Der Irakkrieg - eine Dokumentation

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Eigentlich rechnete man mit der Herausgabe der Irak-Dokumente bereits am Montag. Wer an dem Tag nach Nachrichten rund um wikileaks suchte, wurde dementsprechend fündig: es gab viele neue Artikel mit so gut wie keinem neuen Inhalt. Die Medienwelt hatte sich offenbar auf ein Ereignis eingestellt, das nicht stattfinden würde. Als dann am Abend ein Kommentar von Julian Assange via twitter verbreitet wurde, las sich dieser eher wie unverhohlener Spott gegenüber dem Technik-Magazin wired, das das angebliche Veröffentlichungs-Datum im Zuge der internen Streitigkeiten rund um die "Suspendierung" Daniel Domscheit-Bergs genannt hatte.

Nun sind die Dokumente also da (hier und hier und hier auf den offiziellen Wikileaks-Seiten); es sind nicht nur mehrere zehntausend, wie zuletzt bei den Afghanistan War Logs, sondern gar hunderttausende, eine schwer fassbare Zahl. Dafür hat sich auch die Anzahl der berichtenden Medien erweitert. Wo im Juli Guardian, New York Times und Spiegel veröffentlichten, findet man heute nicht nur diese drei sondern zusätzlich Le Monde und The Bureau of Investigative Journalism, das sogar eine eigens für dieses Projekt gestartete Homepage betreibt und mit mehreren anderen Medien kooperiert. Im Folgenden ein kurzer Link-Überblick.

New York Times

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Die NYT stellt die Dokumente auf den ersten Blick klassisch durch Artikel samt Fotos vor. Je weiter man sich vorklickt, desto mehr findet man jedoch. So erstellte sie auch Beispiele für typische Kriegs-Protokolle sowie eine Bildergalerie.

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The Guardian

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Der Guardian wartet mit mehreren interaktiven Karten auf. Eine zeigt eine Übersicht über die Toten, die andere beschreibt die Ereignisse eines "alltäglichen" Kriegstages. Außerdem gibt es ein Video und selbstverständlich Artikel. Der Schwerpunkt ist aber eindeutig interaktiver als bei der NYT.

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Der Spiegel

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Der Spiegel hat eine übersichtliche Zeitleiste zum Verlauf des Krieges erstellt. Hinzu kommen mehrere Karten, die nicht nur den Kriegsverlauf, sondern auch Ethnologie und Bodenschatzverteilung graphisch darstellen.

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Das alles ist graphisch sehr ansprechend gemacht; jedoch scheint sich der Spiegel nach der Veröffentlichung der Afghanistan War Logs bemüßigt zu sehen, die Veröffentlichung zu rechtfertigen und den Wert der Dokumente zu betonen.

"Neu an diesem Logbuch des Feldzugs ist vor allem die Perspektive. Die US-Soldaten selbst sind es, die die Dramen des Krieges schildern. Dramen, die sich zum Beispiel immer wieder an den Kontrollpunkten im Irak ereignen. (...)

Neu ist auch, dass die US-Militärs selbst dokumentiert haben, wie desaströs das Unternehmen "Irakische Freiheit" wirklich verlaufen ist, mit welcher Brutalität sich die von Diktator Saddam Hussein befreiten Iraker gegeneinander gewendet haben. Wer die Nachrichten in den vergangenen Jahren verfolgt hat, wird darüber zwar nicht überrascht sein - doch die Irak-Dokumente schildern eben nicht nur einzelne Vorfälle, sie zeichnen ein Bild der Realität aus insgesamt 391.832 Teilen, das die Grundlage für die künftige Geschichtsschreibung dieses Krieges sein wird."

Le Monde

...erscheint im direkten Vergleich dazu mit seinen Artikeln und einer Infographik sehr schlicht.

The Bureau of Investigative Journalism

schießt in der gesamten Reihe rein vom Volumen her den Vogel ab. Auf einer eigens dafür eingerichteten Internetseite hat man nicht nur graphische Spielereien à Guardian und Spiegel zur Verfügung; die Artikel sind zudem übersichtlich nach Themenschwerpunkt sortiert. Zudem stehen sämtliche Materialen dort unter einer Creative Commons-Lizenz - man darf sie also unter Namensnennung des Urhebers selbst weiter verbreiten.

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Außerdem arbeitete man hier mit einigen Partnern zusammen, die den Warlogs weitere mediale Aufmerksamkeit bescheren. Vor allem Al Jazeera dürfte für eine Verbreitung in weniger westlichen Gebieten sorgen.

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Inhaltlich werde ich heute Nacht nicht mehr groß auf die Dokumente eingehen. Nur zwei kurze Anmerkungen zum thematischen Schwerpunkt.

Einerseits ist man bemüht, vor allem die dokumentatorische Seite der Tagebücher heraus zu kehren, denn sehr viel Neues bieten die Dokumente nicht. Der einzige Punkt, der vorher nicht so klar gewesen sein dürfte, ist, in welchem Ausmaße Folter auch irakischer Befehlshaber an der Tagesordnung war und wie die US-Militärs an den oberen Stellen trotz Meldung nichts dagegen unternahmen.

Die mediale Strategie von WikiLeaks erscheint mir ein bisschen langweilig. Nun ist die Plattform wohl keineswegs dazu da, den großen Entertainer zu spielen, aber die Strategie "größer - weiter - mehr" hat irgendwann irgendwo auch ihre Grenzen. Schon bei den Afghanistan Protokollen hatte man es mit einer Masse von Daten zu tun; diese ist jetzt noch einmal um ein Vielfaches gesteigert worden. Das betont man selbstverständlich hinreichend, steigern wird man dies in Zukunft wohl kaum können, und wenn doch wird es langweilig, immer die selbe Parole von der größten Veröffentlichung überhaupt zu hören. Zudem löst es bei mir schon ein Stirnrunzeln aus, dass man sich in der Hauptsache wieder auf guardian, NYT und Spiegel gestützt hat. Um medienunabhängig zu bleiben wäre es besser gewesen, diesmal komplett andere zum Zuge kommen zu lassen. Oder wollten andere sich schlicht nicht beteiligen? CNN deutet so etwas jedenfalls an - man sei mit den von WikiLeaks vorgebenen Bedingungen nicht einverstanden gewesen, welche das auch immer waren.

Updates/Ergänzungen

23.10., 17.25 Uhr jayne verweist als Ergänzung zu den Diaries auf einen Film (und Streifzug findet eine Version, die nicht nach sieben Tagen aus den Archiven verschwindet, danke) zu den Foltermethoden in Afghanistan, dem Irak und Guantanamo.





23.10., 17.50 Uhr Streifzug hat die Pressekonferenz eingebunden, die auch das ZDF heute morgen streamte. Hier trat nicht nur, wie es in der Vergangenheit öfter vorkam, Julian Assange alleine auf. Zusätzlich waren Kristin Hrafnsson, ein isländischer Investigativjournalist, der mit Wikileaks zusammenarbeitet, Phil Shiner für die Public Interest Lawyers, John Sloboda von Iraq Body Count sowie einem Moderator, dessen Namen ich gerade nicht zusammen bekomme (wird nachgereicht) und beantworteten spezifische Fragen.

Hat Assange damit auf seine Kritiker reagiert? Auf jeden Fall liegt die Betonung nicht mehr so stark auf dem Australier, was der Veranstaltung mE gut tut.





01:51 23.10.2010
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