Fundstücke 51: "Küchenrevolutionäre"

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Passend zum Weihnachtsfest (das man hier mitunter zweimal feiert) bekam ja das vornehmlich christlich-orthodoxe Belarus Lukaschenka und seine netten Polizisten für weitere unbestimmte Zeit geschenkt. Der fortschreitenden Kontrolle der traditionellen Medien gesellte sich im letzten Jahr auch noch die Internetzensur hinzu. Blogger wie Viktor Malishevsky schreckte das damals wenig, als er sich Mitte des Jahres als Quasi-Nachfolger der “Küchenopposition” der Sowjetunion sah. Noch. Für seine jetzige Situation fehlt ein Fundstücke-Link. Dennoch oder gerade deswegen sehe ich ihn ein wenig als "Küchenrevolutionär".


Derweil scheinen andere Länder sich bei der Verpackung ihrer Zensurmaßnahmen etwas mehr Mühe zu geben. Wie unheimlich schade, dass man hierzulande nicht nur lieblos die Kinderschutz-Schleifchen abriss, sondern gleich das ganze Päckchen wegwarf, wo sich doch alle solche Mühe gegeben hatten! Aber keine Sorge, ich bin mir sicher, dass irgendwer das gute Stück noch einmal aus dem Mülleimer hervor holen wird. Diese Anleitung sollte man also tunlichst aufbewahren.

Ob der “Kinderschutz” wohl auch irgendwann dafür gesorgt hätte, dass wir nicht mehr solche unartigen Artikel lesen dürfen, die die PowerPointPräsentation des US-Militärs ignorieren und sich stattdessen andere Quellen suchen?

“Eigentlich haben wir hier gar nichts zu suchen. Sondern sollten in eine ganz andere FOB (Forward Operating Base, Außenlager) gebracht werden. Dort hätten die Soldaten gewusst, was sie sagen sollen, wenn sie mit uns sprechen. In diesem sandigen Lager aber ist keiner auf uns vorbereitet. Unsere Piloten, Mitglieder privater Sicherheitsfirmen, die für die Embassy Air arbeiten, haben irgendwie die Karte falsch gehalten; uns abgesetzt und sich dann aus dem Staub gemacht.”

Gutti jedenfalls fände das sicher formidable, dann wäre in den Zeitungen noch eine Seite mehr frei für eines seiner Hochglanzfotos. Mein ganz besonderer Liebling ist dieses hier. (Gibt es in Afghanistan nicht auch Dinos? Arbeiten die vielleicht mit den Taliban zusammen? Hätte ja sein können.)

Solche Bilder zeigen auch sehr schlicht, was Polen fehlt: ein Held wie unser aller KT. Ansonsten würden es amerikanische Offiziere wohl nicht wagen, die polnischen Truppen in Afghanistan als faule Bande zu bezeichnen, die bloß in diesen netten friedlichen Gebieten herumlungert und ein Nickerchen hält.

In Polen selbst disktutiert man jedoch schon länger lieber die Toten als die Noch-Lebenden in Afghanistan. Drei große Internetplattformen meldeten in den vergangenen Tagen, in den Särgen des Präsidentenpaares Kaczynski lägen “unbekannte Dritte”. Das ganze würde ein wenig an die Schieberei von Joseph Haydns Schädel erinnern (wer würde wohl nicht einmal gern in Kaczinskys Kopf schauen), wären da nicht auch noch Gerüchte darum, dass ein anderer Passagier erst nach der Katastrophe von Smolensk umgebracht wurde; und käme nicht hinzu, dass Premier Tusk die russischen Ermittlungen zu dem Fall als inakzeptabel zurückweist und damit die Gerüchteküche um die wahren Umstände und mögliche Verschleierungen von russischer Seite noch weiter ankurbelt.

Und wie feiert man in Polen Weihnachten? Polskie Radio hat dazu ein auf englisch geführtes Gespräch mit Polen, einer Vietnamesin, einer Schweizerin, einem Deutschen und einer Lettin. Hier erfährt man vor allem etwas über die symbolische Bedeutung von polnischem Weihnachtsessen.

