtliche direkt vor unseren Augen. Wer sucht schon unter der Lampe, wo die Wirkungen dieser Nervengifte (Neuroleptika, urspr. Neuroplegika: Lähmende Substanzen) kleingedruckt auf dem Beipackzettel stehen. Den mag bloß keiner mehr lesen, wenn sie oder er müde und konzentrationslos nur an Schlafen und Essen zu denken vermag.

Scheuchen wir die Gespenster davon und widmen uns dem, was klar vor Augen liegt: Es gibt keine „psychischen Krankheiten.“ Es gibt Leid, Schmerz, Sorge, Einsamkeit, Verlust, Trauer, Wut, Verzweiflung, Schüchternheit, Angst, Liebe, Freude, Glück, Euphorie und Hoffnung. Kehren wir zurück zu den Wurzeln, zu unseren Gefühlen. Etwas, das wir alle haben (sollten) und daran ist nichts „krank“ oder verwerflich, sondern es ist nur ein Zustand, ein Moment in unserem Leben. Die Hauptrolle spielt nicht, was uns widerfährt, nur wie wir damit umgehen. Unser Weg, das, was wir denken und – noch weitaus wichtiger – das, woran wir glauben.

Ihre
Caroline Thongsan

Skulskis; Andrzej, Joanna & Caroline: Made in Auschwitz. Psychiatrie der unsichtbare Krieg 2013, Deutschland 2013.

Gefährliche Glückspillen, Deutschland 2014, Regie: John Goetz/Poul Heilbuth, 45 Min., ARD, 21.02.14.

Aderhold, Volkmar: Mortalität durch Neuroleptika, in: Soziale Psychiatrie 07/4, 2007, http://www.psychiatrie.de/fileadmin/redakteure/dgsp/Artikel_Soziale_Psychiatrie_als_PDF/sp_118_5_Mortalitaet_durch_Neuroleptika__Aderhold_.pdf, Zugriff: 14.02.2016

Goffman, Erving: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt am Main1961.

Lehmann, Peter: Der Chemische Knebel. Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen, Berlin 21990.

Szasz, Thomas: Die Fabrikation des Wahnsinns. Gegen Macht und Allmacht der Psychiatrie, New York 1970.

11:48 25.04.2016
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