Die Liebeshandlung (1-25) | Providence <--> Frankfurt (Oder)

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Dieser Text ist Teil eines Projekts: Wir lesen gemeinsam Die Liebeshandlung von Jeffrey Eugenides.

[Ich kann immer nur geschätzte Seitenzahlen-Angaben machen, weil das ebook keine enthält oder ich sie zumindest nicht gefunden habe.]

"Auf einem Transparent über dem Eingangsportal stand «Abschlussjahrgang 1982»." (S.19)

Es existiert ja dieses Klischee von der augenrollenden Autorin, die mal wieder von einem stolzen Bekannten kontaktiert wurde, weil er glaubt in einem ihrer Werke von ihr porträtiert worden zu sein.

Ich lese in gewisser Weise auch so; ich erkenne mich manchmal über die Maßen in Büchern wieder, die dazu eigentlich, zumindest in Bezug auf einige Aspekte, ungeeignet sein sollten. Zunächst übersah ich auf diese Weise komplett, dass die Liebeshandlung gar nicht im Heute, sondern in den 80ern spielt. Durch das obige Zitat geriet ich daher ersteinmal komplett aus der Fassung. Bisher hatte alles so schön zu mir gepasst: Eine Studentin, ein Orchideenfach - irgendwann die Erkenntniss, dass Bücher doch nicht aus allen Lebenslagen heraushelfen können. Kein Wunder also, dass ich ganz natürlich davon ausgegangen war, der Roman beschriebe Gegenwart. Aber es gibt noch einen anderen Grund.

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Eingangstor zur Brown University, Providence von Apavlo at en.wikipedia, Wikimedia Commons

Providence, die Hauptstadt von Rhode Island: sie kam mir bekannt vor. Da sind die "backsteingepflasterten [Gehwege]" , die Backsteinhäuser, das viktorianische Wohnhaus, in dem die Protagonistin Maddie wohnt (dieses hier müsste es sein, S.5). Als Madeleine mit ihren Eltern mehr oder weniger euphorisch zum Frühstücken schlürft, kommt sie zudem an "malerische[n] Häuser[n] vorbei, hübsch instandgehaltenen Gebäuden, an denen historische Tafeln angebracht [sind], und einem großen Mehrfamilienhaus mit Giebeldach." (S.14)

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Musikschule/Ecke Friedenskirche Frankfurt (Oder)

Auch, wenn nicht jedes beschriebene Detail stimmt - meine Stadt besitzt weitgehend keine Backsteingehwege - Frankfurt an der Oder hat diese Häuser und Kirchen und Postgebäude auch. Ich meine die Atmosphäre wiederzuerkennen. Die roten Fassaden sind wunderschön und erfreuen mich jedes Mal, weshalb ich auch das Lob von Maggies Eltern voll und ganz nachvollziehen kann (S.14). Aber die größte Besonderheit an diesen Gebäuden ist nicht unbedingt, dass sie da sind. Wenn sie lediglich in den Straßen ständen, spräche man von einer schönen Stadt, in die man gerne einmal wiederkommt. Vielleicht wäre sie überlaufen von Touristen, die nachts staunend vor dem erleuteten Portal des Postgebäudes ständen.

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(Ehemaliges) Hauptpostgebäude Frankfurt (Oder)

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Stadtbibliothek und "das" Wahrzeichen Frankfurts: der Oderturm

Das Besondere, was Providence seit den 1950ern und Frankfurt seit den 90ern gemein haben: Die Einwohnerzahlen sinken. Die Arbeitslosenquote steigt. Zwei Städte, die mal "was waren" siechen langsam vor sich hin. Beide haben eine lange Geschichte. Laut Wikipedia wurde Providence 1636 besiedelt und gelangte in den 1770ern u.a. durch die Fischindustrie, später dann durch Schmuck und Textilien zu Reichtum. Mit der großen Depression von 1920 versank die Stadt dann mehr und mehr in Armut und schließlich Verbrechen. Erst in den 1980ern - also zu der Zeit, als Eugenides Geschichte spielt - beginnt man langsam, die Stadt wieder aufzubauen. Die Einwohnerzahlen sinken zu dieser Zeit trotzdem noch. Mittlerweile steigen sie wieder leicht.

Nein, Frankfurt ist keine "korrupte Stadt", die "von Kriminalität geplagt und von der Mafia beherrscht" (S.14) wird und allein rund um die Uni friedlich ist. Aber auch Frankfurt sieht an vielen Orten so aus, als sei es halb tot.

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Ehemalige Einkaufsmeile in der Großen Scharrnstraße. Momentan versucht eine studentische Initiative, die Straße durch eine "Studierendenmeile" wiederzubeleben.

Frankfurt bekam bereits 1253 Stadtrechte verliehen, 1506 wurde die Viadrina gegründet. Im 19. Jahrhundert war die Stadt Verwaltungszentrum, nach dem zweiten Weltkrieg dann, wie mir immer erzählt wird, das "Silicon Valley des Ostens". Interessanterweise weiß Wikipedia davon nichts, von den vielfältigen Tätigkeiten der Stasi aber schon. Vom einstigen Stolz der Stadt zeugt aber noch einiges, so zum Beispiel die Konzerthalle. Auf der Türe sieht man nicht nur eine Fabrik, sondern auch die Plattenbauten des Stadtteils Neuberesinchen, der die vielen neuen Arbeiter beherbergen sollte. Mittlerweile werden davon die meisten abgerissen. Nach Neuberesinchen zieht es sowieso wenige. Rund um das Arbeitsamt sieht die Stadt aus, wie Providence von Eugenides beschrieben wird: schmutzig und kriminell.


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Oberer Teil einer Tür der Konzerthalle

Universitäten dagegen sind das Schmuckstück, mit dem sich die Politik gerne rühmt, aber zumindest in Frankfurt ist es so, dass Studierenden von den anderen Einwohner_innen nicht immer freundlicher Wind entgegenbläst. Wir gehören nicht richtig zur Stadt, wir kosten Geld, wir fordern eine utopische Straßenbahn über die Oder hinweg nach Polen. So etwas will man in Frankfurt nicht, wir sind lästig. Ob das in Providence auch so war? Die Lage der Brown University oben auf dem Hügel, fern der Stadt deutet zumindest kein rosiges Verhältnis an:

"Allein die physikalische Erhabenheit [Anmerkung: des College Hill] suggerierte eine intellektuelle."

und:

"Das zweifelhafte Downtown und die sterbenden oder gestorbenen Textilfabriken lagen irgendwo da unten, in düsterer Ferne." (S.14)

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Hauptgebäude der Viadrina am Freitagabend

Wer nicht an einer Vorzeigeuni in einer Vorzeigestadt studiert, den finde ich interessant. Leider finde ich die Stelle nicht mehr, in der Leonard sagt, er habe möglichst weit von zu Hause weg gewollt. Dies kann natürlich auch ein Grund sein, warum man eine Universität aussucht, aber, so unterstelle ich, doch nie der einzige. Leonard, der depressive, lebt in einer depressiven Stadt. Es stimmt nicht wirklich, dass Maddie sich "instinktiv" nur mit den schönen und erfolgreichen Menschen abgibt, wie sie immer betont, dafür ist ihre Beziehung zu Leonard der lebende Beweis. Ist der College Hill vielleicht nur das Vorzeigemodell für die Eltern, zieht sie heimlich nicht auch der Downtown (resp. Leonard) an? Und Mitchell, der erklärt sich, zwar etwas ironisch, aber dennoch Maddies Eltern so: «Ich gedeihe im Elend.» (S.25).

Und nein, keine Sorge: in Frankfurt wird man nicht unbedingt depressiv. Ich hoffe, dass es ebenfalls eine Renaissance erlebt - so wie Providence ab den 80ern.



22:56 23.02.2012
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