Fundstücke 5/11: Identitätswirren

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Wie immer zu Beginn, drei Neuigkeiten aus Polen.

Den Afghanistaneinsatz, den zu Beginn noch 69% der Bevölkerung unterstützt hatte, wollen nun 83% nicht mehr. Absurd, mit welchen Versprechungen man da anscheinend geködert wurde (abgesehen von der Terrorismusbekämpfung):

“Nicht einmal die Visa-Pflicht bei USA-Reisen sei für die Polen beseitigt worden und die versprochenen Aufträge für polnische Firmen beim Aufbau des Landes habe es auch nicht gegeben.“

Und es gibt noch eine andere Müdigkeit, die wahrscheinlich dazu beitragen wird, dass ein "Polen vs. Russland"-Thema hier nicht mehr so oft auftauchen wird wie in den letzten Wochen: Mit “A day without Smolensk” rief eine (wohl aufgrund der hier nachzulesenden grotesken Reaktionen von seinem Gründer bald nicht mehr gestützte) Facebookkampagne dazu auf, das abgestürzte Flugzeug endlich einmal einen Tag ruhen zu lassen und nicht diverse Verschwörungstheorien zu bemühen (siehe die vorletzten Fundstücke).

Neulich hörte ich einen Radiobericht, der sich darüber lustig machte, dass die Internetseiten von Konzentrationslagern auf polnischem Gebiet in Zukunft vielleicht nicht mehr die Endung .pl sondern .eu haben sollen, weil man die Lager wohlmöglich sonst für polnisch statt für nazi-deutsch halte. Für uns mag das absurd klingen, aber dies hat eine Vorgeschichte und inzwischen sogar eine Petition, die u.a. der polnische Präsident Bronislaw Komorowski als auch der ehemalige amerikanische Präsident Jimmy Carter mitzeichneten. Im Wallstreet-Journal war zweimal innerhalb des letzten Jahres die Formulierung “polnisches Konzentrationslager/polnisches Todeslager” aufgetaucht; und man berichtete mir, es gebe sogar Leute, die ernsthaft glauben, Hitler lebe noch. Wer weiß, wer dann solche Berichterstattung falsch versteht.

Wo wir gerade schon bei NS-Geschichte sind:

“Er schlägt mit seinen Armen wie eine Windmühle herum.”

Letzte Woche wäre der vor 1933 berühmt gewordene und während der NS-Zeit auf dem Höhepunkt seiner Karriere befindliche Dirigent Wilhelm Furtwängler 125 Jahre alt geworden. Im Vorfeld gab es einen Spielfilm (sehenswert), der mich sehr nachdenklich gemacht hat, weil mich die Filmfigur davon überzeugt hat, dass Furtwängler sich “eben so durchgemogelt” hat und kein richtiger Nazi, sondern eigentlich sogar ein Retter von einigen Verfolgten war - und dass die Entnazifizierungsverfahren mehr Machtspiele zwischen den USA und der UdSSR darstellten (die einen wollen, dass er für entlastet wird, die anderen brauchen eine schuldige, verurteilte Symbolfigur). Zu einer abschließenden Meinung bin ich noch immer nicht gekommen. Der verlinkte Radiobericht behandelt das Thema rund um seine Verklärung auch nach 45 sehr ausgeglichen.

Dass (Tages-)Zeitungen sterben, dürften inzwischen alle gemerkt haben. Eine Alternative hat Thomas Knüwer:

“Die Trennung zwischen Print- und Onlineredaktion sollte aufgehoben werden. Stattdessen sollten Produktions- und Recherche-Einheiten unterteilt werden. Und man muss die Stars einer Redaktion rausholen. Nicht nur bekannte Autoren, sondern Redakteure, die Experten in Nischenthemen sind. (...) Diese Stars müssen alle Freiheiten bekommen, zu tun, was sie wollen. “

Insgesamt ein sehr lesenswertes, von beiden Seiten kritisches Interview, das sich netterweise auch einmal der Sinnlosigkeit des Phänomens annimmt, jede Nachricht von jeder Zeitung per Copy & Paste extra online zu stellen statt auf die Konkurrenz zu verlinken.

Bleiben wir online. Am 27. Januar starb Felix Herzbach. Immer, wenn so etwas passiert, erfasst mich keinesfalls Trauer, jedoch frage ich mich dann auch jedes Mal, wie lange es “Cassandra” u.ä. noch geben wird.

Einen Identitäts-Clash der historischen Art gibt es in der Türkei: dort ist eine Fernsehserie mit der halb türkischstämmigen Deutschen Sarah Userli angelaufen, die zwar extreme Einschaltquoten, aber auch entsprechend viel Protest bekam, weil hier angeblich aus dem Harem des Sultans “ein Puff” gemacht werde und so die eigene Geschichte in den Dreck gezogen werde. Die Sendung ist bereits offiziell von einer Aufsichtbehörde verwarnt.

Ein unglaublicher Widerwillen erfasst mich, wenn ich von Hirnscans lese, mit denen man Grundschüler besser der richtigen Schulform zuordnen können soll. Vielleicht gibt es ja dann demnächst die zu Lasten des Bafögs gehenden Stipendien auch nur noch, wenn man sich einem Hirntest unterzieht, damit man auch ja nicht geschummelt hat, was den Intelligenzquotienten angeht? Wer weiß.

Passend zu meinen letzten, zukunfts-pessimistischen Worten das Foto der Woche: New York vor 100 Jahren.

Die nächsten Fundstücke, bekommt ihr, wie auch die letzten, vom fantastischen merdeister.

Dass dieser Text inzwischen auch von Rechtschreib-, Grammatik- und Interpunktionsfehlern bereinigt ist, verdanke ich natürlich nicht meinen, sondern oraniers, herausragenden Sprachkenntnissen. Sollten noch Fehler vorhanden sein, bitte ich also die Kritik direkt an ihn und keinesfalls an meine Wenigkeit zu richten.

14:55 04.02.2011
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