Fundstücke 11/11: Deutsche Modelektüre

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vielleicht werden einige bemerkt haben, dass ich vor zwei Wochen keine Fundstücke eingestellt habe. Nach den Fundstücken 8 kommen daher Fundstücke 10. Das hatte einen sehr einfachen Grund: Ich habe den Guttenberg-Hype nicht ertragen und mein News-Feed nicht einmal mehr mit spitzen Fingern angefasst.

“Ein Hype ist auf Deutsch “Medienrummel”. Hypes sind negativ besetzt, weil gerade Medienvielnutzer schnell genervt sind von einem Thema. Sie bekommen die Hype viel stärker mit als der Durchschnittsbürger.

Doch impliziert das Wort “Hype” bei vielen auch “Da ist nix dran”. Und das ist Unfug. Medienrummel aber hat selten die Realität abgebildet. Die Fußball-WM 2006 war ein Hype, Lady Gaga ist einer, und genauso die Griechenland-Krise. Doch das sagt nichts darüber aus, ob ein Thema auf Dauer relevant ist oder ein Projekt erfolgreich ist.”

sagt Thomas Knüwer. Während er jedoch denkt, dass dies einfach zum Medienalltag dazu gehört, bin ich der Meinung, dass man die Zahl der Säue, die durch's Dorf getrieben werden, schon allein dadurch verringern könnte, dass die Medien wieder weniger nach Copy&Paste, dafür mehr mit Recherchewerkzeugen arbeiten. Manche haben das (scheinbar) erkannt.

"Unsere Aufgabe ist es, zu filtern, zu interpretieren, zu gucken, was steht hinter der Nachricht. Es ist eigentlich ein dramatischer Prozess, wie viel heute nur darin investiert wird, in der Politik und in der Wirtschaft, Informationen so zu verpacken, dass man die Gesellschaft, den Leser, den Zuhörer, den Zuschauer in der Form erreicht, wie man es gerne hätte. Und wir als Journalisten, als Übersetzer sind damit viel, viel wichtiger geworden. Dass unsere Reputation darunter in den vergangenen Jahren teilweise gelitten hat und seit vielen Jahren leidet, liegt auch daran, dass oft Exklusivität vor Qualität geht."

Das Zitat stammt von dem Wirtschaftsjournalisten Jörg Eigendorf, den die Welt-Gruppe seit Ende 2010 als Leiter eines neuen Rechercheteams eingesetzt hat. Auch von diesem Team kann man nicht sicher sein, wie sehr es nur eine Alibi-Funktion erfülle, so das Deutschlandradio.

Neu ist das Phänomen allerdings nicht; vor 200 Jahren hatte der Hype allerdings noch einen anderen Namen: Deutsche Modelektüre.

Auch momentan gibt es wieder jede Menge Modelektüre, die es mir schwer macht, Texte zu finden, die nichts mit Japan zu tun haben. Natürlich, das Thema ist wichtig. Dennoch, hier greift eines meiner liebsten Fundstücke überhaupt. Leider passt es in fast jeder Hinsicht:



Sarah Kirsch

Ende des Jahres (1982)

In diesem Herbst wurden die Atompilze
In den Journalen solch gewöhnlicher Anblick
Daß sich beim Betrachten der Fotografien
Ästhetische Kategorien herzustellen begannen
Die Lage des blauen Planeten war absehbar
Das Wort Neutronenwaffe erschien häufig
Wie seine Brüder Benzinpreise Wetterbericht
Es wurde alltäglich wie Friedensappelle.

Mein Kind hat eine Fünf geschrieben
Was soll ich sagen es kostet schon Kraft
Seinen Anblick die Unschuld ertragen
Und wir leben unser unwahrscheinliches
Abenteuerliches Leben korrigieren die Fünf
Das Kind geht zur Schule wir pflanzen Bäume
Hören den Probealarm die ABC-Waffen-Warnung
Kennen die Reden der Militärs aller Länder.



Da ich nun auch bei dem Thema bin, kann ich auch direkt feststellen, dass das bisher kernkraftfreie Land Polen auch nach Fukushima an seinen Reaktorbauplänen festhält. Es gibt keine Partei, die dieses Vorhaben in Frage stellt:

“Selten einig mit der Regierung zeigt sich in Polen die Opposition bei der Bewertung der Katastrophe in Japan und möglicher Folgen für Polen. Vizesejmmarschall (Vize-Parlamentspräsident) Jerzy Wenderlich vom Bündnis der Linken SLD erklärte die Atomkraftnutzung sei in einer Welt, der die natürlichen Ressourcen ausgehen eine Notwendigkeit.

Adam Hoffman von der rechtsgerichteten Partei Recht und Gerechtigkeit PiS erkärte, die Katastrophe in Japan solle keinen vernünftigen Politiker zu dem Entschluss bringen, die Pläne zum Bau der beiden polnischen Atomkraftwerke zu stoppen.”

In der Bevölkerung ist die Verteilung anders: 46 Prozent sprachen sich gegen Atomkraft aus, 47 Prozent dafür. Interessant ist dabei auch, dass sich 64 Prozent der männlichen Bevölkerung pro Atomkraft äußern, während 59 Prozent der Frauen dagegen sind.

Das Fundstück der Woche kommt diesmal aus dem Freitag, was ich sonst zu vermeiden suche: In “Hier sind noch Zimmer frei!” spricht der Filmautor Dirk Lienig mir aus dem Herzen, wenn er sagt:

“Man kann Hoyerswerda als Stadtlabor verstehen. Aus den Problemen heraus entstehen ungewöhnliche Projekte, die zeigen, wie lebendig auch so ein Schwund sein kann. (…) Immer nur in Hamburg oder München ist genauso langweilig wie im Prenzlauer Berg. Dort ziehen alle in ihre Eigentumswohnungen und werden spießig. Auch eine Bewegung, aber da finde ich es hier viel interessanter.”

Lieber als eine hippe Stadt mag ich die freien Flächen, wo man zwar vor scheinbar unüberwindlichen Herausforderungen steht, wo man aber auch viel Platz für die eigenen Ideen vorfindet.

Können Sie Gebärdensprache? Ich habe irgendwann in der Grundschule einmal das Alphabet sprechen gelernt, mehr nicht. In den USA dagegen ist die American Sign Language mit 5 Prozent Anteil eine der meistgelernten Fremdsprachen und damit gleichauf mit Deutsch und vor Italienisch.

Wer sich einmal versuchen möchte: Hier ist ein elektronisches Wörterbuch.

Zum Abschluss gibt es statt einem Foto passend zur Leipziger Buchmesse ein Video zu Bücherregalen (damit habe ich dann jeden Hype diese Woche mitgemacht).

Die nächsten Fundstücke präsentiert, genau wie die letzten und vorletzten, merdeister.

[note to self: 4 mal 2 ergibt 8.]

11:50 18.03.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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