Der 'Blinde Fleck' bei Günther Jauch

Sexismus-Debatte Günther Jauchs Sendung vom 28.01.2013 titelt: "Herrenwitz mit Folgen - Hat Deutschland ein Sexismus-Problem" und lässt dabei systematisch eben diese Frage aus.
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Liebe Günther Jauch Redaktion,

Zuerst einmal beglückwünsche ich Sie zur Themenwahl. Die aktuelle Sexismus-Debatte ist ein gesamt-gesellschaftlicher Belang, den es in seriös zu besprechen gilt, und zwar in allen und nicht nur den neuen Medien!

Ein heikles Vorhaben ohnehin, kommt in Deutschland erschwerend hinzu, dass nach der zweiten Welle des Feminismus Sexismus als Kritikpunkt individuellen sowie gesellschaftlichen Verhaltens - auch im Sinne aller Geschlechter in allen möglichen sexistischen Konstellationen - abebbte. Die fehlende Sexismus Debatte ist nun durch Laura Himmelreich und Anna Wizorek ins Lodern geraten und entflammt hoffentlich dauerhaft auf gesellschaftlicher wie auch institutioneller Ebene- was übrigens für die bisher ausbleibende Rassismus-Debatte, wie u.a. Noa Sow sie fordert, bisher ausgeblieben ist.

Demnach begrüße ich die Initiative, das Thema Sexismus in Ihrer Sendung und im Bewusstsein Ihrer Reichweite anzukündigen. Jedoch bestätigte sich meine Anfangsbefürchtung; Günther Jauchs Moderation lies nicht 'die Sexismus-Debatte' debattieren, sondern über die Sexismus-Debatte, ihre Entstehung und anhand ihrer Entstehung über ihre Berechtigung mutmaßen. Hier wird politisches Potential bewusst ungenutzt. Die Einzelheiten des Hotelbar-Gesprächs vom Januar 2012 zu deklinieren, ändert weder Motivation noch Berechtigung der Debatte. Es geht hier, ganz in der Tradition früherer feministischer Bewegungen - nicht nur in Deutschland - um das Politische im Privaten. Ergo wäre debattenförderlich, anhand von Beispielen die gesamt-gesellschaftliche Tragweite zu erkennen, ein System an patriarchalen - und das ist nicht synonym gemeint mit ausschließlich agierenden Männern - Strukturen, sowohl in privaten Haushalten als auch öffentlichen Institutionen aufzudecken, anzusprechen und zu hinterfragen. Jauchs Moderation hingegen verharrte vermehrt auf einer 'Kleinrede-Taktik', indem sie eine Debatte, der sich in kürzester Zeit (mind.) Zehntausende (siehe #aufschrei) anschlossen, vom politisch-strukturellen Niveau durch Januar 2012-Detail-Prüfungen auf eine private Bagatelle zwischen einem Politiker und einer Journalistin herabsenkt. In der Sexismus-Debatte geht es nicht dezidiert um Verhaltensnormen von Politiker(inne)n und Journalist(inn)en; auch geht es nicht dezidiert um Verhaltensnormen von Männern gegenüber Frauen, sondern um sexistisches Verhalten im direkten Zusammenhang mit Machtpositionen und Machtmissbrauch. Sexismus als solches muss abgelöst werden vom Verdacht nur von Männern ausgehen zu können bzw. nur an Frauen gerichtet zu sein. Sexismus als solches muss darüber hinaus als in der Gesellschaft strukturell verankerter Mechanismus erkannt werden, der nicht nur von Einzelpersonen oder Personenmengen ausgeht, sondern auch von Institutionen (u.a. Hochschulen, Ämter, Bundestag), Medien (u.a. Werbung, Musikvideos, Film- & Fernsehen), Presse (u.a. Berichterstattung in TV und Zeitung, Meinungsmache in Feuilletons, Talkshows) sowie auf struktureller Ebene (Kindererziehung, Rollenbilder, Geschlechternormen) hervorgebracht und perpetuiert wird.

Um dieser Debatte den Zündstoff zu nehmen, wird hier gezielt in Form von destruktiver Meinungsmache reagiert, welche Argumente auszuhebeln versucht. Jedoch darf es bei dieser Sexismus-Debatte NICHT darum gehen, OB sondern WESHALB sie relevant ist! Wesentlich für eine weiterführende Debatte ist nicht ihr Auslöser, sondern ihr zum Akteur werdendes Publikum. Deswegen führen wir eine Debatte und sprechen nicht von einem Skandal.

Wie in einer möglichen Rassismus-Debatte unbedingt notwendig ist, den 'Blinden Fleck' zu suchen, um Rassismen auch im eigenen Vokabular, Verhalten und Alltag auszumachen, so muss auch die Sexismus-Debatte in Deutschland angekommen jede Person anregen, den eigenen Wortschatz, Arbeitsplatz, Freundeskreis, Familie, Nachbarschaft, Medienkonsum auf sexistische Mechanismen hin zu untersuchen. Bevor wir, wie von Wibke Bruhns und Hellmuth Karasek befürchtet, Einschränkungspolitik über Regulierungsmaßnahmen betreiben, muss zuerst, wie schon von Anne Wizorek, Silvana Koch-Mehrin und Alice Schwarzer gefordert, eine Bestandsanalyse angetreten werden. Wo stehe ich, Wie nutze ich diese Position und wie benutze ich sie anderen gegenüber? Sobald die individuelle Erkenntnis und Beispielnennung auch öffentlich betrieben wird, können viele Einzelne ihre Beobachtungen in einer Erkenntnis-Struktur verstehen, die das Private definitiv in die politische Dimension potenziert. Indem also Anna Wicorek unter dem Hashtag #aufschrei allein binnen drei Tagen über 60.000 Beispielnennungen auslösen kann, sollte dann nicht auch die Sexismus-Debatte mit dem Niveau und Potential weitergeführt werden, das ihr Publikum bereits selbst generiert hat!

Abschließend möchte ich mich Helga Hansen in ihrem "Brief an die Redaktion von Günther Jauch" vom 26.1.2013 anschließen und sagen: "Es gibt viele kluge Leute, die mehr zu Sexismus zu sagen haben" als Harasek und Bruhns, und es gibt hoffentlich viele kluge Leute, die eine nächste Sendung/Online-Debatte/Berichterstattung "nicht zur Phrasenmaschine verkommen" lassen.

bewusst verzichte ich auch die nennung von empfindungen, bewertungen, beleidigungen und interessiere mich für kommentare, die dies ebenfalls tun.

03:33 03.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

koträppchen

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