Fundstücke 1/11: Augenschmaus

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Empfehlungen der Woche 1/2011 beginnen mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Die gute: Die Auflage der Bildzeitung ist in den letzten 10 Jahren um ein Drittel zurückgegangen. Die schlechte: das muss nicht unbedingt heißen, dass sie weniger Leser hat – und das liegt ausnahmsweise laut Diekmann einmal nicht am Internet.

Werden wir etwas internationaler, belassen unseren Blick auf die Dinge aber einen Moment BILD-gerecht. Passend zu der Aussage meines Polnischlehrers: "Kann ja sein, dass ihr aus bildungsfernen Schichten kommt und keine Atlanten von Polen habt." kommt von mir eine Europa-Landkarte der Vorurteile, die er wohl eher nicht gemeint haben wird, als er sagte, man könne auch im Internet aktuelles Kartenmaterial finden.

Niveauvoll wie früher einmal sei auch die ZEIT nicht mehr, liest man unter so manchem Artikel, auch, wenn ihre Auflage im Gegensatz zu der der Bild eher zunimmt. Das fehlende Niveau mag man auch an dem Artikel bemängeln, in dem der heutige Franz Müntefering porträtiert wird. Sicher hätten die Fragen an den SPDler etwas tiefgründiger sein können, interessant ist aber, dass abseits von Bunte über seine Ehe mit einer vierzig Jahre jüngeren Frau nicht “getuschelt” oder getratscht, sondern diese einfach so hingenommen wird. Ein weiterer Schritt in Richtung Akzeptanz 'ungewöhnlicher' Beziehungen?

Noch einmal geht es um Politik und Blickwinkel: in der Rheinzeitung erschien heute ein Artikel mit und über Julia Probst, deren Blog ich vor zwei Wochen auch die interessanten Details zum schrecklichen Umgang mit Gehörlosen noch weit nach '45 entnahm. Gestern verfolgte sie Westerwelles Rede und kam aufgrund seiner Körpersprache bei der Bewertung im Vergleich zur Presse zu einem recht gegenteiligen Ergebnis *

Es folgen Widersprüche, diesmal nicht zwischen Körpersprache und benützten Worten, sondern rein logisch. In Deutschland bekommt man keinen Schadensersatz, wenn die Polizei unrechtmäßig Häuser durchsucht und Gegenstände zerstört, sehr wohl aber, wenn sie dies rechtlich korrekt getan hat (leider finde ich den Link dazu gerade nicht mehr). In Zürich, so erfährt man nun, müssen Leute Prozesskosten zahlen, obwohl sie zu Unrecht angeklagt wurden. Manchmal (ver)zweifelt man fast an den westlichen Rechtssystemen.

Im östlichen Europa tut man das mitunter auchm und zwar eher stärker als hierzulande. Während der (angebliche) deutsch-amerikanische Spionagesatellit, also google earth in live-Bildern, nicht sehr ausführlich diskutiert wurde, wird der nationale Geheimdienst als wortwörtliche Geheimwaffe der Regierung in Polen extrem kritisch gesehen. Gewürzt mit einer Prise Humor wurde so “Agent Tomek” zum Star:

“Agent Tomek ist aber mehr als nur ein ehemaliger verdeckter Ermittler, der mit der Zeit zu einem popkulturellen Produkt wurde. Vielmehr ist Agent Tomek das Synonym für die polnischen Spezialdienste CBA und die Agentur für Innere Sicherheit, die vor allem während der zweijährigen Regierungszeit der nationalkonservativen Recht und Gerechtigkeit (von Jaroslaw Kaczynski quasi außer Kontrolle gerieten und zwischen 2005 und 2007 mehr die Interessen der regierenden Partei verfolgten als die des Landes – ohne dabei die Gesetze zu beachten, die sie eigentlich schützen sollten. Mit dem Ergebnis, dass sich bis heute parlamentarische Untersuchungsausschüsse und die Justiz mit dem damaligen Treiben der Nachrichtendienste beschäftigen. “

Das alte Jahr ist noch nicht lange vorbei und manche werden ihre Vorsätze schon wieder gebrochen haben. Bei manchen hingegen bin ich froh, dass sie sie erst gar nicht gefasst haben. Z.B. mit dem Rauchen aufzuhören. Denn dann hätten sie jetzt “Günter im Kopf” (statt Hirnmasse) und es gäbe keine solch entzückenden Fotos wie diese von rauchende Frauen.

Nicht nur bei Rauchern kann einem manchmal der Eindruck kommen, dass bestimmte Vorsätze nicht allzu lange halten sollten. Darauf passt momentan wunderbar die ARD, aber nein, es geht ausnahmsweise nicht um fünf Talkshows in der Woche, sondern um Frau Piehl und die Jugend. Erstere sagt nämlich in der taz:

"Da würde den Kollegen vom Privatfernsehen ja das Herz stehen bleiben".

Spricht sie sich etwa gegen Schmonzetten und Klatsch- und Tratschsendungen aus? Von wegen.

"Da würde den Kollegen vom Privatfernsehen ja das Herz stehen bleiben", wenn die ARD mit einem eigenen Jugend-TV analog zum Kinderkanal Ernst mache, sagt Piel, "und medienpolitisch ist das wohl ebenfalls nicht durchsetzbar".

Fassen wir also zusammen: Jugendfernsehen kann man nur auf RTL machen. Für alles andere sind die Kleinen zu niveaulos – und zu frustriert.

Darauf lasst uns einen trinken: auf die Jugend, die Freitag Community und den kleinen Rest der Menschheit, der dann noch übrig bleibt. Prosit Neujahr.

FotoFavorit der Woche: Müllschlucker. Leider nicht geeignet für geistigen Müll.

*Interessant in dem Zusammenhang ist auch, dass sie meint, dass Wulff und Westerwelle von dem gleichen Rhetorik-Coach geschult werden. Denn das klärte für mich das irritierende Moment auf, warum Westerwelle auf dem Parteitag so ganz anders sprach, als ich ihn schon live erlebt habe. Auf großen Veranstaltungen wirkt er unecht. Als er an der Europa-Universität in Frankfurt vor kurzem einen Vortrag über die deutschen Beziehungen zu Polen und Belarus hielt, war ich extrem erstaunt, wie gut und überzeugend er reden kann, wenn keine großen Kameras auf ihn gerichtet sind.

Die Silvesteredition der Fundstücke gibt es bei merdeister.

15:33 07.01.2011
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