Von unseren polnischen hin zu unseren österreichischen Nachbarn: dort wurde letzte Woche still und leise der Sozialbericht der Regierung veröffentlicht. Robert Misik hat ihn bis zum Ende gelesen und kann daher aufzeigen, dass die Ungleichverteilung auch in einem reichen Land wie Österreich sogar offiziell beglaubigt immer extremer wird.

440 Milliarden Euro Finanzvermögen besitzen die privaten Haushalte in Österreich. Davon haben die reichsten zehn Prozent 54 Prozent auf der hohen Kante. Zwei Drittel der österreichischen Haushalte besitzen dagegen kein nennenswertes Geldvermögen. Und noch einmal krasser ist die Verteilung der Immobilienvermögen. Die Top-Ten besitzen hier 61 Prozent. Und die untersten vierzig Prozent besitzen gar nichts.”

Eine andere Form der (bekannten) Ungerechtigkeit behandelt Wolfgang Uchatius: die Herstellung von T-shirts in Billiglohnländern. Die Reportage beschränkt sich aber nicht auf eine reine Anklage, sondern erklärt vor allem anschaulich die Zusammenhänge, warum Baumwolle in nächster Zeit teurer werden wird – und lässt den Leser zum Schluss mit dem mulmigen Gefühl zurück, dass es keinesfalls die Konsumenten sein werden, die die 60 Cent Preisaufschlag bezahlen müssen. Bei mir gesellt sich aber unvermeidlich noch ein weiterer Gedanke hinzu: Dass eben gerade Weihnachten ist und man daher diese Art Artikel gerade jetzt platzieren muss. Dabei wären sie auch zu anderen Jahreszeiten öfter einmal als kleine Erinnerungsstütze angemessen.

Bleiben wir international. Das schweizer Magazin “Beobachter” bringt eine Reportage zur Gebärdensprache:

“Die Mailänder Beschlüsse von 1880 waren die Vorboten einer verhängnisvollen Entwicklung. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden Gehörlose von Psychiatern und Fürsorgestellen für geisteskrank erklärt. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden sie ermordet und in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg oft zwangssterilisiert.”

(via augenschmaus)

Wer nun denkt, dass dies eine schlimme Geschichte ist, die keine Auswirkungen auf die Gegenwart hat, irrt. Noch mehr als hundert Jahre nach den Mailänder Beschlüssen wurden gehörlose Kinder bestraft, wenn sie die Gebärdensprache benutzten, weil man auf die fabelhafte Idee gekommen war, dass diese ja sehr wohl sprechen könnten, auch, wenn sie dies selbst nicht hörten. Auf diese Art und Weise sank der Bildungsstand von Gehörlosen extrem – statt zu lernen mussten sie sinnlos artikulieren üben. Gleichzeitig wurden sie sowohl physisch als auch psychisch gemaßregelt, wenn sie sich weigerten zu sprechen und stattdessen gebärdeten.

Lernen wie sie wollen hingegen können die glücklichen Schülerinnen und Schüler einer evangelischen Privatschule in Berlin. Solch eine Lernatmosphäre, in der man sich länger mit dem Thema beschäftigen kann, das wirklich interessiert, habe ich mir immer gewünscht. Nun gibt es tatsächlich Lehrerfortbildungen, die von Schülern betrieben werden, die von dieser ihrer Art zu lernen genauso begeistert sind wie ich.

Und noch ein Lern-Link zum Abschluss: Die Sendung mit der Maus erklärt, wie ein Touch-Screen funktioniert. Auch geeignet für Physik-Nieten.






Mein FotoFavorit der Woche kommt von Anette Pehrsson: december. Und mit diesem träumerischen, wenn auch ein wenig melancholischen Polaroid im Kopf wünsche ich Euch allen frohe Weihnachten!

Zu den merdeister-Fundstücken der letzten Woche geht es hier entlang.

17:30 24.12.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 16

Avatar
krem-browning | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar